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Die Treuhand-Opfer vom Sonnenstein

Kirche und Anstalts-Scheune im Schlosspark sind in desolatem Zustand. Bürger fordern die Stadt auf, endlich Mut zu zeigen.

Ehemalige Anstaltskirche im Schlosspark auf dem Sonnenstein: von einstiger Jugendstil-Pracht kaum etwas übrig.
Ehemalige Anstaltskirche im Schlosspark auf dem Sonnenstein: von einstiger Jugendstil-Pracht kaum etwas übrig. © Norbert Millauer

Ein paar Fotos von den Türen der Kirche genügen, um das Ausmaß der Tragödie zu veranschaulichen. Sybille Borchers vom Kuratorium Altstadt Pirna wirft Aufnahmen aus der Nachwendezeit und aktuelle Ansichten an die Wand, die frappierend den Verfall der Eingangsportale der Sonnensteiner Schlosskirche zeigen. Das im Oktober 1902 als Gebetsraum für die Heil- und Pflegeanstalt Pirna-Sonnenstein geweihte Gotteshaus ist insgesamt in einem erbarmungswürdigen Zustand. Seit über 20 Jahren ungenutzt, pfeift der Wind durch zerschlagene Fensterscheiben, die Witterung hat dem einst reich ausgeschmückten Jugendstil-Bau zugesetzt.

Am Montagabend diskutierten rund 50 Pirnaerinnen und Pirnaer über Möglichkeiten, die Kirche vor dem vollständigen Verfall zu retten, ebenso wie die mittlerweile einsturzgefährdete Anstaltsscheune. Der Pirnaer Architekt Tom Pfefferkorn bezeichnet beide Gebäude als Nachwende-Opfer. Die Treuhand-Anstalt habe das Schlosspark-Areal Mitte der 90er-Jahre an einen Privatmann verkauft, ohne auf die besondere Historie Rücksicht zu nehmen: „Es ist Zeit, dass das bereinigt wird.“

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Nach SZ-Informationen gehören beide Gebäude der Sonnenstein GmbH & Co. Naturprodukte KG. Firmen-Eigentümer Klaus Eckhard hatte 1996 das gesamte Gelände des ehemaligen VEB Strömungsmaschinenbaus auf dem Sonnenstein von der Treuhand gekauft, einschließlich Schlosspark und Schloss. Die meisten Gebäude sind inzwischen weiterveräußert und von neuen Privateigentümern oder der öffentlichen Hand saniert. Schlosspark 7, die einstige Aussegnungshalle der Heilanstalt, hat die Sonnenstein-GmbH selbst hergerichtet und lässt dort Trinkwasser abfüllen.

Vom Einsturz bedrohte Anstaltsscheune. 
Vom Einsturz bedrohte Anstaltsscheune.  © Daniel Schäfer

Kirche und Anstaltsscheune verfallen aber weiter. Lutz Finkler, der zuständige Gebietsreferent des Landesamts für Denkmalpflege Sachsen, ordnet ein, warum das so nicht weitergehen kann: „Das Gelände der einstigen Heilanstalt auf dem Sonnenstein steht als Ensemble unter Denkmalschutz, hinzu kommt die herausragende kulturgeschichtliche Bedeutung einzelner Gebäude.“ Das trifft auch auf die unscheinbare Anstaltsscheune zu. Hier waren die berüchtigten „Grauen Busse“ untergestellt, mit denen Anfang der 1940er-Jahre im Rahmen der sogenannten „Aktion T4“ Tausende psychisch kranke Menschen auf den Sonnenstein gebracht wurden, um sie dort umzubringen. Die Nationalsozialisten hatten aus der einst fortschrittlichen Pirnaer Heilanstalt eine Tötungsanstalt gemacht. „Diese Busgarage ist die letzte erhaltene ihrer Art“, erläutert Finkler. „Das macht sie zum Monument von nationalem Rang.“

Schluss mit Kuschelkurs

Die Veranstalter des Gesprächsabends, das Kuratorium Altstadt Pirna und das Kuratorium Gedenkstätte Sonnenstein, hatten Eigentümer Klaus Eckhard geladen, um Stellung zu nehmen. Dies sagte er zwar ab, ging aber mit einem Schreiben auf die Anfrage ein. Man wisse um den Zustand der Gebäude, heißt es dort. Ein Architekt eruiere derzeit Fördermöglichkeiten. Zu möglichen Plänen, wann die Gebäude saniert und wie sie genutzt werden sollen, äußert sich Eckard in dem Schreiben nicht. Er bietet lediglich an, dass die Vereine sich an der Suche nach einer Finanzierung beteiligen könnten.

Viele Zuhörer im Saal empfinden das als Affront. Und da Klaus Eckhard nicht greifbar ist, richtet sich der Unmut der Anwesen vor allem gegen die Vertreter der Pirnaer Stadtverwaltung, die sich der Diskussion stellen. Stadtplanungschef Steffen Möhrs erklärt, der Stadt sei die Dringlichkeit, eine Lösung zu finden, bewusst. „Wir sind gemeinsam mit dem Eigentümer so weit, dass ein Notsicherungskonzept für die Scheune erstellt wird.“ Gegen Abbruch-Anträge für die Scheune habe sich Pirna erfolgreich gewehrt. Leider, gesteht Möhrs, sei es aber bisher nicht gelungen, mit dem Eigentümer Möglichkeiten für eine Sanierung zu finden. Verkaufsbereit sei dieser aktuell ebenfalls nicht.

Das wird von den Anwesenden mit Kopfschütteln quittiert, und am Ende steht eine Forderung ans Rathaus, die allgemein große Resonanz findet: Die Stadt möge, nach 23 Jahren, endlich Mut finden und klare Kante gegenüber dem Eigentümer zeigen. Wenn dieser nicht von sich aus sehr schnell mit einer Sicherung beginne, müsse die Stadt noch vor Mitte dieses Jahres Fristen setzen und eine Ersatzvornahme auf den Weg bringen, um die Gebäude zu retten. Scheune und Kirche müssten ins Eigentum der öffentlichen Hand. Pirna habe alle Möglichkeiten dazu.

Als gewünschte Nutzung für die Kirche kristallisiert sich an diesem Abend ein Umbau zum Kultur- und Begegnungsraum heraus, die Anstaltsscheune, auch da ist man sich einig, soll am besten Teil der Gedenkstätte Sonnenstein werden.

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Wolle man den Druck auf den Eigentümer erhöhen, so seien dazu möglicherweise Entscheidungen des Stadtrates nötig, gibt Steffen Möhrs zu bedenken. Zum Gesprächsabend allerdings war kein einziger Pirnaer Stadtrat anwesend.

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