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„Die Übertragung durch Pendler ist marginal“

Die Ärztin Lenka Šimůnková über die tschechischen Coronamaßnahmen und eine baldige Grenzöffnung.

Gesprächspartnerin Lenka Šimunková, Leiterin des Gesundheitsamtes des Bezirks Ústí, das in Tschechien Hygienestation heißt.
Gesprächspartnerin Lenka Šimunková, Leiterin des Gesundheitsamtes des Bezirks Ústí, das in Tschechien Hygienestation heißt. © Mafa, Iveta Lhotska

In Tschechien läuft beim Kampf gegen das Coronavirus einiges anders. Hier gab es früh die Mundschutzpflicht, läuft bereits die Corona-App und ist Impfen übrigens Pflicht. Die SZ sprach darüber mit Lenka Šimůnková, der Leiterin der Hygienestation des Bezirks Ústí, vergleichbar mit unserem Gesundheitsamt.

Wie ist aktuell die Lage im Bezirk Ústí?

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Seit Beginn der Pandemie haben wir 512 bestätigte Fälle, davon sind 21 gestorben und 386 wieder genesen. Aktuell zählen wir noch 105 Kranke. Die meisten Infektionen hatten wir im Kreis Litoměřice (Leitmeritz) mit 247 Fällen. Dort trat der Erreger geballt in einem Altersheim auf. Zum Glück sind auch dort wieder 183 Personen genesen. Am wenigsten vom Coronavirus betroffen waren die Kreise Chomutov (Komotau) mit insgesamt 22 und Louny (Laun) mit 25 Infektionen.

Der Verlauf der Pandemie in Tschechien hat sich positiv entwickelt. Warum gab es letztendlich nur so wenig Kranke?

Die tschechische Regierung hat sehr früh sehr strenge Maßnahmen ergriffen wie die Schließung der Schulen, Theater, Kinos, Restaurants, den Großteil der Läden sowie das Verbot von Sportveranstaltungen. Die Bewegungsfreiheit wurde eingeschränkt und die Nutzung von Schutzmasken für Mund und Nase angeordnet. Zugleich wurden umfangreiche Tests durchgeführt sowohl von Kranken als auch jenen, die mit Kranken in Kontakt waren. Weitere Maßnahmen haben die Gesundheitseinrichtungen umgesetzt, wie die Einrichtung von Corona-Ambulanzen und Isolierstationen.

Wie bewerten Sie die von der Regierung eingeführten Maßnahmen?

Sie hatten Erfolg. Die Öffentlichkeit hat die Maßnahmen schnell umgesetzt und viele Menschen haben sich geholfen. Wie auch in anderen Staaten herrschte bei uns ein Mangel an Schutzmitteln, vor allem Masken fehlten. Darauf begannen die Menschen, sie selbst herzustellen und zu verschenken. Eigentlich ist allen zu verdanken, die die Maßnahmen eingehalten haben, dass es gelungen ist, die Ansteckungsquote niedrig zu halten. Ich persönlich hatte bei einer Erkrankung, die durch Tröpfchen übertragen wird und der gegenüber wir sehr anfällig sind, einen um ein Vielfaches höheren Krankenstand erwartet.

Eine wichtige Aufgabe der Hygienestation war das Auffinden der Personen, mit denen Kranke in Kontakt gekommen sind. Wie ist Ihnen das gelungen und wie half dabei die „Smarte Quarantäne“, die in Tschechien am 1. Mai anlief?

Auf das Finden der Kontakte haben wir all unsere Kraft verwendet. Der Großteil unserer Mitarbeiter arbeitete und arbeitet noch immer bis in den Abend und übers Wochenende. Eine große Hilfe ist uns die Armee durch den Einsatz von mobilen Corona-Ambulanzen und Studenten der Medizinischen Militärfakultät. Auch die „Smarte Quarantäne“ hilft uns. Mit dieser App ist ein schnelles Auffinden der Krankenkontakte möglich.

Teil der Regierungsmaßnahmen war auch die Schließung und Kontrolle der Grenzen. Der Bezirk Ústí ist ein Grenzbezirk. Wie wichtig war diese Maßnahme zur Eindämmung der Pandemie?

Ein Teil der Covid-19-Fälle wurde nach Tschechien importiert. Deshalb ist die Grenzkontrolle wichtig. Dabei muss aber gesagt werden, dass der Import Skiurlauber in Italien und Österreich betraf. Aus Deutschland war der Import niedrig und die Übertragung durch Pendler marginal. Bislang zählten wir gerade mal zwei Infektionen durch Pendler. 

Wir bekommen von der Polizei ein mit der Grenzkontrolle angelegtes Personenverzeichnis zur Verfügung gestellt. Dann können wir bei diesen Personen Isolation und einen Test anordnen.

Ist die Zeit reif, die Grenze zu öffnen?

Unser Nachbar ist zum Glück das Bundesland Sachsen, wo es gelang, die Zahl der Erkrankungen niedrig zu halten. Das zeigt sich eben auch an unseren Pendlern, die negativ getestet werden. Ich selbst wünsche mir eine Öffnung der Grenzen, da meine Tochter in Dresden lebt und arbeitet und ich sie schon zwei Monate nicht mehr gesehen habe.

Die tschechische Regierung hat die Lockerung der Maßnahmen zuletzt noch einmal beschleunigt. Halten Sie dieses Tempo aus epidemiologischer Sicht für angemessen?

Ja, jetzt ist die Situation in Tschechien wirklich sehr gut. Falls die Zahl der Kranken wieder steigt, sind wir bereit, Maßnahmen zu ergreifen, damit eine neue Verbreitung gestoppt wird.

Ist Tschechien über den Berg oder kommt eine zweite Welle?

Das können wir nicht sagen. Wenn wir die Situation in der Welt und anderen europäischen Staaten beobachten, ist klar, dass wir weiter mit der Gefahr, an Covid-19 zu erkranken, rechnen müssen. Wann eine neue Welle kommt, lässt sich nicht vorhersagen. Aber das Risiko ist höher in einer Zeit, in der gehäuft andere akute Erkrankungen der Atemwege auftreten.

Lassen sich die Menschen in Tschechien regelmäßig impfen und wird das auch bei einem Impfstoff gegen das Coronavirus so sein?

In Tschechien haben wir sogar eine Pflicht, sich regelmäßig impfen zu lassen. Das wird komplett durch die Krankenversicherung gezahlt. Geimpft wird gegen die gefährlichsten und ansteckendsten Krankheiten wie Keuchhusten, Tetanus, Diphterie, Masern und so weiter. Leider sinkt die Impfrate. Es gibt viele Impfgegner, die meinen, alle Informationen, die sie aus dem Internet erhalten, sind wahr und können ein jahrelanges Universitätsstudium ersetzen. Diese Menschen sind nicht nur fähig, gegen den Staat zu prozessieren, sondern auch ihre Kinder einem hohen Infektionsrisiko auszusetzen.

Das tschechische Gesundheitsministerium fördert die Entwicklung eines eigenen Impfstoffs. Wie realistisch ist, dass das zum Erfolg führt?

Das kann ich nicht einschätzen, ich bin keine Expertin. Aber ich weiß, dass wir Tschechen in Notlagen zusammenhalten und scheinbar Unmögliches leisten können.

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