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„Die Ungewissheit ist kein guter Zustand“

Der Görlitzer Generalintendant Klaus Arauner spricht im Interview über eine drohende Insolvenz, Sorgen in Zittau und Hoffnungsschimmer.

© Nikolai Schmidt

Von Silvia Stengel

Wie geht's Brüder

Eine Reportagereise durch Osteuropa 30 Jahre nach dem Umbruch auf Sächsische.de

Görlitz/Zittau. Am Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau wird in den nächsten Wochen über die Gehälter der Mitarbeiter verhandelt. Seit 2004 müssen sie durchgehend auf teilweise weit über 20 Prozent verzichten. Dafür gibt es einen Haustarifvertrag. Platzt der Deal, geht das Theater in die Insolvenz, hat Sachsens Kunstministerin Eva-Maria Stange im Januar im SZ-Interview gesagt. Als wäre das nicht dramatisch genug, gibt es weitere Schwierigkeiten: Nach einem Rechtsstreit müssen für das Zittauer Theater zusätzliche Mittel aufgebracht werden. Der Verein der Freunde dieses Theaters befürchtet weitere Einsparungen und macht sich große Sorgen. Die SZ sprach darüber mit Klaus Arauner, dem Generalintendanten für Görlitz und Zittau.

Herr Arauner, dem Theater Görlitz-Zittau droht die Insolvenz?

Ja, wenn man es ganz nüchtern betrachtet. Unser Haustarifvertrag läuft im Juli aus. Wenn es keine Einigung mit der Gewerkschaft und den Mitarbeitern gibt und nicht mehr Geld, dann würden automatisch alle Mitarbeiter in den deutschlandweit geltenden Tarif zurückfallen und die jährlichen Personalkosten würden um etwa 1,3 Millionen Euro steigen. Insofern wäre die Folge die Insolvenz, die natürlich keiner will. Deshalb gehe ich davon aus, dass sich eine andere Lösung findet.

Das bedeutet, die Mitarbeiter müssen weiter verzichten. Ist das nicht ungerecht?

Das Angebot, das jetzt auf dem Tisch liegt, ist, dass alle Tarifsteigerungen der nächsten Jahre übernommen werden und dass es zu einer Annäherung an den geltenden Tarif kommt. Aber diese Annäherung geht den Gewerkschaften nicht weit genug. Ich verstehe ihre Forderungen und die Ungeduld der Beschäftigten. Wir haben den Haustarif seit 2004. Dass es nicht immer so weitergehen kann, ist schon absolut nachvollziehbar. Die Ministerin hat das erkannt und bemüht sich um eine Lösung, auch wenn die jetzt noch nicht auf dem Tisch liegt.

Nicht jeder nimmt das hin. In Zittau verlässt eine Schauspielerin und Dramaturgin das Haus – wegen der Doppelbelastung und konstant schlechten Bezahlung. Fürchten Sie weitere Verluste?

In den künstlerischen Sparten ist die Personalsituation noch nicht so gravierend, weil es auf dem freien Markt relativ viele Bewerber gibt. Aber wir merken es in allen anderen Bereichen. Beispielsweise ist es im Werkstattbereich heute sehr schwierig, qualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen, weil man anderswo viel besser verdienen kann. Bei den Künstlergagen gilt im Moment die Mindestgage von 1 850 Euro, die ist gesetzlich festgelegt und steigt am 1. April auf 2 000 Euro brutto.

Die Mindestgage steigt hier auch?

Das betrifft auch das Gerhart-Hauptmann-Theater. Ein solcher Verdienst reicht nicht, um reich zu werden. Aber man kann in der Region davon leben. Gegenüber dem, was man in der freien Wirtschaft hat, ist das kein Dumpinglohn.

Das betrifft die Schauspieler?

Das betrifft die Solisten, die Tänzer, die Sänger, die Schauspieler, alle, die einen Solo-Vertrag haben, beispielsweise auch die Dramaturgen.

Es drohen zusätzliche Ausgaben nach einem jahrelangen Streit mit einem Architekturbüro in Zittau. Nach einem Vergleich muss das Theater über eine halbe Million Euro zahlen. Bringt Sie das noch mehr in Schwierigkeiten?

Als die Fusion der Theatergesellschaften in Görlitz und Zittau beschlossen wurde, gab es eine Vereinbarung, dass die gegründete GmbH aus dem Rechtsstreit keine Nachteile erfahren darf und der Landkreis für die Summe aufkommen muss. Das Geld fließt zwar über uns, aber es belastet das Theater nicht unmittelbar.

Der Verein der Freunde des Zittauer Theaters befürchtet weitere Einsparungen und macht sich ernste Sorgen. Teilen Sie die?

