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Wirtschaft

Die Treuhand und die Suche nach der Wahrheit

Eine Tagung in Dresden wollte sich dem Thema unvoreingenommen nähern. Ein gut gemeinter Versuch.

Für Foron, Pentacon, Kaliwerk Bischofferode und HO kam das Treuhand-Aus, andere überlebten. Wenige, wie Radeberger, schafften es an die Spitze.
Für Foron, Pentacon, Kaliwerk Bischofferode und HO kam das Treuhand-Aus, andere überlebten. Wenige, wie Radeberger, schafften es an die Spitze. © SZ/Archiv, Gröning, Opitz, dpa/May, Hirschberger

Wenn man im Mittelpunkt einer Party stehen will, darf man nicht hingehen.“ Der von Schauspielerin Audrey Hepburn überlieferte Spruch war wohl nicht der Antrieb für Sachsens Gleichstellungsministerin Petra Köpping, am Dienstagabend im Dresdner Hygiene-Museum zu fehlen. Dort ging es um eins der Topthemen der SPD-Politikerin, die spätestens seit ihrer Streitschrift „Integriert doch erst mal uns!“ als Stimme der Ostdeutschen gilt: die Aufarbeitung der Nachwendezeit und die Arbeit Treuhand. Köpping hatte sogar „Wahrheitskommissionen“ angeregt, die die Rolle jener Privatisierungs- und oft Stilllegungsinstitution untersuchen sollten.

Im Zusammenhang mit der deutschen Einheit gebe es „kein zweites Einzelthema, das regelmäßig so kontrovers diskutiert wird“, weil es unmittelbar in die Lebenswirklichkeit der Menschen hineingewirkt habe, sagt Ex-Bundestagspräsident Norbert Lammert, Chef der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die CDU-nahe Einrichtung hatte die Veranstaltung mit der Friedrich-Naumann-Stiftung, ihrem FDP-Pendant, organisiert. Ziel: sich „gründlich und nüchtern auseinandersetzen mit der aufgeladenen Debatte, die einige registrieren, andere befeuern und für politische Zwecke instrumentalisieren“, so Lammert. Es gehe darum, „aus dem Gewaber von Vermutungen, Behauptungen, Beleidigungen und Verleumdungen Sachverhalte zu destillieren“ und die Frage: „Was ist damals wirklich passiert, und wie gehen wir damit um?“

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Mit Richard Schröder, Chef der SPD-Fraktion in der letzten Volkskammer der DDR, Franz Schuster, von 1992 - 2003 im Kabinett Vogel Minister in Thüringen, und Johannes Ludewig, 1991 - 1997 Koordinator für die neuen Länder im Kanzleramt und später Bahnchef, hatten die Veranstalter neben Wissenschaftlern Schlüsselfiguren von einst eingeladen. Dass die Treuhand-Kritikerin Köpping nicht auftauchte, sei „nicht der Versuch, eine besonders prominente Stimme nicht zu Wort kommen zu lassen, sondern ihre Entscheidung“, so Lammert. Obwohl die Ministerin fehlt, ist sie Thema. Auch bei Richard Schröder, der sich mit ihren Aussagen zum VEB Elektroporzellan Großdubrau auseinandersetzt, bis zur Stilllegung 1991 ein führender Hersteller von Hochspannungsisolatoren und Teil des VEB Keramische Werke Hermsdorf. Über Nacht seien dort neue Schweizer Maschinen gen Westen abtransportiert worden, dazu der Tresor mit dem letzten Gehalt, zitiert Schröder die Parteikollegin. Tatsächlich sei das Unternehmen „nie an einen Westdeutschen verkauft worden“, gehöre der Ex-Kombinatssitz heute zu Jenoptik, so der Theologe unter Bezug auf einen Bericht des Finanzministeriums den er bei Google gefunden habe. Die Schließung in Großdubrau, wo die AfD jüngst bei der Landtagswahl 46 Prozent der Stimmen holte, sei unter einem „SED-Direktor“ und mit Billigung des Betriebsrats erfolgt, der Maschinenpark ins Zweigwerk nach Sonneberg in Thüringen gegangen. „Und dort arbeiten sie noch heute“, amüsiert er sich unter dem Gelächter der rund 250 Zuhörer.

