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Die Uhren-Doktoren

Lohmens Kirchturmuhr stand wegen Bauarbeiten still. Dank zweier Männer geht sie wieder.

Von Heike Wendt

Die Drittelstunde – der SZ-Podcast

Aktuelle Themen sowie Tipps und Tricks für den Alltag: Fabian Deicke stellt Experten verschiedener Gebiete die Fragen der SZ-Community.

Täglich seine Uhr aufziehen muss heute kaum noch jemand. Es sei denn, er liebt mechanische Uhren, wie Rainer Große. Von seiner Wohnung aus hat er stets einen Blick auf die Kirchturmuhr in Lohmen. Ertönt der Halbstunden- oder Stundenschlag, vergleicht er die Zeit automatisch mit der Anzeige auf seiner Armbanduhr. Unregelmäßigkeiten bemerkt er sofort. „Dann muss ich schauen, woran es liegt“, sagt er. Er hat – so könnte man es bezeichnen – die Patenschaft für die Kirchturmuhr übernommen. Vielleicht, sagt er, fehlt irgendwo ein bisschen Öl, oder eines der unzähligen Zahnräder hat Schmutz abbekommen und knirscht. Einmal versagte sogar ein Schalter, der eigentlich das Hochziehen der Gewichte stoppt, wenn sie direkt unterhalb des Uhrwerks angekommen sind. „Doch das ist die Ausnahme“, weiß der gelernte Verpackungsmaschinenbauer zu berichten.

Mit dem Uhrwerk hoch oben im Turm ist der 75-Jährige vertraut. Es ist Leipziger Bauart, fachsimpelt Rainer Große mit Steffen Höppner und Andreas Tschipke vom Turmuhrenservice aus Pirna. Die beiden Männer sind gekommen, um das Uhrwerk wieder in Gang zu bringen. Für Firmenchef Höppner ist es Routine. Er hat sogar die Uhr in der Dresdner Frauenkirche bauen dürfen. Das dafür verwendete historische Uhrwerk, Baujahr 1899, tickte übrigens bis in die 1970er-Jahre in der Lohmener Kirche, ehe es 30 Jahre später restauriert und in Dresden wieder eingebaut wurde.

Diesmal ist es eine eher moderne Uhr, die an ihren Platz zurück soll. Im Uhrenraum musste der Holzboden erneuert werden, deshalb war sie außer Betrieb. Auf den Ausbau des Uhrwerks während anderer Bauarbeiten im Kirchengebäude besteht Steffen Höppner. „Staub ist total schädlich für das Uhrwerk.“ Bei der Lohmener Uhr sind Gangwerk und Schlagwerk – das eine wird für die Zeitanzeige, das andere für den Glockenschlag gebraucht – auf einer Welle miteinander verbunden. Damit auch die Gewichte für die beiden Mechanismen gleichzeitig per Motor aufgezogen werden können, haben die Uhrenbauer sogar eine besondere Übersetzung auf der Welle ausgetüftelt.

Zum Uhrenservice ist Höppner über Umwege gekommen. Er wollte gleich nach der Wende ein Gewerbe als Spezialist für Höhentechnik anmelden. Am Kletterseil gesichert, hatte er zuvor beim Pirnaer Rohrleitung- und Isolierungsbetrieb die Außenfugen an den Elfgeschossern auf dem Sonnenstein saniert. Doch nach einem schweren Arbeitsunfall einer anderen Firma im Dresdner Gasometer verweigerte die Handwerkskammer ihm ein solches Firmenkonzept. Der Feinmechaniker musste seinen Plan überdenken und bot schließlich den Turmuhrenservice an.

Rainer Große beschäftigt sich ein halbes Leben lang mit Uhren. Eine Adlerfigur auf dem Dachboden seines Schwiegervaters, die eine Münze in ihren Klauen hielt, weckte seine Neugier. „Daraus baute ich meine erste Uhr“, erzählt er. Sein technisches Verständnis half, sich die tickenden Zeitmesser zu erschließen, die Prinzipien zu erkennen, nach denen sie funktionieren. Streikt die Kirchturmuhr, dann ist eine Sperre zu lösen, erklärt er. Schnipst sie nach oben, ist der Fehler bei den Zeigern zu suchen. Fällt sie nach unten, muss der Defekt im Uhrwerk sein. Logisch.

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