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Die Stimmen des Volkes

Elli Nitschke und Joachim Herrmann sind Schöffen am Amtsgericht. Beim Urteilen hilft ihnenviel Menschenkenntnis.

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Von Rolf Hill

Es ist der abschließende Höhepunkt einer Hauptverhandlung im Saal 210 des Löbauer Amtsgerichts. Alle, die an einem Prozess beteiligt sind, und natürlich die Zuschauer, erheben sich von ihren Plätzen. Der Vorsitzende beginnt seinen Spruch mit der Formel: „Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil...“ Dies bleibt unveränderlich, der Weg bis zu einer Entscheidung für ein Urteil, das das weitere Schicksal des Angeklagten bestimmt, ist es nicht. Je nach Art und Schwere der verhandelten Straftat stehen ihm zwei „ehrenamtliche Kollegen“ zur Seite–die Schöffen.

Das sind von der Kommune berufene und beim ersten Einsatz vor Gericht vereidigte Laienrichter, die auch ohne Professionalität durchaus ein gewichtiges Wort mitzureden haben. Das gilt übrigens nicht nur für die Urteilsfindung, sondern für den gesamten Prozessverlauf. Zwei von ihnen sind Elli Nitschke und Joachim Herrmann. Beide haben gerade rund die Hälfte ihrer ersten, fünfjährigen Wahlperiode hinter sich und dabei schon eine Menge praktischer Erfahrungen verschiedenster Art gesammelt. Außerdem verfügen beide bereits aus ihrer beruflichen Tätigkeit über reichliche Menschenkenntnis und Einfühlungsvermögen.

„Gerade diesen menschlichen Aspekt versuchen wir während der Hauptverhandlung immer mit einzubringen“, bestätigt die 63-jährige Ottenhainerin Elli Nitschke. Ihr beruflicher Werdegang führte sie von der Lehre als Handelskauffrau über verschiedene Stationen, etwa der BHG, bis in die Vorstandsetagen der Löbauer Raiffeisenbank und der Volksbank Löbau-Neugersdorf. 2006 ging sie zwar in Rente, aber die ist wie so oft nicht mit dem ultimativen Ruhestand gleichzusetzen. Sie habe immer eine große Verantwortung in der und für die Öffentlichkeit getragen, sagt sie. Das will sie in ihrem Ehrenamt als Schöffin fortsetzen und Lebenserfahrungen und Fachkenntnisse einbringen.

Joachim Herrmann sieht es ebenso. „Auch ich habe wohl den größten Teil meines Lebens mit irgendwelchen Problemfällen zu tun gehabt“, sagt er. Das bezieht sich bei ihm nicht nur auf die vielen Jahre als Offizier, sondern auch seine späteren Tätigkeiten auf dem Gebiet des Umweltschutzes, der Sozialpädagogik und der Behindertenbetreuung. Heute ist der 65-jährige Löbauer Vorsitzender des Arbeitslosenkreisverbands Löbau-Zittau und zudem noch Kreis- sowie Stadtrat.

Wachsames Auge, offenes Ohr

Bleibt nach all dem – einschließlich der Schöffentätigkeit – überhaupt noch Zeit für Hobbys? „Natürlich“, schmunzelt er, „aber die liegen alle im sozialen Bereich.“ So ergebe sich im Endeffekt immer ein sinnvolles Dreigespann aus juristischer Kompetenz. Im vorliegenden Fall verkörpert letztere der Amtsgerichtsdirektor Dr. Karl Keßelring, die wirtschaftliche Kompetenz vertritt Elli Nitschke und die soziale Joachim Herrmann. Aus dieser Aufgabenteilung resultiert dann meist auch die Art der Fragen, die sie stellen. Bisher sei man damit durchaus gut zurecht gekommen, sagen beide.

„Jeder Fall ist auf seine Weise spannend, aber gleichzeitig auch eine Tragödie“, räumt Joachim Herrmann ein. Den Schöffen liegen vor Beginn der Hauptverhandlung keine Akten vor, und im Regelfall kennen sie auch den oder die Angeklagten vorher nicht. Es gelte also, sich völlig unvoreingenommen auf den Fall einzustellen, die Persönlichkeiten, deren Umfeld und Motive zu sondieren, um am Ende selbst zu einem persönlichen vernünftigen Urteil zu finden. „Das erfordert mitunter auch von uns ein Umdenken durch neue, erst während der Verhandlung aufgetauchte Aspekte“, erklärt Elli Nitschke. Ein wachsames Auge und ein offenes Ohr seien dabei immer angebracht.

Beide betonen, dass alle Entscheidungen am Ende auf absoluter Teamarbeit beruhen. „Wir sind völlig gleichberechtigt“, betonen sie. Das betreffe sowohl den Prozessverlauf als auch die abschließende Urteilsfindung selbst. Jeder habe die gleiche Stimme, und man sei durchaus nicht immer von vornherein in allen Fragen einer Meinung. Ein Schöffe brauche starke Schultern und ein ausgeprägtes Ego. Doch gerade dieses vertrauensvolle Miteinander schaffe eine Atmosphäre, in der man sich wohlfühlen könne. Deshalb ist für beide schon jetzt klar: Eine Kandidatur für die neue, am 1. Januar 2014 beginnende Wahlperiode ist fest eingeplant.