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Die Standhafte im Schatten

Wer war die Ehefrau an der Seite Augusts des Starken? Silke Herz holt Christiane Eberhardine aus dem Dunkel.

Christiane Eberhardine (Ausschnitt)
Christiane Eberhardine (Ausschnitt) © Kupferstich-Kabinett; Staatliche Kunstsammlungen D

Von Thomas Schade

Wir kennen viele Mätressen August des Starken: Maria Aurora Gräfin von Königsmarck, die er in Moritzburg verführt haben soll. Maximiliane Hiserle, bekannt als Gräfin Esterle, der August im August 1696 beim Wiener Hofball den Kopf verdrehte. Da lagen gerade zwei andere Frauen mit Kindern von ihm im Wochenbett. Oder die Lubormirska, bekannt als Fürstin von Teschen, die August als König von Polen 1700 eroberte und die er nach fünf Jahren verstieß – nach der Geburt eines Sohnes. Sie musste Anna Constantia von Hoym Platz machen. Die spätere Reichsgräfin von Cosel brachte es auf acht Jahre an Augusts Seite, ehe sie auf die Burg Stolpen verbannt wurde. Es gab noch viele.

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Eine Frau aber lebte 33 Jahre an der Seite des glanzvollsten Kurfürsten, den die Sachsen je hatten: Christiane Eberhardine aus dem Hause Brandenburg-Bayreuth war die Angetraute Friedrich August I. Anders als die schillernden Mätressen existierte die Königin in der Geschichtsschreibung eher im Schatten ihres Gatten, obwohl sie politisch, historisch und kulturell gebildet und standhaft protestantisch war. Sieben Jahre nach ihrem Tod 1727 prägte Freiherr Carl Ludwig von Pöllnitz in seinem Buch „Das galante Sachsen“ das Bild der abgewiesenen, verbitterten und vereinsamten Königin, das bis heute kolportiert wird.

Eigener Hofstaat in Pretzsch

Diese Sicht sei einseitig und unvollkommen, sagt die Dresdner Kunsthistorikerin und Museologin Silke Herz. Niemand vor ihr hat das Leben und Wirken der sächsischen Königin so intensiv erforscht. Nun erschien ihre Doktorarbeit als erste wissenschaftliche Biografie über Christiane Eberhardine in der Schriftenreihe zur Residentkultur. Der Band dürfte ein Standardwerk zum höfischen Leben in Sachsen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts werden.Die Autorin stieß während ihrer Tätigkeit an den preußischen Schlössern und Gärten auf Christiane Eberhardine. Die sächsische Königin war eine Zeitgenossin der ersten preußischen Königin Sophie Charlotte. Silke Herz bemerkte, dass heute über den Glanz der Fürsten weit mehr bekannt ist als über das repräsentative Wirken der fürstlichen Damen. Christiane Eberhardine war de facto die First Lady eines der bedeutendsten deutschen Kurfürstentümer, das unter August dem Starken eine Blütezeit erlebte. Aber über dessen Frau seien „kaum belegbare Fakten“ bekannt gewesen, sagt sie.In 26 Archiven mehrerer Länder folgte Silke Herz den Spuren von Christiane Eberhardine. Sie sei auf eine ausgezeichnete Quellenlage gestoßen -- zum Dresdner Hofleben sowieso, aber auch zur eigenen Hofhaltung der Königin. Denn Christiane Eberhardine repräsentierte nicht nur in Dresden ausgiebig und standesgemäß. 

Sie schuf sich später im nordsächsischen Pretzsch ihren eigenen Hofstaat. Aus den Quellen ergebe sich eine facettenreiche Sicht auf die Fürstin und ihren umfangreichen Hof, mit dem sie wahrhaft königliche Pracht entfaltete – fernab von August, aber auf Augenhöhe und im gegenseitigen Respekt zueinander. Denn das ungleiche Paar sei durchaus freundschaftlich verbunden gewesen, was an der Schwelle zum 18. Jahrhundert keinesfalls die Regel gewesen sei.Der Grund: Christiane Eberhardine weilte bereits als Dreizehnjährige über ein Jahr am Dresdner Hof. Der Aufenthalt war Teil ihrer Ausbildung. An der Elbe stand sie unter der Obhut von Augusts Großmutter Magdalena Sibylla, ebenfalls aus dem Hause Brandenburg-Bayreuth. So spielte der Teenager mit den charakterlich sehr verschiedenen sächsischen Kurprinzen Johann Georg und Friedrich August. 

