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Die Stammkneipe auf dem TU-Campus

In der Serie stellt die Sächsische Zeitung Kultkneipen vor. Im „Müller‘s“ trinken Studenten und Professoren gemeinsam.

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Von Marcus Herrmann

Im Raucherraum der Schankwirtschaft „Müller‘s“ auf der Bergstraße 78 sitzt Ronny Reimann. Der 41-Jährige nippt an einem großen Bier und genießt die Stille im Séparée. Es ist 17.30 Uhr, die Kneipe an der Ecke zur Zeunerstraße ist seit einer halben Stunde geöffnet. „Ich komme fast jede Woche und fahre dafür gerne 20 Minuten mit dem Auto“, sagt Reimann. Weil er hier rauchen darf oder Gelegenheit findet, in Ruhe zu lesen. „Der Hauptgrund ist aber die gigantische Freundlichkeit der Bedienung und natürlich das leckere Essen“, sagt Reimann.

Das schätzen auch andere Gäste am „Müller’s“. Am Rand des TU-Campus gelegen, ist die Kneipe das Stammlokal für Studenten, Professoren und Anwohner aus den Stadthäusern auf dem Campus. Sie alle mögen die Atmosphäre und den Chef, den viele hier nur liebevoll Hugo nennen.

Dabei heißt er eigentlich Holm Gottwald. Seit April 2008 betreibt der 47-Jährige Kneipier mit seiner Lebensgefährtin die Bar. „Meine Partnerin Madeleine ist die eigentliche Chefin. Sie leitet die Geschäfte. Wie sollte es auch anders sein? Sie heißt mit Nachnamen Müller“, sagt der Dresdner. Im Lokal ist seine Freundin trotzdem nur selten. Sie arbeitet hauptberuflich als Ergotherapeutin. Auch Gottwald übte bis vor Kurzem einen weiteren Beruf aus. Inzwischen ist er aber nur noch Kneipier und kümmert sich mit vier studentischen Bedienungen und einem Koch an sechs Tagen in der Woche um seine Gäste. „Ich war lange in der Hotelbranche. Doch das wurde irgendwann zu viel.“ Das Handwerk in der Gastronomie hat der gelernte Maschinen- und Anlagenmonteur in Studentenklubs wie dem „Gag 18“ gesammelt.

Auf das Müller‘s ist er durch einen Zufall aufmerksam geworden. Ein Getränkehändler wies ihn 2008 auf die leer stehende Kneipe hin. „Da haben Madeleine und ich zugeschlagen“, sagt Gottwald. Seitdem läuft die Bar gut. Euphorisch ist der Chef trotzdem nicht. „Rundum zufrieden bin ich erst, wenn mir nicht jedes Jahr neue graue Haare wachsen. Aber es könnte schlechter sein“, sagt der Familienvater. 2010 kam sein Sohn zur Welt. Manchmal sei es unter diesen Umständen schon stressig, eine Bar zu führen. Nur am Sonntag hat Gottwald frei und richtig Zeit für die Familie. Sonst ist er spätestens 16  Uhr im Lokal. Bis das „Müller’s“ öffnet, muss er die Kasse vorbereiten, putzen oder Magazine für Besucher bereitlegen. Viele von ihnen sind Stammkunden. Der Universitätschor ist zum Beispiel immer mittwochs da. „Auch philosophiert wird hier manchmal“, sagt der Barchef. „Eine Gruppe Philosophie-Studenten hält in der Bar regelmäßig einen Stammtisch ab.“

Den hat auch Ronny Reimann sicher. Nächsten Sonnabend ist er wieder hier. „Das ist Pflicht“, sagt er.