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Die Superstars der Pflege

Jugendredakteurin Linda Hommel war einen Tag lang mit einem Pflegedienst im Kamenzer Land unterwegs – und beeindruckt.

© Matthias Schumann

Von Linda Hommel

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Zeit, dem Weihnachtsstress zu entfliehen!   

Über Thüringen liegt der Adventszauber und lädt ein, die Vorweihnachtszeit ohne Hektik im Herzen Deutschlands zu genießen.

Kamenz. Selbst der frühe Vogel hält wahrscheinlich noch Nachtruhe, als mich die ernüchternden Klänge meines Weckers an einem Sonnabend um 4.45 Uhr vom Träumen abhalten. Dieser Tag ist kein gewöhnlicher, wie die Uhrzeit schon verrät, sondern für mich steht ein Vormittag an der Seite einer Pflegehelferin an. Der Tag soll um 5.30 Uhr beginnen. Ich wage also den Weg durch die kalte Morgenluft bis ins warme Auto von Doreen Liebschner – der Chefin des Pflegedienstes. Auf der circa 20-minütigen Fahrt ins Büro nach Großnaundorf erfahre ich einiges über ihre Arbeit und ihren Pflegedienst. Gemeinsam mit 26 Mitarbeitern kümmert sie sich täglich um über 100 Patienten.

Angekommen im Büro werden die Schlüssel der an diesem Tag zu besuchenden Pflegefälle geschnappt, genauso wie deren Tablettensammelsurium und um 6 Uhr beginnt dann die eigentliche Tour mit dem Weg zur ersten Familie. Hierbei handelte es sich um ein älteres Ehepaar. Eine andere Schwester kümmert sich um den Herrn des Hauses, während wir uns der Dame widmen. Mit dem Öffnen ihrer Zimmertür kommt mir ein Geruch entgegen, welcher für ältere Menschen ganz typisch ist. Die Frau kann sich nicht mehr alleine duschen oder waschen. Doreen Liebschner zieht sich Gummihandschuhe über, nimmt sich einen Waschlappen, einen Eimer mit Wasser und Seife, hilft der Dame, sich vorsichtig aufzurichten und erledigt das Waschprozedere. Aus Hygienegründen werden die Patienten immer zwei Mal gewaschen, so wird die Vorgehensweise wiederholt. Jedoch nimmt Schwester Doreen Liebschner der Frau nicht alles ab. Mit Worten wie, „So, jetzt hebst Du bitte mal den linken Arm“, wird die Patientin animiert, selbst mögliche Aufgaben und Hilfestellungen zu bewältigen.

Auf dieser „aktiven Pflege“ liegt auch das Hauptaugenmerk des Pflegedienstes Liebschner. Also bekommt die ältere Dame einen Waschlappen in die Hand und soll selbstständig ihr Gesicht waschen. Und da sie schon ein bisschen in Übung ist, kann sie die Pflicht mit Bravour erledigen. Sie wird eingecremt, bekommt ihre Kompressionsstrümpfe angezogen, wird vorsichtig in ihren Rollstuhl gehoben und in die Küche gefahren. In dieser steht das Frühstück bereit, welches der Abenddienst schon teilweise vorbereitet hat. Der Ehemann kommt mit Hilfe der zweiten Schwester ebenfalls an den Frühstückstisch und so wird das gemeinsam gegessen. Für Doreen Liebschner und mich wird es aber Zeit, zum nächsten Patienten zu fahren. Also schnell noch nett verabschiedet und wieder ab ins Auto. Angekommen am Haus, müssen wir beim Betreten erst einmal „Schuhhauben“ über unsere Schuhe ziehen, um die Räume nicht zu beschmutzen.

Verbindung durch Gespräche
Bei dem 85-jährigen Herrn ist der Aufenthalt relativ kurz. Doreen Liebschner lässt nur kurz seinen Katheder aus, schreibt die enthaltene Menge auf und wäscht ihn. Sie spricht während all dieser Aufgaben immer sehr viel mit den Patienten. Und zwar über verschiedene Themen. Von Weihnachten über die Familie bis hin zu ganz individuellen Fragen. Dieser Patient spricht über seine Koteletten. „Letztens hab´ ich gesehen, die eine Kotelette ist kurz, die andere lang.“ Doreen Liebschner baut mit solchen Gesprächen Verbindung zu den Patienten auf. So haben die zu Pflegenden auch selbst das Bedürfnis, der Pflegeschwester etwas zu erzählen.

