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Die Stimme in der Not

Die Rettungsleitstelle Pirna ist tot. Es lebe die Regionalleitstelle Dresden. Ein Besuch im Disponentensaal von Übigau.

Von Jörg Stock

Ein Notruf aus Pirna: In den Büros der Sächsischen Zeitung brennt es! Schössergasse 3 – das historisch kostbare Rochow’sche Haus. Die Mikrowelle in der Teeküche ist wohl explodiert. Es qualmt stark. Personen betroffen? Nicht auszuschließen. Tilo Gebauer klappert auf der Tastatur, der Computer errechnet das Aufgebot zur Rettung: vier Löschfahrzeuge, Drehleiter, zwei Einsatzleitwagen, Notarzteinsatzfahrzeug, zwei Rettungstransportwagen, Kreisbrandmeister und, und, und. Elf Einsatzfahrzeuge rasen los. Tilo Gebauer muss nur noch den Mauszeiger auf das kleine Glöckchen am Bildschirmrand schieben, und …

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Brand im Heidenauer Recycling-Unternehmen Kühl am 13.März. Es war einer der ersten Großalarme, die Dresdens Regionalleitstelle im Pirnaer Gebiet auslöste. Etwa 50 Feuerwehrleute aus Heidenau, Pirna, Dohna und Gorknitz rückten an. Archivfoto: M. Förster
Brand im Heidenauer Recycling-Unternehmen Kühl am 13.März. Es war einer der ersten Großalarme, die Dresdens Regionalleitstelle im Pirnaer Gebiet auslöste. Etwa 50 Feuerwehrleute aus Heidenau, Pirna, Dohna und Gorknitz rückten an. Archivfoto: M. Förster © Marko Förster
Unter 112 zu erreichen: Hauptbrandmeister Tilo Gebauer (56) aus Pirna-Copitz an seinem neuen Arbeitsplatz in der Regionalleitstelle Dresden-Übigau. Mehr als zwanzig Jahre war Gebauer Disponent in der Rettungsleitstelle Pirna. Am 11.März zog er mit acht Ko
Unter 112 zu erreichen: Hauptbrandmeister Tilo Gebauer (56) aus Pirna-Copitz an seinem neuen Arbeitsplatz in der Regionalleitstelle Dresden-Übigau. Mehr als zwanzig Jahre war Gebauer Disponent in der Rettungsleitstelle Pirna. Am 11.März zog er mit acht Ko

Er löscht den Auftrag. Nur ein Test. Vor wenigen Wochen hätte der Disponent Tilo Gebauer noch zu der fiktiven Einsatzstelle laufen können. Da befand sich sein Arbeitsplatz an der Zehistaer Straße in Pirna. Jetzt sitzt er eine halbe Autostunde weit weg in einem brandneuen grauen Großbau aus Sichtbeton, Stahl und Glas in Dresden-Übigau, der die Integrierte Regionalleitstelle beherbergt. Seit dem 11. März kommen hier alle Notrufe aus dem Altkreis Sächsische Schweiz an. Gemerkt hat das wohl keiner, der draußen 112 wählte. Für Tilo Gebauer und seine Kollegen aber begann so etwas wie eine neue Zeitrechnung.

Der Disponentensaal liegt in der dritten Etage. Statt drei Arbeitsplätze, wie in Pirna, gibt es hier 21. Wie Inseln stehen sie in dem weiten, offenen Raum. An einigen Inseln flammen rote Lämpchen. Dort wird gesprochen, heißt das. Zu hören ist nur ein allgemeines Murmeln. Alles hier frisst Schall: die Decke, die Wand, der Fußbodenbelag, die Blenden an den Arbeitstischen, sogar die Jalousien, die aus dem hellen Tag Dämmerlicht machen. Die Computertürme samt den rauschenden Lüftern stehen sowieso in einem ganz anderen Raum.

Im hinteren Winkel dieser so unaufgeregten Zentrale des Notfallmanagements steht die Insel von Tilo Gebauer. Seit 6 Uhr morgens ist er hier, jetzt geht es auf elf zu. Was so los war? Bisher nichts Besonderes, sagt der Hauptbrandmeister. Ein Sturz in der Wohnung, eine Türöffnung, ein Arbeitsunfall mit Säge, ein Verkehrsunfall mit verletzter Person. Gerade hat er Notarzt und Rettungswagen ins Lockwitztal geschickt. Jemand ist bewusstlos, vielleicht eine Kreislaufgeschichte. „Ganz normales Einsatzaufkommen“, sagt Herr Gebauer.

Die Pirnaer antworten den Pirnaern

Tilo Gebauer, 56, aus Pirna-Copitz, zählt zu den Erfahrensten, die von Pirna nach Dresden gezogen sind. 1993 hat er die erste Schicht in der Pirnaer Rettungsleitstelle mitgemacht und am 10. März dieses Jahres die letzte, die Nachtschicht. Schon in der Nacht darauf saß er hier. Es gefällt ihm gut. Die Kollegen sind nett, das Umfeld ist schön, die Technik funktioniert. Er klopft dreimal auf seinen Tisch. So soll es bleiben.

Das Personal der Großleitstelle ist in vier Dienstgruppen eingeteilt. In jeder dieser Dienstgruppen sollen mindestens zwei Pirnaer sein. Das System ist so programmiert, dass die ehemals Pirnaer Disponenten vorrangig Notrufe aus ihrem alten Beritt bearbeiten. Nur wenn die Ortskundigen überlastet sind, nimmt ein anderer Disponent das Gespräch an.

Ortskunde. Der Begriff war oft gefallen, als man um die kleinen Landkreis-Leitstellen kämpfte. Als Tilo Gebauer in dem Job anfing, da gab es noch keine Mobiltelefone, keine Navis. Da musste er sich auskennen im Revier wie ein Taxifahrer. Heute sieht er das nicht mehr so eng. Das Kartenmaterial auf seinem Bildschirm ist sehr genau, sagt er. Damit kann jeder Disponent die Einsatzkräfte zum Ziel führen. Trotzdem hat es immer noch Vorteile, wenn einer die Gegend kennt wie Tilo Gebauer. Bei Kletterunfällen in der Sächsischen Schweiz zum Beispiel ist die Anfahrt mitunter knifflig, und es kommt vor, dass selbst die Verunglückten nicht genau wissen, wo sie sind.

Tilo Gebauers neuer Arbeitsplatz ist angenehm flexibel. Hat er das Sitzen einmal satt, lässt er die Arbeitsplatte mit all den Bildschirmen einfach nach oben schnurren und macht daraus ein Stehpult. Ein Zuckerschlecken ist die Disponenten-Arbeit aber nicht. Nimmt Herr Gebauer ein Gespräch an, muss er oft sekundenschnell entscheiden, welche Hilfe für den Anrufer die richtige ist. Manchmal prasseln ihm wüste Schimpfworte ins Ohr von Leuten, die sich schlecht behandelt fühlen. „Da muss man dann ganz tief Luft holen“, sagt er.

Der Leitstellenbereich Pirna ist der erste, den die Regionalleitstelle Dresden übernimmt. Zu den rund 145 000 Dresdner Notrufen kommen nun pro Jahr etwa 37 500 hinzu. Und das ist nicht das Ende der Fahnenstange, sagt Thomas Mende, der Chef des Hauses. Wenn Organisation und Technik es erlauben, soll Anfang Juni die Dippoldiswalder Rettungsleitstelle integriert werden, im September die Riesaer und im November die Meißner. „Und dann feiern wir alle zusammen Weihnachten.“