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Die Stunde null

Schätzungsweise 110 000 Zigaretten habe ich den letzten 14 Jahren geraucht und dafür rund 25 000 Euro ausgeben. Damit soll Schluss sein. Heute Morgen, am Weltnichtrauchertag, habe ich die hoffentlich letzte Kippe meines Lebens geraucht. In Deutschland sterben rund 110 000 Menschen jährlich an den Folgen des Tabakkonsums. Zu denen will ich nicht gehören. In der neuen SZ-Serie „Weg mit der Zigarette“ wage ich deshalb den Selbstversuch. Dafür habe ich mir professionelle Hilfe besorgt. Ich will Nichtraucher werden.

© Anne Hübschmann

Von Philipp Siebert

Die erste Zigarette vergisst man nicht. Bei mir war es im Spätsommer 1999. 14 Jahre war ich damals alt. Die Sommerferien waren fast zu Ende. Jeden Tag habe ich mich mit Freunden im Freibad getroffen. Nach dem Schwimmen lagen wir in der Sonne, quatschten oder spielten Fußball. Damals steckte mir ein Kumpel die erste Zigarette zu. Es war aufregend – ich tat etwas Verbotenes. Der erste Zug, der erste Husten. Meine Freunde lachten. Trotzdem, nie wieder habe ich mich so sehr wie der Malboro-Cowboy gefühlt.

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Der Rest der Geschichte ist weniger schön. Bei der einen Zigarette ist es natürlich nicht geblieben. Zuerst waren es fünf oder sechs am Tag. Schnell wurden es immer mehr. Bis gestern habe ich eine Schachtel am Tag geraucht. Wenn es Stress gab – beruflich oder privat – waren es auch 25 oder mehr. Mit Genuss hat das wenig zu tun. Ich bin ein klarer Fall von Suchtraucher. Also genau jener Kundentyp, wie sich ihn die Damen und Herren von der Tabakindustrie wünschen – und wie sie ihn lieben.

Damit ist jetzt Schluss. Nach 14 Jahren habe ich schätzungsweise 110 000 Zigaretten geraucht. Davon habe ich genug: von Kurzatmigkeit, ständigem Husten, vom Gestank in meinen Klamotten, im Auto, in der Wohnung – und die permanente Kleingeldsuche für den nimmersatten Automaten im Spätshop auf der anderen Straßenseite. Heute Morgen habe ich meine letzte Kippe geraucht. Hoffentlich ist es die letzte meines Lebens gewesen. Denn wie so viele Raucher will ich schon lange aufhören.

Grundsätzlich, meine ich. Doch irgendeinen Grund habe ich bisher immer gefunden, warum es gerade jetzt nicht passte. Wenn ich es doch halbherzig probierte, ließ der Rückfall nicht lange auf sich warten. Oder ich schloss mit mir selbst faule Kompromisse: Mal wollte ich meinen Konsum einschränken. Oder ich setzte mir zum Ziel, Genussraucher zu sein, nur in Gesellschaft oder auf Feten zu qualmen. Doch wo die Sucht regiert, ist Kontrolle ein Mythos. Gebracht hat das alles bisher nichts – außer viel Frust.

Damit es diesmal anders läuft, habe ich mich auf meine persönliche Stunde null vorbereitet. Seit etwa acht Wochen kreisen meine Gedanken um das Nichtrauchen. Mit rationalen Erwägungen hat die Entscheidung in letzter Konsequenz aber nichts zu tun. Dass Rauchen tötet, stinkt und viel Geld kostet, weiß ich schon lange. Die Wurzel der Sucht sitzt jedoch tiefer: die Angst. Angst vor der Leere und davor, mich bei Stress oder Problemen nicht mehr an den kleinen, qualmenden Runterbringern festhalten zu können.

Je klarer mir das wurde, desto fester wurde mein Entschluss. Vor einigen Tagen war ich sogar euphorisch, wie berauscht von meinem eigenem Mut. Zum ersten Mal seit Jahren fühle ich mich der Sucht nicht hilflos ausgeliefert.

Der Entzug in der nächsten Zeit wird hart, da mache ich mir nichts vor. Bereits jetzt spüre ich Unruhe und Beklemmung in mir. Bei der Rauchentwöhnung setze ich deshalb auf professionelle Hilfe. Ärzte und Psychologen aus dem Fachkrankenhaus Coswig werden mir dabei helfen, die Entzugserscheinungen zu lindern. Die Ärzte wissen, was zu tun ist. Die Klinik ist eine von weltweit nur 25, die mit dem Gold-Status des Netzwerkes für tabakfreie Gesundheitsdienste ausgezeichnet ist.

Die Mediziner werden in den nächsten Wochen meine Lunge testen, mir deutlich machen, was ich mir bis jetzt mit dem Laster angetan habe und mir zeigen, wie ich die Sucht besiegen kann. Außerdem habe ich mir ein Sportprogramm verordnet: Schwimmen und Fahrradfahren sollen mich ablenken.

Ob ich es endgültig schaffen werde, kann ich noch nicht sagen. Zu tückisch ist die Sucht. Aber ich wünsche es mir sehr. In der nächsten Zeit werde ich regelmäßig über den Stand der Dinge berichten.

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