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Die Tonnenputzer auf der Elbe

Quer durch den Landkreis verläuft eine Bundeswasserstraße. Ein Trupp Männer sorgt dafür, dass sie passierbar bleibt.

Unverzichtbar für die Schifffahrt: die Fahrwassertonnen auf der Elbe. In Höhe von Riesa macht Wasserbauer Sven Bölkau an Deck eines Arbeitsprahms eine sauber.
Unverzichtbar für die Schifffahrt: die Fahrwassertonnen auf der Elbe. In Höhe von Riesa macht Wasserbauer Sven Bölkau an Deck eines Arbeitsprahms eine sauber. © Sebastian Schultz

Riesa. Ein Schiff ist eben doch kein Bagger. Der ganze Boden des tonnenschweren Arbeitsprahms schwingt hin und her. Den Takt gibt Karsten Wyrwoll vor, der den aufmontieren Kran per Knopfdruck ruckartig hin- und herschwingen lässt. Sicher am Stahlseil befestigt, fliegt die leuchtrote Tonne durch die Luft. Darunter klimpert eine rostige Kette, deren Ende in der schlammbraunen Elbe verschwindet. Im Wind löst sich eine helle Einkaufstüte, die von der Strömung an die Kette geschwemmt worden war. Wasser spritzt. Dann setzt der Matrose und Geräteführer die Tonne vorsichtig auf dem Deck auf.

Nun liegt der Verband - so nennt sich die Kombination aus Arbeitsprahm und Schubschiff - wieder einigermaßen ruhig auf dem Fluss, direkt zwischen Riesaer Elbpromenade und Schloss Proschwitz gegenüber. Dafür sorgt ein auf dem Grund des Flusses ausgefahrener stählerner Stützpfahl. "Sonst müsste der Schiffsführer die ganze Zeit gegensteuern", sagt Wyrwoll. Dass das tonnenschwere Gefährt beim Schleudern der Tonne ins Schwanken gerät, verhindert der Pfahl allerdings nicht.

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Das Schubschiff "Weißeritz" ist mit dem Arbeitsprahm vor Promnitz unterwegs. Das Schiff ist Baujahr 1962, wurde aber 2001 komplett umgebaut.
Das Schubschiff "Weißeritz" ist mit dem Arbeitsprahm vor Promnitz unterwegs. Das Schiff ist Baujahr 1962, wurde aber 2001 komplett umgebaut. © Sebastian Schultz
Matrose Karsten Wyrwoll vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt steuert den Kran an Bord, der die Tonnen heraus und später wieder herein hebt.
Matrose Karsten Wyrwoll vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt steuert den Kran an Bord, der die Tonnen heraus und später wieder herein hebt. © Sebastian Schultz
Mit Schwung fliegen die Tonnen hin und her durch die Luft, um groben Dreck abzuschütteln.
Mit Schwung fliegen die Tonnen hin und her durch die Luft, um groben Dreck abzuschütteln. © Sebastian Schultz

Nun kommt die Stunde von Sven Bölkau. Mit einem Kärcher nimmt er sich das im Stehen fast mannshohe Teil vor. Der Laie würde die roten und grünen Tonnen in der Elbe vielleicht Bojen nennen, tatsächlich zählen sie wie Leuchttürme und Feuerschiffe zu den Schifffahrtszeichen. Das macht sie so wichtig wie ein Verkehrsschild. Und deshalb strahlt der gelernte Wasserbauer nun sorgfältig das Rund der Tonne ab. Der Druck des Wassers löst grüne Gewächse, die sich in den vergangenen Wochen am Schwimmkörper festgesetzt haben. Gleichzeitig nimmt sich ein Kollege die Kette vor: Sind die Kettenglieder noch stabil genug? Gibt es gefährlich dünne Scheuerstellen?