Der Mann zieht sich an, misst seine Zuckerwerte, schreibt diese auf und macht sich auch zum Frühstück auf. Wir gehen wieder in den noch dunklen Morgen zum Auto und besuchen weitere Patienten. Bei fast allen gibt es ungefähr den gleichen Handlungsablauf wie bei den vorhergehenden. Aber trotzdem ist unser Besuch überall anders. Alle Pflegefälle haben unterschiedliche Geschichten, die sie erzählen, verhalten sich natürlich anders und gestalten mit ihren Eigenheiten jeden Besuch ganz individuell, sodass es trotz der ähnlichen Aufgaben keineswegs langweilig wurde. Schon alleine bei den Aufenthaltszeiten gibt es große Unterschiede. Wo wir bei der ersten Familie eine gute Stunde verbrachten, halten wir uns bei anderen Patienten nur fünf Minuten auf.

Teilweise sind die Fahrten zu den einzelnen Menschen länger als die eigentliche Zeit, die wir dort verbringen. Unsere Touren führten uns durch schöne Waldstücke, von denen Doreen Liebschner sehr gerne Fotos in den frühen Morgenstunden macht, wie sie mir berichtet. Sie schaut sich gerne die Natur an und kennt sich auch ziemlich gut in der Gegend, in der sie unterwegs ist, aus. Schwierig werden die Fahrten nur dann, wenn Wintereinbrüche die Straßen zu Abenteuerfahrbahnen machen, also die übliche Wetterproblematik. Bei diesen Umständen bietet sich das Aussteigen für hübsche Fotos wohl eher weniger an.

Nachdem wir noch ungefähr vier weitere Patienten besucht haben, treffen wir beim fünften als erstes auf seinen tierischen Mitbewohner. Es ist halb neun und der Herr selbst schläft noch. Die Katze springt uns jedoch munter entgegen. Doreen weckt den Mann und er klagt über die Uhrzeit. Um sieben war er doch schon einmal wach, aber scheint dann einfach wieder eingeschlafen zu sein, sagt er. Ganz unangenehm ist ihm das, vor allem weil ich, als Jugendredakteurin dabei war. Und dann sind nicht einmal seine Haare gekämmt. Mit solchen aufwühlenden Ereignissen hatte er nun wirklich nicht gerechnet. Aber um ein wenig davon abzulenken, führt er mir nach dem Aufstehen stolz sein Talent im Kompressionsstrümpfe anziehen vor. Dabei soll ihm zwar eigentlich Doreen Liebschner eine Hilfe sein, mit den Worten „Das mach´ ich alles selber!“, wird ihr jedoch auch diese Pflicht genommen. Mit einer sogenannten Anziehhilfe stülpte er die Strümpfe über seine Füße. Einmal bei der Reha waren die Pfleger so begeistert von seinem Talent, dass sie ihn tatsächlich baten, auch den anderen Patienten einmal vorzuführen, wie das Anziehen funktioniere. Fast wie bei einer Castingshow. Leider missglückte der Vorführeffekt, wie er mir erzählt. Aber als er mir das Anziehen an diesem Tag präsentierte, läuft alles wie am Schnürchen. Von mir als Juror hätte es definitiv den Zugang zum Recall gegeben.

Tägliche Hilfe

Mit dem Beenden der Vorführung ist auch unser Aufenthalt beim Patienten vorüber. Doch nicht alle zu Pflegenden haben es so leicht wie der Herr mit dem Anzieh-Talent. Von einem der letzten Patienten werden wir beispielsweise mit den Worten „Ich kann nicht mehr“ begrüßt. Er hat Parkinson mit Demenz und man kann ihm sein Leiden schon am ersten Gesichtszug ablesen. So lerne ich am Ende meines Tages an der Seite von Doreen Liebschner auch noch die schwereren Pflegefälle kennen und begreife erst einmal richtig, welchen Respekt wir vor Menschen wie Doreen Liebschner und ihren Schwestern haben sollten, für die tägliche Hilfe, die sie kranken und alten Menschen leisten. Liebevoll arbeiten sie mit ihnen und versuchen, deren Leben so angenehm wie möglich zu gestalten. Man sagt zwar, Engel gibt es nicht. Aber die Pflegerinnen und Pfleger haben auf jeden Fall ein Recht darauf, diesen Titel zu tragen.

Linda Hommel (16) besucht das Berufliche Schulzentrum in Kamenz und macht dort ihr Abitur im Fachbereich Gesundheit und Soziales. Beste Voraussetzungen für die Reportage mit dem Pflegedienst ihrer Tante.

Ein Tag als... war eine Reportagen-Serie der Kamenzer Jugendredaktion. Die Jugendlichen probierten einen Beruf aus, den sie schon immer mal kennenlernen wollten, und Unternehmer der Region unterstützten sie und machten so Begegnungen möglich. Vielen Dank dafür! Mit diesem Teil endet die Serie.

Die Jugendredaktion besteht zurzeit aus fünf engagierten Jugendlichen, die sich einmal im Monat treffen. Interessenten können dazukommen.