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Die stillen Zeugen der Elbe

Hungersteine berichten vom Leid vergangener Jahrhunderte. Jetzt taucht ein bisher unbekannter Felsen auf.

© Daniel Schäfer

Von Nancy Riegel

Stadt Wehlen. Unscheinbar liegen die Steine am Ufer der Elbe. Von Wasser bedeckt, bleiben sie meist Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte lang unsichtbar. Und das ist gut. Denn wenn sie sich zeigen, steht das Wasser im Strom besorgniserregend niedrig. So wie in den vergangenen Tagen. Bis auf 60 Zentimeter sank der Pegel an der Messstelle in Schöna. Normal wären 190 Zentimeter. Und somit tauchen sie wieder auf, die Hungersteine in der Elbe.

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An die 15 Daten sind am Oberpostaer Hungerstein eingemeißelt.
An die 15 Daten sind am Oberpostaer Hungerstein eingemeißelt. © Norbert Millauer
© Grafik: SZ

Ein Hungerstein galt in früheren Jahren als Symbol für karge Zeiten. War der Pegel der Elbe tief, kamen Schiffsverkehr, Handel, Fischfang und Flößerei zum Erliegen. Die Ernte auf den Feldern verdorrte. Die Jahre, die besonders schlimm waren, in denen die Menschen besonders hungern mussten, wurden samt Wasserstandsmarke in die Steine gemeißelt. 1616, 1654, 1782, 1963. Und noch viele Daten mehr.

Der wohl bekannteste Hungerstein der Sächsischen Schweiz liegt am Postaer Elbufer, etwa in Höhe des Kriegerdenkmals. Wenige Kilometer weiter, im Stadt Wehlener Ortsteil Pötzscha, springt die Hündin Fenja übermütig ins lauwarme Wasser der Elbe. Die rundgewaschenen, glatten Kiesel und Steine am Ufer des Flusses sind für sie kein Hindernis. Etwas bedachter folgt ihr Herrchen Karlheinz Petersen. Vor drei Jahren, als der Elbpegel ähnlich niedrig war wie jetzt, fiel ihm beim Spaziergang etwas auf. „An der Wasserkante lugten Ziffern hervor. Damals waren sie allerdings noch nicht komplett zu sehen.“

Jetzt schon. Die Zahl 1868 ist in einen flachen Stein gemeißelt, kopfüber, darunter eine tiefe Furche. Diese markiert den Pegel vor 150 Jahren. Der Friedensrichter hat damit einen bisher unbekannten Hungerstein am Ufer in Pötzscha entdeckt. Der Steinmetz, der sich damals die schweißtreibende Arbeit vorgenommen hatte, war sich wohl sicher, dass die Elbe einen historisch niedrigen Wasserstand erreicht hat. Er konnte nicht wissen, dass er im Jahr 2018 noch deutlich darunter liegen wird. Karlheinz Petersen, erfahren im Umgang mit Sandstein, will in Erfahrung bringen, ob er die 2018 dazumeißeln darf.

Der ehemalige Seefahrer ist sich sicher, dass es noch weitere Hungersteine gibt, die mittlerweile in Vergessenheit geraten sind. „Ich erinnere mich, wie mein Großvater von einem Stein bei Obervogelgesang erzählt hat“, so der 67-Jährige. Auch dieser ist heute in keiner Karte vermerkt. Petersen will sich in den kommenden Tagen auf die Suche nach dem Brocken machen. Ob er ihn findet, ist ungewiss. „Einige Steine wurden infolge der Schiffbarmachung sowie des Ausbaus des Gewässers entschärft oder beseitigt“, heißt es in einer Erhebung des Landeshochwasserzentrums Sachsen.

„Wenn du mich siehst, weine!“

Dieses hat sich nach dem niedrigen Pegel im Jahr 2015 an einer Übersicht der Hungersteine und Untiefen versucht, gemeinsam mit den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen Dresden. Zwischen dem tschechischen Techlovice und den Magdeburger Domfelsen haben sie Geschichte, Lage und Historie der Hungersteine erfasst. Einige Fundstellen sind nicht mehr als eine Schotterfläche – wie am Grenzübergang in Schmilka.

Manche Steine tragen nur eine Jahreszahl, wie der in Königstein, auf dem eine 1681 eingemeißelt ist. Mehr als 15 Eintragungen sind auf dem bekannten Hungerstein in Oberposta vermerkt, die Jüngste hat Steinmetz Heino Lembcke vor drei Jahren eingeknüppelt.

Nicht in der Übersicht der Wissenschaftler vermerkt sind der Stein in Pötzscha und ein Brocken in Prossen. Günther Helmig hat den Stein in Bad Schandau untersucht. Seine Ergebnisse hat er im 26. „Pross’ner Heft“ niedergeschrieben. „Von einem Angler gab es Hinweise auf den bis dato unbekannten Stein beim ehemaligen Bahnwärterhaus.“ Fünf Jahreszahlen zwischen 1928 und 2015 sind auf der schräg liegenden Platte eingemeißelt, die vom Elberadweg aus gut zu erreichen ist.

Im Vergleich zu anderen Hungersteinen sind die Eintragungen jung. „Wenn du mich siehst, dann weine“, steht auf einem Felsen in Decin geschrieben. Die ersten Jahreszahlen auf diesem hydrologischen Denkmal stammen aus den Jahren 1417 und 1473. „Diese wurden im Laufe der Zeit durch ankernde Schiffe abgerieben“, heißt es vom Landeshochwasserzentrum. Auch am Stein in Pötzscha könnten einst Boote angelegt haben, glaub Karlheinz Petersen. „Um den Stein herum war eine Kuhle angelegt, das wirkte nicht natürlich.“

Pegel auf dem Smartphone

Für ihn, dessen Familie seit Jahren mit dem Wasser verbunden ist – schon der Ururgroßvater war Schiffer – sind Hungersteine schon immer ein Begriff. Wer nicht an einem Fluss wie Elbe, Rhein oder Mosel lebt, kennt diesen Namen wohl kaum, beziehungsweise nicht mehr. „Hungersteine sind für unsere Gewässerkunde eine Informationserweiterung“, sagt Katrin Bernhardt vom Umweltministerium. Aber die Bedeutung, die sie vor Hunderten von Jahren hatten, haben sie heute nicht mehr.

„Hungersteine sind ein Stück Geschichte, mehr nicht“, fasst es der Pötzschaer zusammen. Dank Auto, Zug und Flugzeug muss heute niemand mehr hungern oder verarmen, wenn der Pegel niedrig steht. Karlheinz Petersen prüft den Schönaer Pegel auf seinem Smartphone. Aus Tschechien wurde offenbar eine Welle die Elbe hinunter geschickt. „Der Pegel wird trotzdem kaum steigen“, glaubt er. Die Hungersteine, die stummen Zeugen der Elbe, werden also auch weiterhin vom Leid der Vergangenheit berichten.