Mittlerweile trägt jeder der drei Männer auf Deck - zwei Matrosen, ein Wasserbauer - nicht nur einen Schutzhelm, sondern auch eine Sonnenbrille. Früh um acht ist es noch einigermaßen erträglich. Aber in den nächsten Stunden, die den Schubverband an diesem Donnerstag von Riesa bis hinauf nach Merschwitz bringen werden, wird es noch heiß werden. Sehr heiß. "Bei über 30 Grad Temperatur werden unsere stählernen Decksplatten bald 50 Grad heiß", sagt Geräteführer Wyrwoll. Und Schatten sucht man auf der Elbe vergebens. Im Gegenteil: Durch die Spiegelung der Wasserfläche bekommen die Männer die doppelte Menge an Sonne ab. Immerhin hat der vierte Mann an Bord, der Schiffsführer, eine Klimaanlage in seinem Steuerhaus.

Auf der Oberfläche der Fahrwassertonnen hat sich eine interessante Schicht gebildet. Dabei werden die Schifffahrtszeichen auf der Elbe alle paar Wochen kontrolliert und gesäubert.
Auf der Oberfläche der Fahrwassertonnen hat sich eine interessante Schicht gebildet. Dabei werden die Schifffahrtszeichen auf der Elbe alle paar Wochen kontrolliert und gesäubert. © Sebastian Schultz
Im Riesaer Hafen ist ein Blick von oben auf den Arbeitsprahm möglich: er zeigt Kran, Ersatztonnen und einen stählernen Pfahl, mit dem der Verband am Grund festgelegt werden kann.
Im Riesaer Hafen ist ein Blick von oben auf den Arbeitsprahm möglich: er zeigt Kran, Ersatztonnen und einen stählernen Pfahl, mit dem der Verband am Grund festgelegt werden kann. © Sebastian Schultz
Insgesamt 30 Meter lang sind die Ketten, an denen jede einzelne Tonne fest hängt. Eine dickere Grundkette (oben), die im Regelfall am Boden liegt, und eine dünnere Stellkette.
Insgesamt 30 Meter lang sind die Ketten, an denen jede einzelne Tonne fest hängt. Eine dickere Grundkette (oben), die im Regelfall am Boden liegt, und eine dünnere Stellkette. © Sebastian Schultz

Mehr als 70 Fahrwassertonnen müssen die Männer regelmäßig sauber machen. Die kennzeichnen die Grenzen der im Regelfall 50 Meter breiten Fahrrinne im Fluss. Die bietet derzeit zwar noch genug Platz, dass Frachtschiffe drin fahren könnten - aber nicht mehr voll beladen. Und deshalb findet sich derzeit praktisch kaum ein Frachtschiff zwischen Meißen und Mühlberg auf der Elbe.

Dort hat heute der Arbeitstag des Quartetts begonnen: Am Mühlberger Hafen befindet sich die Außenstelle des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts Dresden, das von Niederwartha am Dresdner Stadtrand bis Belgern im Kreis Nordsachsen zuständig ist.

Zu den Aufgaben der Behörde gehört die Kontrolle des sogenannten Fahrwassers und die Herstellung der Verkehrssicherheit - so ähnlich, wie es die Straßenmeistereien auf Bundesstraßen oder Autobahnen machen. Ein wichtiger Punkt dabei ist es, die Kennzeichnung der Bundeswasserstraße in Ordnung zu halten. Und deshalb hat Sven Bölkau mittlerweile den Kärcher zur Seite gelegt und geht dem Dreck an der Tonne nun mit einem Eimer Wasser samt Putzmittel und einem Schrubber zu Leibe. "Pro Tonne brauchen wir eine halbe bis Dreiviertelstunde", sagt er. Deswegen wird er sich in dieser Schicht auch mehrfach abwechseln lassen: In der prallen Sonne hält das Tonnenputzen keiner acht Stunden lang durch. Zum Glück gibt es unter Deck wenigstens einen Pausenraum, in dem die Männer ihre mitgebrachten Brote essen können.

