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Die Taube mit dem Falkenblick

Schimon Peres hat fast jeden Posten in Israels Regierung bekleidet und die Geschicke des Landes maßgeblich mitbestimmt. Jetzt hört der 90-Jährige auf – und bleibt doch ruhelos.

© dpa

Von Gil Yaron

Er spricht ruhig, überlegt, malt in sanften Worten harmonische Bilder einer besseren Zukunft. Doch dieser bekennende Optimist wird von eiserner Disziplin getrieben. Jeden Morgen steigt er auf die Waage, um sein Gewicht zu messen. Hat er zugenommen, legt er einen Fasttag ein. So hält der agile 90- Jährige seit Jahrzehnten seine schlanke Figur. Frei nimmt er sich nie: „Was macht man mit so etwas?“, fragt er gewöhnlich, wenn man sich nach seinen Urlaubsplänen erkundigt. Schimon Peres ist überzeugt, dass es noch viel zu tun gibt, besonders für ihn. Dabei hat Israels Präsident fast alles erreicht, wovon ein Politiker träumen kann.

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Seine ungewöhnliche Laufbahn begann 1923 im polnischen Wieniawa. Der Sohn eines Holzhändlers und einer Bibliothekarin und Russischlehrerin wurde unter dem Namen Szymon Perski geboren. Als Szymon elf Jahre alt war, wanderte seine Familie nach Palästina aus – zu seinem Glück. Wer in Polen zurückblieb, wurde im Holocaust ermordet. Peres wurde vor allem vom Schicksal seines Großvaters erschüttert, dem er sehr nahe stand. Er wurde von den Nazis als einer der letzten Dorfbewohner in eine Holzsynagoge getrieben und dort mit den anderen Einwohnern bei lebendigem Leib verbrannt, erzählte Peres 70 Jahre später bei seiner Antrittsrede als Präsident. Es waren Erfahrungen wie diese, die Peres zeigten, dass sein Volk ständig von Auslöschung bedroht wird.

Kein Wunder also, dass der spätere Friedensnobelpreisträger den Großteil seines Lebens der Absicherung von Israels Existenz widmete.

Kurz nach der Einwanderung nach Palästina schickten Schimons Eltern ihren Sohn auf ein Internat, wo er Landwirtschaft lernen sollte. Die damalige Ideologie des Zionismus wollte die Juden zu einem Volk von Bauern machen und das Land zum Blühen bringen. Als Zahlmeister und Leiter des Kuhstalls im Kibbuz Alumot, den er mit Altersgenossen gegründet hatte, wurde sein herausragendes Talent schon früh offenbar. Die Kunde vom begabten Kibbuznik drang zu Premierminister David Ben Gurion hervor, der den 24-Jährigen beauftragte, für den Nachschub in Israels Armee zu sorgen. Peres war erst 29, als der Premier ihn 1953 zum Generaldirektor des Verteidigungsministeriums ernannte. Der junge Einwanderer saß nun an den Schalthebeln der Macht.

Heute wird der Friedensnobelpreisträger gern in aller Welt als Pragmatiker gefeiert, als Israels wichtigste Taube. Dabei gibt schon sein Name darüber Aufschluss, dass er sich selbst lange anders sah. Der junge Persky soll bei einer Wüstenwanderung einen gewaltigen Geier gesehen haben. Als sein Weggefährte ihm sagte, dass dieser auf Hebräisch Peres heiße, nahm er den Namen des Raubvogels an.

Wie sein Namensgeber setzte Peres jahrzehntelang eher auf rohe Kraft als auf feine Diplomatie. Er drängte als Verteidigungsminister bei einer Flugzeugentführung 1977 auf einen militärischen Einsatz statt auf Verhandlungen, um die Geiseln zu befreien. Er baute Israels Rüstungsindustrie auf und war maßgeblich für die engen Beziehungen zu Frankreich verantwortlich, Grundstein für den Pakt mit Paris und London, der dem Sinai-Feldzug 1956 zugrunde lag. Dank der Waffen, die Peres akquirierte, gewann Israel 1967 den Sechs-Tage-Krieg. Und er gilt auch als Vater des geheimen Forschungsprogramms, das Israel zur Atommacht machte. Peres dachte schon immer unkonventionell, und so hatte er kein Problem damit, als einer der ersten israelischen Politiker mit der Bundesrepublik Kontakte zu knüpfen. Nur knapp ein Jahrzehnt nach dem Holocaust legte er mit Franz Josef Strauß das Fundament für die bilateralen Beziehungen.

