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Die Sprachwächter*innen

Der Verein Deutsche Sprache ruft zum Widerstand gegen den „Gender-Unfug“ auf. Was für ein rückschrittlicher Unsinn, meint unser Autor Maximilian Helm. Ein Essay.

Welche Wortendung spricht alle an? In der Genderdebatte gibt es jetzt eine Petition mit prominenten Unterstützern.
Welche Wortendung spricht alle an? In der Genderdebatte gibt es jetzt eine Petition mit prominenten Unterstützern. © Getty Images

Für die einen ist sie Ausdruck linksintellektueller Schaumschlägerei, für die anderen Baustein einer gleichberechtigten Gesellschaft: die gendergerechte Sprache. Sie soll Männer, Frauen und alles dazwischen gleichermaßen berücksichtigen. Eine altbekannte Generation von Sprachverteidiger*innen hat sie als ihr neues Hassobjekt auserkoren und versucht nun energisch, das gute Deutsch vor dem vermeintlichen Frontalangriff zu schützen.

An der Spitze kämpft der Verein Deutsche Sprache (VDS). Mit einer Online-Petition ruft er zum Widerstand gegen das Gendern auf. Unter den 108 Erstunterzeichner*innen, darunter die Schriftstellerin Sybille Lewitscharoff und der Politikwissenschaftler Werner J. Patzelt, befinden sich nur 23 Frauen. Inzwischen hat die Petition über 33.000 Unterschriften aus ganz Deutschland gesammelt. Sie argumentiert: Die konsequente Verwendung geschlechtsneutraler Sprache, insbesondere des Gendersternchens, führe zu Unlösbarkeiten wie einem „Bürger*innenmeister“. Dem Konstrukt liege der Irrtum zugrunde, dass „zwischen dem natürlichen und dem grammatischen Geschlecht ein Zusammenhang besteht“, heißt es im Text. Als Argument muss das Pferd herhalten, dessen Genus auch nicht dem Geschlecht folge. Auch das Weib sei sächlich, obwohl in der Biologie weiblich.

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Der Tiervergleich ist irreführend, denn einem Pferd ist es völlig gleich, wie es angesprochen wird, da es das Konzept der menschlichen Sprache überhaupt nicht versteht. Das Wort Weib hingegen beschreibt unmissverständlich eine weibliche Person. Worum es aber geht, sind Begriffe, die meist nur in der männlichen Form verwendet werden, obwohl damit ebenso Frauen gemeint sein können. Es macht zum Beispiel einen Unterschied, ob eine Frau als Bauarbeiter oder Bauarbeiterin angesprochen wird.

In ihrer Funktion als tägliches Werkzeug hat Sprache einen Einfluss darauf, wie wir denken – und schließlich auch handeln. Sprache bestimmt Vorstellung und Zuschreibungen. Wer hört, dass jemand „zum Arzt“ geht, stellt sich in aller Regel einen Mann vor. Sich diese Effekte wenigstens bewusst zu machen, ist das erste Etappenziel der Genderbewegung.

Aber wird dadurch nicht alles total kompliziert? Auch die Befürworter*innen streiten über den richtigen Mittelweg zwischen alltagstauglicher und möglichst gerechter Sprache. Für die meisten Gegner*innen ist völlig unvorstellbar, dass sich so etwas wie ein eingefügtes Sternchen im Wort durchsetzen kann. Fast alle Zeitungsredaktionen zum Beispiel – so auch die Sächsische Zeitung – entscheiden sich bislang bewusst gegen das Gendern. Hier steht der Lesefluss im Mittelpunkt, der durch Irritationen wie Sternchen oder Unterstriche gestört würde. Von der gesprochenen Sprache ganz zu schweigen: Wie soll man das Sternchen denn aussprechen?

Tatsächlich gibt es schon Menschen, die auch im Alltag so sprechen, und es sind gar nicht so wenige. In Student*innenkreisen zum Beispiel ist es keine Seltenheit: Statt einem umständlichen „Wählerinnen und Wähler“ entscheiden sie sich für „Wähler*innen“ – was nebenbei auch noch trans- und intersexuelle Menschen einbezieht. Gesprochen wird das ganz einfach „Wähler-Innen“, mit einer kurzen Pause dazwischen. Die Praxis zeigt: Das geht völlig problemlos, es ist vor allem eine Frage der Gewohnheit.

Auf diese Menschen, die sich freiwillig für die genderneutrale Sprache entschieden haben, und auf ihre Gründe dafür geht die Petition mit keiner Silbe ein. Stattdessen tut sie so, als widerspräche das Sternchen dem gesunden Menschenverstand und wäre der Untergang der Sprachkultur. Lang und breit wird die Handhabbarkeit kritisiert. Doch auf die inhaltlichen Argumente gehen die Kritiker*innen kaum ein.

Im letzten Abschnitt heißt es lediglich, „die Verzerrungen der Sprache tragen nicht dazu bei, Frauen zu mehr Rechten zu verhelfen“. Ein Argument dafür sei, dass Angela Merkel es an die Spitze des Staates geschafft habe, obwohl im Grundgesetz nur vom „Bundeskanzler“ die Rede sei. Dabei hatte Angela Merkel, die ehemalige Frauenministerin, in ihrer Karriere mit dem männlich geprägten Bild der Kanzler*in durchaus zu kämpfen. Warum Merkels Amt ein besseres Beispiel sein soll als der Bundestag mit seinem Frauenanteil von gerade mal 31 Prozent, bleibt offen. Immerhin spricht das Grundgesetz auch von „Abgeordneten“.

Dabei hat niemand behauptet, dass gendergerechte Sprache ein Allheilmittel sei. Sie ist Ausdruck einer gesellschaftlichen Bewegung. Es geht darum, niemanden auszugrenzen. Denn oft folgen auf Worte Taten. Zum Beispiel bei Stellenausschreibungen, wo es sich längst eingebürgert hat, immer auch die weibliche Form mit zu nennen: Denn wenn ein „Hausmeister“ gesucht wird, hat eine „Hausmeisterin“ von vornherein schlechtere Karten – oder sie bewirbt sich gar nicht erst.

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Maximilian Helm ist 24 Jahre alt und Volontär bei der Sächsischen Zeitung.
Maximilian Helm ist 24 Jahre alt und Volontär bei der Sächsischen Zeitung. © Daniel Schäfer

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