Die Quellen, so Silke Herz, deuten darauf hin, dass sich beide Brüder für das attraktive Fräulein aus Bayreuth interessierten. Aber die Mutter der Prinzen, Anna Sophie, eine Dänin, hatte für Johann eine dänische Prinzessin im Auge. So blieb für Christiane nur der zweitgeborene August. Sie heirateten am 20. Januar 1693 in Bayreuth. Als der 25-jährige Johann Georg IV. nach knapp drei Jahren auf dem Thron starb, übernahm sein Bruder 1694 die Regentschaft in Sachsen und 1697 über Polen. Christiane Eberhardine wurde Kurfürstin und Königin.

Umfassend beschreibt die Autorin, welche Folgen Augusts Wahl zum polnischen König auf die Ehe und das Leben der Königin hatte. Seine Regentschaft in Polen und sein Übertritt zum Katholizismus habe die im Glauben außerordentlich feste Ehefrau in einen tiefen Konflikt gestürzt, „entweder ihrem Mann die Gefolgschaft zu verweigern oder Einschränkungen in der Religion hinzunehmen“. Christiane Eberhardine blieb protestantisch, nahm Aufgaben als Königin von Polen nie wahr und setzte nie einen Fuß auf den Boden ihres Königreiches. Das habe das gute Verhältnis des Paares verschlechtert, so die Autorin. Doch beide seien zeitlebens zuvorkommend miteinander umgegangen. Das lasse sich an Augusts finanziellen Mitteln und Geschenken festmachen: „Christiane Eberhardine achtete die Geschenke ihres Mannes in besonderer Weise und präsentierte sie als Gunstbeweise des Königs. Sie hat ihre Rolle als fürstliche Gemahlin vorbildlich ausgefüllt, tugendhaft gelebt, karitative, zeremonielle und gesellschaftliche Aufgaben erfüllt und war gehorsam – bis auf den Glauben“, sagt die Autorin.

Aktenberge zur Hofhaltung

Diese Selbstständigkeit hatte ihren Preis. In den Archiven fand Silke Herz auf Taler und Groschen genau, was der separate Hofstaat kostete, den die Königin seit 1698 auf Schloss Pretzsch führte. Wenige Tage vor der Geburt seines einzigen ehelichen Kindes und Thronfolgers hatte August seiner Frau Schloss und Amt Pretzsch übereignet. Die Quellen geben Auskunft über die 180 Personen ihres Hofstaates, zu dem 30 adelige Hofdamen und Kammerherren und 15 Musiker gehörten. Aufgezählt sind die Köche, Gärtner, Zofen, Stallburschen und Handwerker. Sie unterhielt 50 Fahrzeuge von der Staatskarosse bis zu ihrem Lustschiff, mit dem sie zwischen Dresden und Pretzsch reiste. „Ganze Aktenberge sind von der Hofhaltung der Königin überliefert“, sagt Silke Herz. Sie spiegeln auch ihre finanzielle Situation wider.

Der Autorin ist ein Werk gelungen, das Freunden amouröser Historienromane nicht dienen kann. Vielmehr liefert sie mit neu erschlossenem Material eine wissenschaftlich außerordentlich aufschlussreiche Abhandlung über das höfische Leben zur Zeit Augusts des Starken. Zudem rückt sie die historische Rolle der Ehefrau an seiner Seite in ein neues Licht. Zu der hochwertigen Publikation gehören neben einem ausführlichen Personen- und Quellenverzeichnis auch 370 Abbildungen, von Porträts bis zu Darstellungen höfischer Zeremonien, historischen Grundrissen der Residenzen und Stammbäume.

Silke Herz: Königin Christiane Eberhardine – Pracht im Dienst der Staatsräson, Kunst, Raum und Zeremoniell am Hof August des Starken, Lukas Verlag, 369 S., 70 Euro

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