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Die unbekannte Heilige

Eine 500 Jahre alte Dame aus Holz wird bereits seit 1990 von der Polizei gesucht. Sie steht am längsten auf der Fahndungsliste des Freistaates Sachsen.

Fahndungsakte: Sakrale Holzfigur aus
Altarschrein „Heilige
ohne Abzeichen“
+	Alter: datiert um 1517
+	Größe: 1,21 Meter + Material: Lindenholz
+	besondere Merkmale:
Nase beschädigt,
Insignium fehlt
Fahndungsakte: Sakrale Holzfigur aus Altarschrein „Heilige ohne Abzeichen“ + Alter: datiert um 1517 + Größe: 1,21 Meter + Material: Lindenholz + besondere Merkmale: Nase beschädigt, Insignium fehlt © Veit Hengst

Von Thomas Schade

Sie hat ihren Namen vor langer Zeit verloren. Irgendwann, in jungen Jahren, hatte sie einen. Sehr wahrscheinlich dürfte er sich aus dem religiösen Insignium ableiten, das ihr Schöpfer ihr um das Jahr 1517 herum in die linke Hand gelegt hat. Insignien geben sakralen Figuren oft einen Namen. Leonhardt Herrgott hat die Heilige vor fast 500 Jahren in Zwickau geschaffen, hat ihr lockiges Haar geschenkt und eine Krone auf den Kopf gesetzt. Vielleicht hat er ihr auch ein Schwert in die linke Hand gelegt, wie Historiker in den 1960er-Jahren vermuteten. Vielleicht war es ein Palmenzweig, ein Kelch oder eine Burg, deren Schutzpatronin sie war.

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Aber was es auch war, sie verlor ihr Insignium und damit ihren Namen. So heißt sie nur „Heilige ohne Abzeichen“. Dennoch wird sie von der Kirchgemeinde Sankt Martin im sächsischen Oberlungwitz verehrt. Bis zum 18. Oktober 1990. Das wiedervereinigte Deutschland ist noch keinen Monat alt, als die Heilige ohne Namen und mit ihr, sieben weitere Holzfiguren im Wert von einer halben Million Euro verschwinden.

Noch Jahre später erinnert sich Pfarrer Ragnar Quaas gut an diesen Tag. Er hat einen privaten Termin an diesem Donnerstag: Sein Vater hat Geburtstag. Er will sein Elternhaus in Glauchau besuchen, doch das wird nichts.

Am Morgen kommt der Hausmeister aufgeregt ins Büro des Pfarrers und berichtet, dass in die Kirche eingebrochen worden sei. In der vergangenen Nacht hatte jemand versucht, die Osttür des Kirchenschiffes aufzubrechen. Pfarrer Quaas, bekennender Krimi-Fan, weiß, was zu tun ist. Er verbietet allen, die Kirche zu betreten, es sollen keine Spuren vernichtet werden.

Pfarrer Ragnar Quaas im Kirchturm. Von hier aus stahlen die Diebe die Figuren auf dem Sims.
Pfarrer Ragnar Quaas im Kirchturm. Von hier aus stahlen die Diebe die Figuren auf dem Sims. © Thomas Kretschel

Zunächst rätseln der Pfarrer und die herbeigerufenen Kriminalisten, wie die Kunsträuber in die Kirche eingedrungen sind. Sie entdecken, dass am Kirchenschiff an einem der hohen Sprossenfenster eine Scheibe fehlt. Das Loch in zwei Metern Höhe ist nicht größer als 30 mal 40 Zentimeter. Weil die Osttür zu stabil ist, hat wohl einer der Diebe die Scheibe eingeschlagen und sich hindurchgezwängt. Danach öffnete er die Osttür von innen für seine Komplizen. Der Pfarrer ist überzeugt, dass einer allein den Diebstahl nicht begehen konnte.

Der Kirchturm von Sankt Martin ist bekannt für sein markantes Sterngewölbe. Es soll aus einer Kapelle entstanden sein, die Benediktinermönche schon im 12. Jahrhundert errichtet hatten. Als besondere Zierde gelten eine Reihe Skulpturen. Sie gehörten zu einem alten Flügelaltar, der in der Kirchengeschichte als „besonders prächtiges Kunstwerk“ beschrieben wird. 1990 existiert der Altar nicht mehr. Erhalten sind nur seine Figuren: der heilige Martin, die unbekannte Heilige, die Anna selbdritt mit Tochter Maria und dem Jesusknaben, die heilige Johanna und andere biblische Figuren. Sie haben alle Unbilden der Zeit überlebt und stehen 1990 auf zwei Simsen im alten Kirchturm – bis zum 18. Oktober 1990.

