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Stadtplanung in Stadthände

Die Innenstädte bieten noch viel Potenzial für Wohninteressenten. Das sollten wir ernster nehmen.

© René Plaul

Von Anne Hasselbach

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Kamenz. Mit einiger Sorge beobachte ich die zunehmenden Forderungen nach Bauland, die durch die Ab- und Zuwanderungsbewegungen zwischen Stadt und Land aufkommen und in jüngsten Medienberichten, wie auch im „Ansturm aufs Bauland“ (SZ vom 15. Januar, Seite 13), zu lesen waren. Es ist einerseits richtig, den Willigen, die sich aufs Land und dessen Vorteile besinnen, mit entsprechenden Angeboten und einer Willkommenskultur entgegenzukommen. Wenn aber die Folge von hohen Miet- und Baulandpreisen in Großstädten die Fortschreibung der Zersiedlung von kleineren Gemeinden und Städten ist, dann kann ich diese Tendenzen nicht für gut heißen.

Ich möchte vor allem die Entscheider in den Kleinstädten und Gemeinden davor warnen, die gleichen Fehler wie nach der Wende zu machen, indem Städte durch zu kurz gedachte Raumplanung massive Identitätsverluste erlitten. Derzeit bemühen sich allerorts City- und Quartiermanager, die Zentren wieder schrittweise mit Leben zu füllen. Wir alle wissen, wie mühsam dieser Prozess ist. Dazu kommt, dass in Entscheidungsgremien durch unsicheren Umgang mit diesem Thema Planungen nicht ausreichend unter städtebaulichen, ästhetischen und nachhaltigen Gesichtspunkten beurteilt und in der Folge Entscheidungen getroffen werden, die uns irgendwann wieder auf die Füße fallen. Wenn Wachstum zur Beliebigkeit führt, dann ist das aus meiner Sicht kein gesundes Wachstum mehr und man sollte sich genau überlegen, wo die Prioritäten in einer gesunden Stadt- und Ortsentwicklung liegen.

Vorhandene Ressourcen besser nutzen

Die zu beobachtende Willkür in der Planung und Umsetzung von Einfamilienhaus-Siedlungen und diverser Neubauten auf der grünen Wiese ist stellenweise ernüchternd. Dabei meine ich nicht, dass man nicht durchaus modern und zeitgemäß bauen sollte, vielmehr ist es auch die Tatsache, dass Architektur und Stadtplanung den Bauherren und Baumärkten überlassen werden und Fragen der Nachhaltigkeit und potenzieller Bestand in den Hintergrund geraten.

Ich plädiere dafür, die Ressourcen und Potenziale von Bestandsgebäuden besser zu nutzen und diese vernünftig mit Fachplanern zu entwickeln. Projektentwicklungen können helfen, Investoren anzulocken. Gerade mit dem Blick in das Kamenzer Stadtzentrum gibt es viele Bemühungen und Ideen, so manche Immobilie nutzbar zu machen. Freilich ist das immer mit Kompromissen und vielen Anstrengungen verbunden. Parkplätze, Freiflächen und größere Räume sind auch in Kamenz Mangelware. Dennoch sollte man bewusst und verantwortungsvoll mit dem Erhalt von Bauwerken umgehen, bevor die nächste Grundplatte auf der grünen Wiese betoniert wird. Der Reiz des ländlichen Raumes und der Mittelzentren liegt eben gerade in den über viele Jahrzehnte und Jahrhunderte gewachsenen Strukturen mit all seinen Geschichten, die sich darum ranken. Denken wir an die schönen Innenhöfe in unserer Altstadt, das alte Krankenhaus oder das Amtsgericht, die Schneewittchensiedlung oder der Dreiseithof mit Taubenschlag in Wiesa. Das sind noch Orte und Bauten mit Charakter. Die sollten es uns wert sein, alle Anstrengungen auch weiter in den Bestandschutz zu investieren.

Leerstand wird produziert

Dafür muss in Zukunft eine Basis geschaffen werden, die es Bauherrn und Investoren ermöglicht, mit Bestand noch besser zurecht zukommen, ihn schätzen zu lernen und bezahlbar zu halten. Das Streben nach Neuem und das Versiegeln von wertvoller Natur ist nicht das Allheilmittel für die derzeitigen Verschiebungen von Bevölkerungsgruppen. Wir bauen, um es in einem Bild zu beschreiben, jedes Jahr eine Stadt wie Bonn neu, ohne dass sich die Bevölkerungszahlen in Deutschland entscheidend geändert hätten. Zukünftig sagt das Statistische Bundesamt sogar einen Bevölkerungsrückgang voraus. Wir produzieren quasi Leerstand. Wollen wir das?

Für die zunehmende Verantwortungslosigkeit in den Großstädten darf nicht das Einfamilienhaus auf der grünen Wiese herhalten, zumal dieses Lebensmodel unter den heutigen gesellschaftlichen Voraussetzungen längst schon veraltet ist. Die Kinder gehen ohnehin früh aus dem Haus für Ausbildung und Studium. Dann stehen Kinderzimmer leer und die Frage nach der Versorgung im Alter bleibt ebenso offen. Hier kommen wieder bezahlbare und gut funktionierende Wohnungen in den Kleinstädten ins Spiel. Sicherlich ist hier an erste Stelle die große (Förder)-Politik gefragt. Aber jeder sollte sich selbst fragen, was er konkret dazu beitragen kann.