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Die Tunnelfrau von Dresden

Bauleiterin Grit Ernst koordiniert die Firmen beim Bau der Neustädter Tunnelzufahrt zur Waldschlößchenbrücke.

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Immer dann, wenn Theorie und Praxis nicht zusammenpassen, ist Grit Ernst gefragt. Die Mitarbeiterin des Dresdner Straßen- und Tiefbauamtes hat die Fäden beim Bau der Tunnelzufahrt der Waldschlößchenbrücke auf der Neustädter Seite in der Hand. Hier kümmert sie sich um die Anliegen der Baufirmen. Wird beispielsweise bei Arbeiten ein Kabel entdeckt, das nicht bekannt ist, verhandelt sie mit den Unternehmen, wie viel Zeit und Geld es kosten darf, dieses zu entfernen. Gerade Bauverzögerungen können teuer für die Stadt werden. „Die Baugeräte verursachen auch Kosten, wenn sie rumstehen“, sagt Grit Ernst.

715Meter Haupt- und Nebentunnel fallen in ihr Metier. „Ich arbeite im Team mit drei Bauüberwachern und der Bauoberleitung“, erläutert die 41-Jährige. Mindestens zweimal wöchentlich ist sie am Waldschlößchen. Grit Ernst bespricht bei Bauberatungen Details der Arbeiten und entscheidet letztlich über zusätzliche Leistungen. Mittlerweile ist die Bauingenieurin ein alter Fuchs im Geschäft. Seit 13 Jahren arbeitet sie im Tiefbauamt, die Flügelwegbrücke war eine ihrer letzten größeren Baustellen. „Das war ingenieurtechnisch eine größere Schwierigkeit als der Tunnel zur Waldschlößchenbrücke, denn die Flügelwegbrücke ist ein Stahlbau“, sagt sie. Es sei immer anspruchsvoll, die unterschiedlichen Baustoffe Stahl und Beton zusammenzubringen. Bei der Waldschlößchenbrücke gibt es für sie dagegen andere Herausforderungen. Einerseits ist der Bau umstritten. Zudem geht es auf der Baustelle mitten in der Stadt sehr eng zu.

Berufswunsch Tierärztin

Dabei ist die Arbeit an der Waldschlößchenbrücke für sie wie ein Schritt in die Vergangenheit. Denn vor ihrer Arbeit im Amt war Grit Ernst vier Jahre Bauleiterin bei einer Brückenbaufirma. Als eine der wenigen Frauen auf Baustellen hat sie sich zu behaupten gelernt. „Ich lege viel Wert auf höfliche Umgangsformen. Aber wenn es sein muss, kann ich auch mal laut werden“, sagt sie. Eigentlich war ihr Berufswunsch ein anderer: „Ich wollte Tierärztin werden, habe aber keinen Studienplatz bekommen.“

Ein befreundeter Bauingenieur wurde zum Vorbild für den Job in der Männerdomäne. Heute kann sie sich keine bessere Arbeit vorstellen. „Ich arbeite im Büro, bin aber auch oft bei Wind und Wetter draußen. Es ist schön zu sehen, wie aus einem Loch ein Tunnel wird“, sagt die Mutter eines Sohnes. Auch in den nächsten Tagen wird sie abends wieder an der Baustelle anhalten, um sich anzuschauen, wie betoniert wird. Dabei muss es akkurat zugehen. „Der Tunnel soll ja schließlich lange halten“, wünscht sie sich. Marita Lau