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Die Strenge des Sanftmütigen

Großsedlitz ist ein Ort der Extreme, sagt Gartenmeister Helge Klügel. Ausgerechnet er, der die weichen Übergänge liebt, tritt hier für klare Kante ein.

© Marko Förster

Von Jörg Stock

Heidenau. Ein Klettersportler, der die Höhe fürchtet? Das hört sich extrem an. Extrem unglaubwürdig. Bei Helge Klügel ist es Tatsache. Der Gartenmeister von Großsedlitz, 59 Jahre alt, geht klettern, seit er 14 ist, obwohl er Höhenangst hat. Er stellt sich dieser Angst, sagt er, stellt sich den Schwierigkeiten, um seine Grenzen auszutesten. Er will wissen, was geht, sagt er. Und meistens geht mehr, als er gedacht hat. „Das ist dann eine schöne Selbstbestätigung.“

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Großsedlitzer Impressionen

Bittersüße Ernte: Zitrusbäume und ihre Früchte sind die Großsedlitzer Spezialität.
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Der Park ist Heimstatt vieler mythischer Figuren, so von Hera, Gattin des Zeus.
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Farbenpracht an der Oberen Orangerie: Diese alte Dahliensorte aus den 1950ern wurde wiederentdeckt.
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Lustwandeln wie August: Zu besonderen Anlässen flanieren kostümierte Barockfreunde auf den Parkwegen.
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An der „Stillen Musik“ standen im 18. Jahrhundert die Zielscheiben des höfischen Preisschießens.
An der „Stillen Musik“ standen im 18. Jahrhundert die Zielscheiben des höfischen Preisschießens.

Die Erfahrungen, die er am Fels macht, und die sein Selbstvertrauen füttern, helfen Helge Klügel, der von Haus aus eher ein Skeptiker ist, bei seiner Arbeit. Auch in einem Garten ist nicht immer alles schick, selbst wenn er so schick aussieht, wie der Barockgarten von Großsedlitz. Auch hier tauchen immer mal Probleme auf, Dinge die man nicht auf dem Schirm hatte, die bewältigt werden müssen. Dieser Park ist ein Ort der Extreme, sagt Helge Klügel. „Er duldet keine Vernachlässigung.“

Der Barockgarten Großsedlitz gehört zu den wenigen Paradebeispielen französischer Gartenkunst in Sachsen. Die Anlage, etwa 25 Fußballfelder groß, liegt auf einer Anhöhe im südlichen Vorland Heidenaus. Etwa fünfzehn Kilometer Luftlinie trennen den einstigen Vergnügungspark Augusts des Starken von seiner Residenz. Womöglich war es die Distanz zum Dresdner Hof, die Großsedlitz davor bewahrte, je nach Zeitgeschmack umgebaut zu werden. So liegt heute zwischen den Kastenlinden, Heckenmauern und Lustwäldchen praktisch noch immer dasselbe Gartenreich, das im 18. Jahrhundert hier entstand.

Helge Klügel besitzt viel Erfahrung mit herrschaftlichem Grün. Mehr als zwanzig Jahre war er Chefgärtner im Großen Garten, der gleichfalls barocken Ursprungs ist, aber eine ganz andere Hausnummer als Großsedlitz, mit zehnmal so viel Fläche und neunmal so vielen Bäumen. Verschnitten wurden sie vor allem, damit sie keinem auf den Kopf fallen. In Großsedlitz hingegen gibt erst der Schnitt von Baum und Hecken dem Garten sein Gesicht. Die Schere macht das Denkmal. Etwa zwei Drittel der Arbeitszeit, schätzt Helge Klügel, bringen seine Leute mit dem Schneiden zu.

Die Großsedlitzer Hainbuchenhecken sind, grob geschätzt, zwischen viereinhalb und fünf Kilometern lang. Einmal gestutzt, treiben sie schnell wieder aus. Ein zweiter Schnitt im Jahr wäre günstig, sagt Helge Klügel. Wartet man zu lange, wird das Holz stellenweise so dick, dass die elektrische Schere überfordert ist und man zur handbetriebenen Astschere greifen muss. Doch für zwei Schnitte reicht die Kraft nicht aus. Wenn alles gut geht, sagt der Gartenchef, ist man im Dezember gerade mit der ersten Runde durch.

Der Heckenschnitt dauert auch deshalb seine Zeit, weil er akkurat ausgeführt sein will. Es ist ein abgezirkeltes Verfahren mit Richtschnur, Latte, Stützdreieck und Wasserwaage, das zwei Leute zugleich beschäftigt. Die alten Herrscher hielten sich ganze Heere von Gärtnern. Der immense Aufwand mag dazu beigetragen haben, dass die strengen Barockformen aus der Mode kamen. Großsedlitz sollte seine volle Ausdehnung, geplant war es fünfmal so groß, nie erreichen. Das „Sächsische Versailles“ blieb unvollendet.

