Von Carina Brestrich und Sebastian Beutler
Heute ist einer solcher Tage, wo es Ralf Herold auf die Berge in der Oberlausitz zieht. Nicht auf alle, sondern auf ganz bestimmte, auf deren Kuppen sich Granitburgen befinden. Der 54-jährige Landschaftsgestalter aus einem kleinen Ort an der Kreisgrenze zwischen Bautzen und Görlitz hat in den zurückliegenden zehn Jahren Hunderte dieser Berge erklommen. Allein, mit Freunden, mit Gleichgesinnten und mit Kritikern. Je mehr dieser Burgen Herold aufsuchte, je tiefer er sich mit ihnen beschäftigte, umso sicherer wurde er: Menschen, weit vor unseren Tagen, haben sie genutzt, um die Sonne, den Wechsel der Jahreszeiten zu beobachten. Sie dienten ihnen als „Kalenderfelsen“, gerade zum Frühlingsanfang, zum Herbstbeginn oder zu den Sonnenwenden im Sommer und Winter. Dann fällt die Sonne durch die meisten Öffnungen durch.
Auch im Landkreis Görlitz machte Herold diese Beobachtungen. Auf dem Kuckuckstein in den Königshainer Bergen, nördlich von Neusalza-Spremberg an „Thors Amboss“, am Töpfer in Zittau oder am Schafberg mit dem Geldkeller in Löbau. Mehr als 38 solcher Kuppen in der Oberlausitz kann der Wehrsdorfer aufzählen. In einer kleinen Broschüre, gefördert von der EU, hat er sie jetzt aufgelistet. Herolds Basis ist die Arbeitsgemeinschaft Archäoastronomie an der Sternwarte Sohland an der Grenze zu Tschechien. Aufwind erhielt die Gruppe durch die Himmelsscheibe von Nebra, der sich gegenwärtig eine Ausstellung im Görlitzer Kaisertrutz widmet. Auch hier rätseln die Experten bis heute, welche Himmelsgestirne die Menschen vor schätzungsweise 4 000 Jahren auf der Scheibe abbildeten. Herold freilich geht mit seinen Oberlausitzer Sonnenheiligtümern, wie er die Kalenderfelsen nennt, noch ein paar Tausend Jahre zurück. Vor 12 000, vielleicht auch 14 000 Jahren könnten Menschen sie auf den Bergen genutzt haben.
Herolds einziges Problem: Die Archäologen fanden in der Oberlausitz bislang für diese Zeit lediglich im Tagebau Reichwalde und in Burg bei Bautzen Spuren von Menschen in der Erde. Weit entfernt von einer flächenmäßigen Besiedlung und von Menschen, die 50 Tonnen schwere Steine bewegten, um die Sonne beobachten zu können. „Für mich sind das nur Naturspiele“, sagt Jasper von Richthofen, Archäologe und Görlitzer Museumschef. „Nur weil wir Ralf Herold nicht beweisen können, dass keine Menschen hier lebten, heißt dass nicht, dass er zu 50 Prozent recht hat. So läuft Wissenschaft nicht. Er muss seine Behauptungen belegen. Das kann er nicht.“ Der Görlitzer Astronom Lutz Pannier hält diese Kalenderbeobachtungen zwar für grundsätzlich möglich, aber ihn stört, dass die Sonne beispielsweise durch das Loch im Kuckuckstein von Oktober bis Februar fällt. Das spricht eher für Zufall als für die Beobachtung der Wintersonnenwende.
Unterstützung für seine Theorie bekommt Ralf Herold aus dem Ruhrgebiet. Der Bochumer Astronom und emeritierte Professor Wolfhard Schlosser war einst an der Entschlüsselung der Himmelsscheibe von Nebra beteiligt. Er ist überzeugt, dass sich die Menschen noch vor der Entstehung der berühmten Bronzeplatte Gesteinsformationen, wie die in der Oberlausitz, als Kalender zunutze machten. Dass es zwischen Neiße und Elbe ausgerechnet so viele sein sollen, wie von Herold behauptet, sei dabei auch nicht ausgeschlossen. Schließlich habe es im heutigen Deutschland schon zur Jungsteinzeit, die vor 12 000 Jahren begann, Tausende solcher Orte zur Sonnenbeobachtung gegeben, sagt Schlosser: „Viele Dörfer hatten so einen Kalender. Und jeder Bauer wusste um die Funktionsweise.“ Denn entscheidend waren die Kalender vor allem für die Getreide-Aussaat. Um dafür den richtige Zeitpunkt nicht zu verpassen, hatten sogenannte Weißbärte oder Kalendermänner die Steine und den Sonneneinfall stets im Blick, berichtet der Pionier der Archäoastronomie. Ob das allerdings auch wirklich für den Geldkeller bei Löbau und die anderen Felsen zutrifft? Den entscheidenden Beweis können zunächst nur die Archäologen erbringen, meint Schlosser: „Es braucht einen Nachweis, dass die Steine von Menschenhand bearbeitet wurden“, sagt er.
Den können auch die Geologen nicht führen. Bearbeitet ist kaum einer der Steine. Immerhin äußert sich Olaf Tietz, Geologe am Senckenberg-Museum in Görlitz, vorsichtiger als von Richthofen. Tietz suchte zusammen mit Herold verschiedene Bergkuppen auf und untersuchte die Granitfelsen. Grundsätzlich können sie von Natur aus so angeordnet sein, das sei typisch für die Oberlausitz, sagt Tietz. Allerdings fand der Geologe auch Keilsteine an diesen Klippen, die mit ziemlicher Sicherheit durch Menschenhand dorthin gebracht wurden. Solche Steine gibt es am Kuckuckstein in den Königshainer Bergen, aber auch an „Thors Amboss“ in Neusalza-Spremberg. „Wann das geschah und zu welchem Zweck, kann ich aber nicht sagen“, sagt Tietz. Lange Zeit machten diese Felsen auf ihn eher einen chaotischen Eindruck. Herolds Parallelen zu der Großstein-Anlage von Stonehenge, deren Anfänge vor 11 000 geschätzt werden, oder dem Hügelgrab im irischen Newgrange, das vor 5 000 Jahren errichtet wurde und in das zur Wintersommerwende die Sonne einfällt, fand der Geologe weit hergeholt. Allerdings: „Wenn man die Felsen als kulturelle Anfänge versteht, die dann mit Stonehenge in eine neue Qualität mündeten, dann muss man das erst einmal so hinnehmen.“
Ralf Herold nimmt die Kritik gelassen und den Streit positiv. Auch Stonehenge sei heute noch umstritten, sagt er. Und Widerspruch sei doch interessant, weil er zu neuen Überlegungen anrege. Dass er einen „letzten Beweis für die Kalenderfelsen in der Oberlausitz“ nicht erbringen kann, stört ihn wenig. „Selbst, wenn wir völlig falsch liegen, funktioniert das Phänomen: Der Lauf der Sonne, der Wechsel der Jahreszeiten, die Öffnungen in den Felsen. Es hat schon den Charme von Stonehenge.“ Das sieht auch das Zittauer Oberlausitz-Original Hans Klecker so. Er hat Herolds Felsen auch schon in seinen Büchern zitiert und wünscht sich eine weitere Verbreitung: Touristisch nämlich könnte die Oberlausitz ein Stonehenge oder ein irisches Newgrange ganz gut gebrauchen. Auf ein Wort