merken
PLUS

Die Stütze am Lebensende

Kathrin Schneider begleitet ihre Heimbewohner bis zum Tod. Ein Verein will Altenpflegern wie ihr jetzt dabei helfen.

Von Marleen Hollenbach

Zielstrebig läuft Kathrin Schneider durch den langen Flur, biegt schwungvoll in den großen Aufenthaltsraum ab. Die Altenpflegerin hält kurz inne, beobachtet die Bewohner des Rabenauer Pflegeheims, die sich hier für das Frühstück am Tisch versammelt haben. Ein Mann lächelt zu ihr rüber, grüßt sie freundlich. Die 37-Jährige erwidert das Lächeln, macht einen kleinen Scherz. Dann fällt ihr Blick auf einen leeren Stuhl, der in der Ecke steht. Für einen kleinen Moment weicht ihr freundlicher Gesichtsausdruck einer nachdenklichen Miene. Noch kürzlich hatte auf diesem Stuhl eine Bewohnerin gesessen. Jetzt ist sie nicht mehr da.

Sachsenbessermachen.de
Wir geben Geschichten aus Sachsen eine Bühne.
Wir geben Geschichten aus Sachsen eine Bühne.

Hinsehen, Zuhören, Lösungen finden - gemeinsam. Sachsen besser machen!

„Berufsalltag“, nennt Kathrin Schneider das. Jahrelang hatte sie die Bewohnerin hier gepflegt, mit ihr an manchen Tagen über den Tod gesprochen, an anderen Tagen dieses Thema lieber ganz gemieden. Unaufhaltsam musste sie mit ansehen, wie sich der Zustand der alten Dame verschlechterte, die Krankheit ihr zusetzte. Irgendwann war klar, dass die Bewohnerin nicht mehr lange leben würde. Die Frau, mit der sie sonst gesprochen und geflachst hatte, lag jetzt im Sterben.

Eine Situation, die der Altenpflegerin nach 14 Jahren Berufserfahrung natürlich nicht fremd ist. Und doch ist die 37-Jährige jedes Mal bestrebt, es dem Bewohner an seinen letzten Tagen so schön wie möglich zu machen. „Auch wenn jemand im Sterben liegt, sehe ich den Bewohner noch als Menschen an“, sagt Kathrin Schneider. Viele Fragen schwirren dann durch ihren Kopf. Beruhigt den Sterbenden vielleicht eine Massage, kleine Berührungen? Hat er Schmerzen und kann man diese mindern? Hatte der Bewohner für seine Sterbephase besondere Wünsche geäußert? „Sehr wichtig, aber gleichzeitig auch äußerst schwierig ist das Gespräch mit den Angehörigen“, sagt die Altenpflegerin. Obwohl der Moment oft nicht überraschend kommt, sind die meisten mit der Situation überfordert. „Ich ermutige die Angehörigen dann, vorbeizukommen, dem Sterbenden beizustehen, sich von ihm zu verabschieden“, sagt die 37-Jährige.

So souverän im Umgang mit sterbenden Menschen war Kathrin Schneider nicht immer. „Als ich mich mit 17 Jahren für diesen Beruf entschieden habe, da war das Thema Tod noch ganz weit weg, meine Berührungsangst groß“, sagt sie. Das Problem kennen viele Altenpfleger, meint auch Ute Puschmann vom Verein „Häusliche Palliativversorgung Weißeritzkreis“. Viele Jahre hat die gelernte Krankenschwester im Bereich Hospiz gearbeitet und vor allem Krebspatienten betreut. Auch auf der Schwerstpflegestation war sie tätig. Jetzt hat es sich Ute Puschmann zur Aufgabe gemacht, ihr Wissen über das Sterben an Altenpfleger weiterzugeben. „Das ist deshalb so wichtig, weil genau dort das Sterben allgegenwärtig ist“, sagt sie. Im Veranstaltungsraum des Rabenauer Pflegeheims hat sie ihren Beamer aufgebaut. Es ist ihr neuntes Seminar. In Gedanken geht Ute Puschmann noch einmal ihre Worte durch, sortiert ihre Unterlagen. Vor ihr sitzen Pflegekräfte aus Rabenau, von den Freitaler Altenheimen „Bodelschwingh“ und „Herbstsonne“ und vom Aventium Pflegeheim in Kurort Hartha. Drei Tage lang wird sie sich mit ihnen über das Sterben unterhalten, ihnen erklären, was das bedeutet und wie man den Betroffenen dabei am besten unterstützen kann. Doch noch blicken die Altenpfleger skeptisch nach vorn. Behutsam muss Ute Puschmann vorgehen. „Ich möchte nicht mit dem erhobenen Zeigefinger kommen. Das Pflegepersonal hat wenig Zeit, da müssen wir uns nichts vormachen. Aber diese Zeit kann ich besser nutzen, wenn ich weiß, was ein Sterbender braucht“, sagt die Referentin. Berührungen und Worte seien bei Sterbenden beispielsweise wichtiger als gewaschene Füße.

Ziel der dreitägigen Schulung sei es, dass das Pflegepersonal leichter mit den Sterbenden zurechtkommt, mehr Mut im Umgang mit ihnen hat. „Nichts ist trauriger, als wenn ein Heimbewohner seine letzten Tage auch noch im Krankenhaus verbringen muss, anstatt in seiner gewohnter Umgebung“, sagt Ute Puschmann bestimmt. Noch bis zum Frühjahr läuft dieses Pilotprojekt in Freital und Umgebung. Alle 260 Mitarbeiter von vier Einrichtungen werden daran teilnehmen. „Es ist einfach sinnvoll, wenn sich das gesamte Personal mit dem Thema beschäftigt. Nicht jeder wird mit den Sterbenden umgehen müssen, aber das Verständnis dafür sollte bei allen vorhanden sein“, sagt Ute Puschmann. Sind die Schulungen vorbei, wird ausgewertet. Später sollen von diesem Angebot auch andere Pflegeheime im hiesigen Landkreis profitieren.

Die Altenpflegerin Kathrin Schneider konnte sich bereits von der Schulung überzeugen. Nicht alles, was sie dabei gehört hat, war neu. „Vieles wird bei uns schon umgesetzt, aber beim Thema Angehörige konnte ich noch dazulernen“, resümiert sie. Auch persönlich habe sie nach der Schulung über das Thema Sterben sehr viel intensiver nachgedacht.

Doch jetzt hat sie für diese Gedanken keine Zeit. Sie ist ins Gespräch vertieft. Einer gebrechlichen Frau, die von ihrer Tochter gestützt wird, zeigt sie die Räume des Pflegeheims. Sie führt beide an einer Trauerecke vorbei. Dort stehen frische Blumen und ein Bild der kürzlich verstorbenen Bewohnerin. Ein letztes Andenken. Kathrin Schneider hat jetzt keinen Blick dafür. An einer Tür ohne Namensschild bleibt sie stehen. Das Zimmer ist gerade frei geworden. Die alte Dame tritt vorsichtig ein, schaut sich genau um, lächelt. Schon bald wird ein neuer Name an der Tür stehen.