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Die Spur hinter den Steinen

Görlitz. Für zehn jüdische Bürger wurden jetzt Stolpersteine verlegt. An einige von ihnen erinnert sich eine alte Görlitzerin.

Von Varinia Bernau

Ihr altes Zeugnis hat Ruth Pilz gut aufbewahrt: Louis Stern, bei dem sie mit 15 Jahren als Verkäuferin in die Lehre ging, attestierte ihr darin, dass sie mit Fleiß bei der Arbeit war. Wenige Wochen später gab der Kaufmann seinen Textilgroßhandel am Postplatz auf und ging mit seiner Familie nach Palästina. Noch ein paar Wochen später wüteten die Nationalsozialisten in den damals rund 60 jüdischen Geschäften der Stadt, legten Feuer in der Synagoge.

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Das vergilbte Dokument ist auf 1938 datiert. Doch noch heute hat Ruth Pilz einen guten Draht zur Familie Stern: In der vergangenen Woche waren drei Enkeltöchter des Kaufmanns zum ersten Mal in Görlitz. Die älteste von ihnen spricht etwas Deutsch. Ihr Großvater hat, auch in der neuen Heimat, nie Hebräisch gelernt.

Blick in alte Verkaufsräume

Ruth Pilz hat die Frauen auf den Spuren ihrer Mutter und ihrer Großeltern durch die Stadt geführt: zu dem grünlichen Haus auf der Emmerichstraße 14, einst eine jüdische Frauenklinik. Hier hatte Hannah Stern, Tochter der Kaufleute und Mutter der drei aus Israel angereisten Frauen, das Licht der Welt erblickt. Sogar in die Synagoge und in die einstigen Verkaufsräume der Sterns durften sie unverhofft einen Blick werfen. Die Türen hat ein Mitarbeiter vom Ordnungsamt geöffnet, von dem sie erst dachten, er würde ihnen ein Knöllchen aufdrücken. „So sind sie mit einem schönen Andenken abgereist.“

Ruth Pilz war selbst zweimal in Israel. Hannah Stern, mit der sie sich während ihrer Lehrzeit angefreundet hatte, sagte eines Tages zu ihr: „Komm, wir besuchen meine Cousine zum Kaffee.“ Und plötzlich stand in einem Altersheim in Haifa dieser alte Mann vor ihr. Er hatte Tränen in den Augen: „Aber erkennen Sie mich denn nicht, ich bin doch der Kurt Fischer aus Görlitz.“ Das sei seltsam gewesen, am anderen Ende der Welt einem ehemaligen Görlitzer gegenüberzustehen, sagt die heute 86-Jährige und lächelt. „Es ist ja schon so lange her.“

Jene Zeit, in der die Fischers ihr Stoffgeschäft erst unter der Wohnung am Demianiplatz, später auf der Bismarckstraße 29 hatten. Jene Zeit, in der jüdische Händler, Ärzte und Rechtsanwälte ein wichtiger Teil des wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Lebens in Görlitz waren. Ein Teil, der immer kleiner wurde, je mehr die Nationalsozialisten an Macht gewannen.

Kurt Fischer interessierte sich nicht für Politik. Er interessierte sich für Blumen, für den Duft von Rosen und Tulpen. Und doch begriff er rechtzeitig, dass er Deutschland verlassen muss. Er ging zunächst nach Südfrankreich, wo er eine Zeit lang als Gärtner arbeitete. Und 1937 emigrierte auch er nach Palästina. Für die Eltern des heute 93-jährigen Kurt Fischer wurden am Montag zwei Stolpersteine verlegt. Vor ihrem Wohnhaus am Demianiplatz erinnern die Messingplatten daran, dass sie 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert wurden. Kurz zuvor noch hatten sie ihren Kurt in Haifa besucht. Sie wollten nachkommen, zuvor nur noch ein paar Dinge in Görlitz erledigen.

500 Meter weiter, wo die Salomon-straße auf die Berliner Straße trifft, wurden auch drei Stolpersteine verlegt. Für Elsbeth, Hugo und Robert Schaye. Vor jenem Haus, in dem Ruth Pilz als junges Mädchen, wie sie sagt, „so viele schöne Stunden“ verbracht hat. Zum Beispiel, wenn sie mit den Eltern und den Freunden dem Radio lauschte. Juden im Dritten Reich durften kein Radio besitzen, weshalb die Haushälterin der Schayes ihr Gerät für alle mitbrachte.

Das gemeinsame Schicksal ließ die Familien zusammenrücken. Robert Schaye, der im Fellhandel der Eltern nahe des heutigen Flugplatzes mithalf, war ebenso wie der Vater von Ruth Pilz am Tag nach dem Pogrom der Nazis verhaftet und ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht worden. Zwei von insgesamt über 30 Festnahmen, die dem Wüten der Nazis folgten. Eine Person aus jedem zweiten jüdischen Haushalt: Es gab etwa 200 Juden in Görlitz im Jahre 1938. Fast doppelt so viele waren es noch kurz vorm Machtantritt der Nazis fünf Jahre zuvor gewesen.

Im selben Jahr noch, kurz vor Weihnachten, kamen die meisten der verhafteten Männer zurück. „Sie waren schwer misshandelt worden, der Anblick war furchtbar“, erinnert sich Ruth Pilz. Auch daran, dass sie im Schutz der Dunkelheit die Salomonstraße vom Bahnhof hinunterliefen, damit sie niemand in diesem jämmerlichen Zustand sieht.

Ausgewandert nach Australien

Anders als Robert Schaye hatte es seine Schwester Katharina rechtzeitig geschafft, dem Wahnsinn zu entrinnen. Vermutlich verdankt sie das einer Reihe von Begegnungen und Entscheidungen, die man als Zufall zusammenfassen könnte: Anfang der 20er Jahre bereits hatte sie einen Antiquitätenhändler geheiratet. Die Geschäfte liefen immer schlechter – und so wanderten die Eheleute mit der Tochter Eva 1930 nach Australien aus.

Die Wirtschaftskrise nach dem Börsenkrach in New York schwappte über die ganze Welt, auch bis Görlitz: Viele jüdische Händler machten ihre Läden dicht, packten die Koffer. So wie die junge Eva mit ihren Eltern. Am Wochenende wird Ruth Pilz in Australien anrufen – und der Freundin aus Schulzeiten zum 85. Geburtstag gratulieren.