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Freital

Die Tragödie am Segen-Gottes-Schacht

Reinhard Schanzes Urgroßvater kam beim Grubenunglück in Freital vor 150 Jahren ums Leben. Eine Spurensuche.

Reinhard Schanzes Urgroßvater zählte zu den Toten des Grubenunglücks im Segen-Gottes-Schacht.
Reinhard Schanzes Urgroßvater zählte zu den Toten des Grubenunglücks im Segen-Gottes-Schacht. © Andreas Weihs

Der Name des Toten steht an dritter Stelle auf Tafel Nummer 13, dort, wo die Opfer vom Segen-Gottes-Schacht aufgeführt sind. Reinhard Schanze streicht mit der Hand über die eingravierten Buchstaben: „Schanze, Carl Gotthelf“ steht da geschrieben, und darunter: 35 Jahr. „35“, sagt Reinhard Schanze und schüttelt den Kopf. „Manche waren noch viel jünger, so 15 und 16. Was für ein Unglück.“ 

Das Unglück jährt sich am 2. August zum 150. Mal. Es gilt als eines der größten Unfälle im sächsischen Bergbau. 1869 kamen bei einer Explosion in den Steinkohleschächten unter dem Freitaler Windberg 276 Bergleute ums Leben. Darunter Carl Gotthelf Schanze, der Urgroßvater von Reinhold Schanze.

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Der Urenkel wusste lange nichts von dem Familienschicksal, das seine Vorfahren ereilt hatte. Reinhold Schanze holt ein Foto hervor, es zeigt ihn als Knirps bei einem Ausflug am Denkmal. Er steht in weißem Hemd und dunkler Hose an einem Sommertag vor der Grabanlage auf dem Windberg. Für ihn, der in Kleinnaundorf aufgewachsen ist und dort heute wieder lebt, war das Bergmannsdenkmal damals nur ein Stück Heimatgeschichte mit Gänsehauteffekt.

Jener 2. August war ein Montag, die Bergleute fuhren in aller Frühe in die unter Tage verbundenen Steinkohlegruben des Segen-Gottes-Schachts und des Neuhoffnungs-Schachts in 490 Meter Tiefe ein. Zu dem Zeitpunkt fanden Sanierungsarbeiten am Neuhoffnung-Schacht statt. Teile des Schachtes waren mit Holzbühnen abgedeckt. Demzufolge funktionierte die Luftzirkulation – die Bergleute sprechen von Bewetterung – der beiden Gruben nicht gut. Um saubere Luft in die Stollen zu leiten, waren Ventilatoren aufgebaut, die aber nicht leistungsfähig genug waren.

So hatte sich über den Sonntag ausgetretenes Methangas gesammelt. Als die ersten Bergleute mit ihren offenen Geleuchten, kleinen Öllampen, in der Tiefe eintrafen, kam es zum Unglück: Eine sogenannte Schlagwetterexplosion fuhr durch die Stollen. Die Männer hatten keine Chance. Sie verbrannten, erstickten oder wurden von herabfallenden Gesteinsbrocken erschlagen. Nur fünf Leute konnten sich retten: Drei flüchteten über eine Tagesstrecke, die am Burgker Schloss ins Freie führte. Zwei weitere Männer waren bei Schichtbeginn noch so dicht unter der Oberfläche, dass sie schnell wieder ausfahren konnten.

Paul Gotthelf Schanze gehörte nicht zu den Glücklichen. Der Hauer hinterließ vier Kinder und eine schwangere Ehefrau. Sie brachte noch 1869 einen Jungen zur Welt und gab ihm den Namen Robert. Er war Reinhard Schanzes Großvater. „Mein Opa hat nie über das Unglück gesprochen. Überhaupt wurde in der Familie nie darüber geredet. Das war wie mit der Nazi-Zeit und dem Zweiten Weltkrieg – davon wollte hinterher auch keiner mehr etwas wissen.“ Vom Großvater existiert ein Foto – er sitzt mit seiner Frau vor dem Weihnachtsbaum. Reinhard Schanze lernte den Arbeiter, der in der Bienertmühle in Dresden-Plauen angestellt war, noch kennen. „Er war zum Schluss schwer krank. Ich erinnere mich, wie er im Bett lag und nicht mehr herauskam. Das war Anfang der 50er-Jahre.“

Dass das Grubenunglück mit seiner Familiengeschichte zusammenhing, erfuhr Reinhard Schanze erst viel später. Seine Mutter, eine Schlesierin, hatte darüber von Leuten aus dem Dorf gehört.

Reinhard Schanze selbst verschlug es auch in den Bergbau, ohne dass er vom Urgroßvater und dessen Schicksal wusste. Nach der Schule hatte der heute 71-Jährige bei der Fördertechnik in Freital-Birkigt den Beruf des Stahlbauers erlernt. Weil er unbedingt eine Wohnung wollte, wechselte er 1971 zur Wismut. „Die hatten alles: Macht, Geld und Wohnungen.“ Reinhard Schanze wurde in die alte Steinkohlegrube Willi Agatz in Dresden-Gittersee geschickt, wo die Bergleute inzwischen Uranerz abbauten. Für den Abbau und das Bergen des Erzes sowie den Transport nach über Tage wurden verschiedene Fördermaschinen eingesetzt. Die Aufgabe von Stahlbauer Schanze war es, die Geräte zu warten, zu reparieren und zu pflegen. Bis zur Wendezeit, als die Grube aufgegeben wurde, arbeitete Schanze dort.

Als er von den Todesumständen des Urgroßvaters erfuhr, begannen seine Gedanken darum zu kreisen. Eine berufliche Auszeit aufgrund eines Unfalls nutzte er, um im Staatsarchiv Dresden, in den Kirchgemeinden und dem Freitaler Stadtarchiv näheres über Carl Gotthelf Schanze zu erfahren. Der Bergmann wohnte an der Leisnitz, damals eine typische Bergarbeitersiedlung. Bis er starb, zählten zur Familie zwei Jungs und zwei Mädchen. Bis auf den nach dem Grubenunglück geborenen Robert wanderten die Kinder weit nach West- und Norddeutschland ab. Einige Nachfahren konnte Reinhard Schanze ausfindig machen. „Ich habe auch mit einem Enkel meines Urgroßvaters telefoniert, aber der wollte keinen Kontakt.“ So bleibt am Ende nur die Inschrift auf dem Gedenkstein.

Die Verunglückten sind größtenteils unter der Anlage begraben – und damit nur einige Meter Luftlinie vom ehemaligen Segen-Gottes-Schacht entfernt. Der wurde übrigens nur wenige Wochen nach dem Unglück wieder in Betrieb genommen. Bis 1916 förderten die Bergleute dort die Steinkohle.

Gedenkveranstaltung zum Jahrestag des Unglücks

Der 276 Toten wird am Sonntag gedacht. Die Gedenkveranstaltung findet am Bergmannsgrab „Am Segen“ statt.

Vom Bergbau- und Hüttenverein und der Stadt Freital organisiert, erfolgen 11 Uhr der Einmarsch der Knappschaften, Kranzniederlegung und Grußworte und eine bergmännische Andacht. Zudem musiziert das Bergmusikkorps aus Oelsnitz.

Auf Schloss Burgk gibt es ab 13 Uhr eine bergmännische Aufwartung, Bildvorträge, Führungen durch die Ausstellung zum Grubenunglück und die Bergbauschau im Museum.

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