Der Gartenmeister sieht sich als Naturmenschen. Er ist gern draußen, fühlt sich als Teil der Natur. Sein Garten widerspricht ihm in dieser Frage. Hier macht sich der Mensch die Natur untertan. Sie liegt ihm, in Form gezwungen, zu Füßen. Als er 2017 hier anfing, sagt Helge Klügel, hat er ein ganzes Stück umdenken müssen, hat verinnerlichen müssen, dass die Form die erste Geige spielt. Denn so wurde Großsedlitz zu dem, was es heute ist, einer der landesweit authentischsten Schauplätze des Barock, ein Geschichtsbuch, durch das man laufen kann. „Es ist das perfekte Beispiel.“

Das Primat des Formalen bedeutet keineswegs, dass der Gärtner ohne Spielraum ist. In den Rabatten vor der oberen Orangerie etwa testet Helge Klügel Wuchsformen und Farbenspiele. Die Beete im Buchsbaumrahmen gab es zur Barockzeit noch nicht. Beim Gestalten hat er weitgehend freie Hand. Hauptsache die Pflanzen vertragen pralle Sonne. Zurzeit sind es Studentenblumen und Sonnenhüte, Dahlien und Salvien, Strandvanille und Männertreu, Spinnenblumen und Silberblätter. Bunt geht es zu, und kontrastreich. Das mögen die Leute, sagt Herr Klügel. Er selbst ist eher ein Freund der pastelligen Töne und der weichen Übergänge. Darauf möchte er hinarbeiten. Er hat den Ehrgeiz, jedes Jahr eine neue Blumenkombination ins Gelände zu bringen. Schon sitzt er an den Pflanzplänen für 2019.

Ein Rasendenkmal wird evakuiert

Obgleich der Barockgarten wenig artenreich wirkt, beherbergt er doch botanische Kostbarkeiten. Auch da, wo sie niemandem auffallen: im Rasen. Wenn man so will, ist der Großsedlitzer Rasen ein Denkmal für sich. Es ist nicht belegt, dass die ausgedehnten Grünflächen der Parterres mit ihrem typisch silbrigen Glanz jemals im Ganzen erneuert wurden. Vermutlich haben sich manche Partien während der letzten zweihundert Jahre ziemlich störungsfrei entwickelt und eine ganz spezielle Rasengesellschaft gebildet, mit Thymian, Gilbweiderich und Wegerich. Selbst das Kreuzblümchen, in Sachsen auf der Roten Liste vermerkt, kommt hier vor. Als 2014 an den Wasserbecken des unteren Orangerieparterres gebaut wurde, brachte man rund 500 Quadratmeter Rasen bei einem Wilsdruffer Landschaftsarchitekten in Sicherheit, wo er bis zum Ende der Arbeiten gewässert und gemäht wurde.

Das Rasendenkmal soll auch weiter ungestört vor sich hinträumen dürfen. Die Besucher, jährlich um die 25 000, müssen sich mit den Wegen begnügen. Nicht alle halten sich daran, sagt Helge Klügel. So werde hin und wieder die Picknickdecke vor den Fontänen der „Stillen Musik“ ausgebreitet. Die Begehrlichkeit versteht er zwar, kann sie aber nicht tolerieren. Wenn das Schule macht, kommen bald die ersten Grills dazu, und dann dauert es nicht mehr lange, bis jeder tut, was er gerade möchte. Das kennt er zu Genüge aus dem Großen Garten. Nach einem Sommerwochenende hatte man dort bis mittags zu tun, um den Unrat aufzuräumen.

In Großsedlitz fühlt sich Helge Klügel sehr wohl. Es ist das „Gesamtpaket“, das er mag. Anpacken kann er zwar nicht so oft wie seine Gärtner. Er muss viel am Computer sitzen. Doch wenn die Luft mal raus ist, kann er jederzeit eine Heckenschere in die Hand nehmen oder ein paar Blumenkübel wässern. „Das entkrampft den Kopf.“ Zu Hause, an seinem Reihenhäuschen, ist das Grün klein und pflegeleicht. Vor allem deshalb, weil am Wochenende die Berge rufen. Wenn er in der Wand ist, denkt Helge Klügel nur an den nächsten Schritt. Seine Gärten, ob nun groß oder klein, sind dann ganz weit weg.

Als Nächstes: Strandkorb mit Geschnatter - ein Gartenparadies, das garantiert schneckenfrei ist.