Schon vom Eingang her sehen alle die leeren Simse. Nur die thronende Maria mit ihrem Kinde und der heilige Christophorus stehen noch da. Sie waren für die Räuber vermutlich unerreichbar, die über die Treppe zum Glockenstuhl an ihre Beute herankamen und keine Leiter hatten. Deshalb blieben zwei Figuren stehen.

Bei einer Auktion entdeckt

Einen Tag lang suchen Kriminaltechniker nach Spuren. Auf dem staubigen Sims im Kirchturm finden sie den Abdruck eines Schuhs, den wohl einer der Diebe hinterlassen hat. Auf der Altardecke entdecken sie einen Handabdruck. Dort haben die Diebe auch zwei Leuchter gestohlen. Die Polizei befragt alle Anwohner. Weder die Arbeiter der Nachtschicht in der nahen Strumpffabrik noch jemand anderes hat etwas bemerkt.

Von den Kirchenräubern fehlt jede Spur. Bis in die jüngste Vergangenheit zählt der Raub der Heiligen aus der Martinskirche zu den schwersten Diebstählen sakraler Kunst nach 1990 in Sachsen. Nach einer Meldung in der regionalen Zeitung wird es still um den Kunstraub. Nur Christen aus der Gemeinde fragen ab und an beim Pfarrer nach ihren Heiligen.

Doch Ragnar Quaas kann ihnen bis zum Jahr 2003 keine Antwort geben. Dann steht eines Tages die Polizei vor der Tür, zeigt ihm einen Computerausdruck und will wissen, ob er die Holzfigur darauf kenne. Der Pfarrer ist zu 80 Prozent sicher, dass er den heiligen Martin aus seiner Kirche vor sich hat. Wenige Wochen zuvor war der Leiter der Kunstsammlung des Schlosses Hinterglauchau im Internet eher zufällig auf eine Auktion gestoßen, bei der der heilige Martin angeboten wurde. Der Kunstkenner meldete seine Entdeckung dem Landeskriminalamt.

Die Ermittlungen führen zu einem Antikhändler nach Bamberg. Er will die Figur versteigern lassen. Wenig später durchsuchen sächsische Kunstfahnder und bayerische Polizisten sein Geschäft. Er soll dabei wenig gesagt haben. Nach Wochen räumte er ein, dass er noch mehrere Figuren des Holzschnitzers Leonhard Herrgott habe. Daraufhin stellt die Polizei bei dem fränkischen Kunsthändler sieben der acht gestohlenen Sakralfiguren aus Oberlungwitz sicher – auch den Namenspatron der Kirche, der für angeblich 25.000 Euro versteigert werden sollte. Es fand sich aber kein Käufer.

Wiedergefunden: der heilige Martin, Namenspatron der Kirche in Oberlungwitz.
Wiedergefunden: der heilige Martin, Namenspatron der Kirche in Oberlungwitz. © LKA

Weitere Recherchen führen zu Geschäftsleuten ins Chemnitzer Umland. Der Polizei zufolge hatten sie die gesamte Beute mehrere Jahre im Besitz. Doch sie verraten auch vor Gericht nicht, von wem sie die Figuren erhalten haben. Dennoch ist zu vermuten, dass sie die Diebe kennen. Denn die Figuren tauchen ziemlich genau zu der Zeit auf dem Kunstmarkt auf, als der Kirchendiebstahl strafrechtlich verjährt.

Aus Geldnot, so erzählen sie den Fahndern, hätten sie alle acht Figuren 2002 einem Antikhändler in Chemnitz verkauft. Dieser soll einige der Figuren auf einem Trödelmarkt in der Nähe von München angeboten haben. Dort trifft er den Herren aus Bamberg. Der Franke kauft dem Sachsen sieben der acht Figuren ab.

Nur die Heilige ohne Namen wird auf dem Trödelmarkt angeblich von einem anderen Unbekannten gekauft und bar bezahlt. Der Mann ist bis heute nicht identifiziert.

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Im Dezember 2006 gibt das Landeskriminalamt die Figuren in aller Stille an die Kirche zurück. Die evangelische Gemeinde in Oberlungwitz kann bis heute ihre Heiligen nicht öffentlich verehren. Die Namenlose nicht, weil sie bisher unentdeckt irgendwo im katholischen Bayern steht. Die anderen sieben sind zwar in den Schoß der Kirche zurückgekehrt, werden aber bis heute an einem sicheren und nichtöffentlichen Ort deponiert.

+++ Hinweise gesucht +++

Wer kann Angaben zum Verbleib der Holzfigur oder zur Straftat machen?

Hinweise bitte an das

Landeskriminalamt Sachsen
Neuländer Str. 60, 01129 Dresden
Telefon: +49 (0) 351 855-100

oder an jede andere Polizeidienststelle.

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