Sündenbock und Blitzableiter

Solche Falschmeldungen nehme Köpping als typisch für die Grundbehauptung, dass die Treuhand gegründet worden sei, um Ost-Betriebe zugunsten der West-Konkurrenz plattzumachen, empört sich Schröder – obwohl es „hier und da“ so was gegeben habe. Die Treuhand werde „als West-Veranstaltung wahrgenommen“, dabei sei der Wunsch nach Privatisierung von der Volkskammer ausgegangen. „Sie ist im Osten Sündenbock, und den Bundesregierungen unter Kohl und Schröder diente sie als Blitzableiter.“ Sie seien froh gewesen, dass die Treuhand die Prügel abbekam und nicht der Finanzminister. Entsprechend gering sei das Interesse an öffentlichen Veranstaltungen zu ihrer Rolle und die Akten bis 2016 unter Verschluss gewesen. „Die Legendenbildung um die Treuhand ist durch Feigheit der Regierung vor dem Volk forciert worden.“ Auch das müsse mal gesagt werden, so Schröder, Träger des Lutherpreises „Das unerschrockene Wort“.

Ex-Minister Schuster, vor seiner Zeit in Thüringen in Sachsens Wirtschaftsministerium tätig, kritisiert, dass nur über die erste Treuhand gesprochen werde. Nachfolgerin BVS habe ab 1994 „Bemerkenswertes“ geleistet. Er würdigt den Erhalt der Chemieregion Halle-Bitterfeld, die Wandlung von Eisenach zur Autoregion und die Lösung für Carl-Zeiss in Jena. Solche Beispiele sollten mehr thematisiert werden, fordert er. Bei der Schließung des Kalibergwerks in Bischofferode müssten sich Treuhand und Politik ankreiden lassen, nicht nach Alternativen gesucht zu haben, so Schuster.

Zufriedenheit und noch viel Arbeit

Weil mit Detlef Scheunert der einzige ostdeutsche Treuhanddirektor wegen eines Unfalls bei der Anreise absagte, ist es weitgehend ein Blick durch die Westbrille auf den deutschen Osten. Neben Kritikern aus anderen Parteien bleiben auch jene ungehört, die einst in mehr oder weniger maroden Betrieben ihre Arbeit verloren. Von den 4,1 Millionen Jobs in Treuhand-Betrieben blieben nur 1,2 Millionen übrig.

Viele Tagungsteilnehmer gehen zufrieden nach Hause, aber in der Bewertung der DDR-Wirtschaft und der Treuhandarbeit bleibt eine Menge Arbeit. Da der Forschung mit Ablauf der 30-jährigen Sperrfrist nunmehr die Akten zur Verfügung stehen, werden demnächst viele wissenschaftliche Publikationen erwartet. „Es geht nicht darum, Fehler einzuräumen, oder um eine Beichte“, sagt Sachsens Ex-Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) zur SZ. „Wir lernen die ganze Zeit, aber das Lernen muss positiv sein“, so der fast 90-Jährige.

Die Kombination aus Analysen und Zeitzeugenberichten wird helfen, die Wahrheit zu finden. „Gefühlte Wahrheiten reichen nicht, um Erkenntnisse zu gewinnen“, warnt Karl-Heinz Paqué , Chef der Naumann-Stiftung. Manches sei auch nicht aufzulösen – „eine Tragik der Freiheit“.

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Und warum fehlte das Ost-Sprachrohr Petra Köpping, Sachsens designierte Ministerin für Soziales und gesellschaftlichen Zusammenhalt? „Zum Zeitpunkt der Anfrage war eine zweitägige Fraktionsklausur geplant“, antwortet ihr Ministerium der SZ. Sie sei erst am Freitag abgesagt worden.

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