Ab 1959 diente Peres in der Knesset. Er bekleidete zahlreiche Ministerposten. Doch der große Erfolg blieb ihm stets verwehrt. Er war die beste Nummer zwei, wenn auch untreu. Der ambitionierte Politiker gab sich mit dem Posten nie zufrieden. Rabin, sein Erzrivale, nannte ihn einst „den unermüdlichen Hintertreiber“, Premierminister Mosche Scharett schrieb über den jungen Peres in sein Tagebuch: „Ich sehe Peres als das Negative schlechthin, und betrachte seinen Aufstieg als ein moralisches Übel der schlimmsten Sorte. Ich werde es tief betrauern, sollte er eines Tages auf dem Stuhl eines Ministers sitzen.“

Doch Peres wusste auch Freundschaften zu schließen und Anhänger zu gewinne, die für ihn durchs Feuer gehen. Selbst wenn er politisch mal wieder auf ein Abstellgleis gestellt wurde, entwickelte er originelle Visionen und verwirklichte sie. So wurde er zu einem der erfolgreichsten Finanzminister, Verteidigungsminister und Premiers in Israels Geschichte. Doch beliebt war er nie. Wenn es darauf ankam, verlor der Einwanderer mit dem starken polnischen Akzent und ohne den obligatorischen glorreichen Armeedienst stets die Wahlen. Ins Amt des Premiers gelangte er nie aus eigenen Kräften. Das erste Mal erhielt er den Posten, nachdem sein Erzrivale Rabin 1977 wegen einer Geldaffäre aus dem Amt gedrängt wurde. Unter Peres Ägide verlor die Arbeiterpartei sogar zum ersten Mal in Israels Geschichte die Macht. Später musste Peres sich das Amt des Premiers mit Jiztchak Schamir teilen.

Seinen wohl wichtigsten und umstrittensten Posten bekleidete Peres als Außenminister in Rabins zweiter Regierung ab 1992. Peres, der lange rechts von Rabin gewesen war, in dessen erster Amtszeit gegen territoriale Zugeständnisse an Jordanien gewettert und geholfen hatte, die ersten Siedlungen im Westjordanland zu errichten, legte 1993 den Grundstein für die Oslo-Friedensverträge mit der PLO. Mit der Anerkennung der souveränen Rechte der Palästinenser mutierte er jäh zum Erzfeind der Siedler, und zum Liebling des Westens. Da nahm ihm kaum jemand übel, dass er nach der Ermordung Rabins 1995, als Übergangspremier, Hunderttausende Libanesen in die Flucht bombte, um der Hisbollah eine Lehre zu erteilen. Peres galt dennoch als friedliebender Pragmatiker.

Trotz der internationalen Anerkennung und der Sympathiewelle, die ihm nach Rabins Mord entgegenschlug, verlor er nur wenige Monate später wieder einmal eine Wahl, diesmal gegen Benjamin Netanjahu. Wenige Jahre später sollten Peres’ politischen Fähigkeiten noch einmal entscheidend sein: Er gab dem ehemaligen Siedlervater Ariel Scharon bei Israels Linken Rückendeckung, verließ die Arbeiterpartei und half dem Premier so, 2005 alle Siedlungen im Gazastreifen zu räumen.

Als Peres 2007 zum Präsidenten gewählt wurde, war er als letzter Überlebender der Gründergeneration bereits eine Ikone. Im Amt kehrte er wieder in den Konsens zurück. Wie in allen seinen Ämtern füllte er auch diesen Posten mit neuen Inhalten, rettete das Ansehen einer Institution, die unter dem Verhalten seiner Vorgänger stark gelitten hatte.

So sehr wurde er zum Synonym für das Amt, dass viele es mit Peres’ Abgang gleich ganz abschaffen wollen. Selbst Siedler schätzten seine Fähigkeit, als Gegengewicht zu Netanjahus schlechtem internationalen Image zu fungieren. Doch es war mehr als Imagepflege: Peres wäre es, so berichtete er selbst vor wenigen Wochen, fast gelungen, den Traum vom Friedensvertrag mit den Palästinensern zu verwirklichen. Die Verhandlungen mit dem Palästinenserpräsidenten standen vor dem Abschluss, als Netanjahu ihn im letzten Augenblick zurückpfiff, berichtete Peres.

Wenn er am 27. Juli sein Amt abgibt, wird er in Israels Politik gewaltige Fußstapfen hinterlassen. Über seine Zukunftspläne hält sich Peres bedeckt. Doch eines ist klar: Er will kein Rentnerdasein führen. Und so hoffen manche in Israels führungsloser Opposition, dass der unermüdliche Visionär in wenigen Jahren vielleicht als Gegenkandidat zu Netanjahu antreten könnte.