Zudem sind seit diesem Jahr die Tonnen in der Elbe nicht mehr aus Blech, sondern aus Plastik. "Da fällt wenigstens das ständige Konservieren weg", sagt Wyrwoll.

Die Männer haben aber auch noch andere Aufgaben. Etwa weggeschwemmte Tonnen wieder an den richtigen Platz zu befördern. Bei Hochwasser reicht die Kraft der Strömung, die 250 Kilogramm schweren Grundgewichte elbabwärts zu verschieben. Bei Eisgang wie zuletzt vor zweieinhalb Jahren wird auch mal eine abgerissen. Wenn Hochwasser aus den Nebenflüssen umgestürzte Bäume mitbringt, kann das denselben Effekt haben. Außerdem markieren die Männer über Nacht von der Strömung abgelagerte Sandbänke, beseitigen Untiefen, bessern kleinere Schäden an der Uferbefestigung aus. Nur größere Aufträge vergibt die Behörde an private Fachfirmen.

Bei so einer ist auch Andreas Fritsch mal ein paar Jahre auf den Flüssen gefahren: Jetzt sitzt der 62-Jährige am Steuer, hat grummelnde 220 PS unter sich. Die sorgen im Schubschiff Baujahr 1962 flussaufwärts für eine gemütliche Geschwindigkeit von sieben Stundenkilometern und bringen bergab das Doppelte. Sein Blick geht über die Elbe, den großen Bildschirm der Radaranlage, das Echolot, zahllose Anzeigen über Motortemperatur, Öldruck, Stromspannung. Früher war der Oschatzer Matrose auf Binnen-Transportschiffen, lange Fährmann in Niederlommatzsch und Zehren. Hier gefällt es ihm fast noch besser. "Hier gibt es im Regelfall keinen Schichtdienst und keine Wochenendeinsätze." Der Dienst endet am Freitag, wenn das gemeinsame Putzen des Schiffs ansteht.

Andreas Fritsch ist Schiffsführer auf der Weißeritz. Der 62-Jährige ist früher als Matrose auf Binnenschiffen unterwegs gewesen und hat auch schon Fähren gesteuert.
Andreas Fritsch ist Schiffsführer auf der Weißeritz. Der 62-Jährige ist früher als Matrose auf Binnenschiffen unterwegs gewesen und hat auch schon Fähren gesteuert. © Sebastian Schultz
220 PS leistet der Motor der Weißeritz. Hier unten ist es so laut, dass man sich bestenfalls noch mit Schreien verständigen kann.
220 PS leistet der Motor der Weißeritz. Hier unten ist es so laut, dass man sich bestenfalls noch mit Schreien verständigen kann. © Sebastian Schultz
Echte Handarbeit: Bevor eine Tonne wieder ins Wasser kommt, wird sie sorgfältig geputzt. Pro Exemplar dauert das bis zu einer Dreiviertelstunde.
Echte Handarbeit: Bevor eine Tonne wieder ins Wasser kommt, wird sie sorgfältig geputzt. Pro Exemplar dauert das bis zu einer Dreiviertelstunde. © Sebastian Schultz

Havarien auf der Elbe können allerdings schnell für außerplanmäßige Einsätze sorgen. Wenn mal ein Auto in die Elbe rollt, sich ein Schiff festfährt oder eine Leiche aus der Elbe geborgen werden muss.

Aber dafür entschädigt das Arbeiten an der freien Natur die Männer. "Im Winter der Raureif, im Frühling die ersten Blüten: Von uns könnte wohl keiner den ganzen Tag im Büro sitzen", sagt Matrose Wyrwoll. Die Männer aus Oschatz, Mühlberg und dem Raum Torgau sehen regelmäßig Biber, Rehe, Kühe, springende Fische: "Wenn die Karpfen aus dem Wasser hüpfen, sieht das fast so aus wie bei kleinen Delfinen." Bei jedem Wetter: ob bei Eisgang oder jetzt, wenn das Thermometer weit über 30 Grad anzeigt, und jeder, der kann, in den Schatten flüchtet.

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