Es gibt keinen Grund, sich über den einen oder anderen Standort unseres Theaters gesonderte Sorgen zu machen. Für uns alle gilt: Die mittelfristige Zukunft des Theaters ist zurzeit ungewiss. Das ist kein guter Zustand. Wir benötigen für unsere Arbeit eine Perspektive, die über das Jahr hinausreicht. Darin sind sich eigentlich alle einig. Auf politischer Ebene ist zu definieren, welche Mittel in den kommenden Jahren zur Verfügung stehen. Dann werden wir gemeinsam einen verlässlichen Weg finden, der sicherlich nicht dauerhaft auf der Fortführung von Haustarifverträgen basieren kann.

Der Oberlausitzer Kulturraum hat über einige Jahre eine feste Summe für die Theater bereitgestellt. Jetzt nicht mehr?

2014 wurde vom Kulturkonvent eine gleichbleibende Finanzierung bis 2019 festgelegt. Anlass dafür war ein Beschluss, nach dem der Zuschuss für das Gerhart-Hauptmann-Theater kurzfristig um 100 000 Euro abgesenkt und für das Bautzener Theater um 200 000 Euro erhöht wurde. Um die für uns unbedingt notwendige Planungssicherheit zu erreichen, wurden die Zuschüsse daraufhin für fünf Jahre festgeschrieben. Dieser Schritt hat aber eben auch verhindert, dass mehr Geld in die Theater fließt. Gleichzeitig sind die Kosten in allen Bereichen erheblich gestiegen. Was heute keiner mehr hören will: Ursprünglich war das Kulturraumgesetz dafür gedacht, die Theaterlandschaft abzusichern. Heute ist die Darstellende Kunst eine Sparte unter vielen. Die Diskussionen werden immer schwieriger.

Fühlen Sie sich abgehängt in der Oberlausitz?

Das würde ich nicht so sagen. Wir haben hier so eine reiche Kulturlandschaft, die in ihrer Vielfalt und Dichte einmalig in Deutschland ist, letztlich auch in Europa und in der Welt. Wer hier lebt und sagt, er wäre abgehängt, das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Natürlich leben wir im Dreiländereck in einer besonderen Situation und sind mit außerordentlichen strukturellen Herausforderungen konfrontiert, die nur langfristig und in teilweise mühevoller Detailarbeit bewältigt werden können. Das ist so. Aber auf der anderen Seite überwiegen aus meiner Sicht die sehr großen Potenziale und die Gewissheit, dass die Dinge im Sinne der Region in Bewegung sind.

Meinen Sie eine gemeinsame Lösung in der Oberlausitz, also auch mit dem Bautzener Theater?

Ob es irgendwann einmal zu einem Kulturraumtheater kommt? Das würde ich nicht ausschließen, das kann schon sein. Dieser Schritt wäre allerdings nur sinnvoll, wenn dadurch das regionale Theaterangebot in seiner Vielfalt der Standorte, Sparten und künstlerischen Handschriften langfristig gesichert werden könnte. Nur im Sinne eines Sparprogramms ist die Idee eines Kulturraumtheaters wertlos. Ich denke, dass Ministerpräsident Michael Kretschmer angetreten ist, die Landesentwicklung nachhaltig voranzubringen. Er wird sich natürlich nicht allein für das Gerhart-Hauptmann-Theater oder die Oberlausitz einsetzen. Wenn, dann sprechen wir über ein strategisches Programm für die gesamte sächsische Theaterlandschaft abseits der Metropolen. Die reiche Kulturlandschaft in der Fläche des Freistaates ist schließlich auch ein Imagefaktor.

Bei den Opern in Görlitz gibt es keine Auftragswerke mehr wie früher zu Fürst Pückler oder Brigitte Reimann. Liegt das auch an der finanziellen Not?

Ausschließlich. Ich würde liebend gerne Auftragswerke vergeben, ich halte das auch für notwendig. Aber wir müssen aktuell vorrangig wirtschaftlich denken. Ein Auftragswerk ist in der Regel mit einem höheren Aufwand verbunden, man braucht einen Komponisten, einen Texter, man braucht lange Vorlaufzeiten. Es ist auch klar, dass der rein wirtschaftliche Erfolg bei einem Klassiker besser kalkulierbar ist als bei einer Uraufführung. Wir haben aber durchgehend versucht, gesellschaftlich relevante Themen aufzugreifen und zeitgenössische Werke zu zeigen, wie die Opern „Powder her Face“ und „Der Konsul“.

Das Schauspiel in Zittau hat immerhin gerade zwei Autoren zu Gast, die Stücke schreiben, die sich mit dem Dreiländereck auseinandersetzen.

Es gibt zwei große trinationale Projekte, die über mehrere Jahre gefördert werden. In Zittau ist es die Theaterinitiative „J-O-S“, bei der jetzt die Autoren zu Gast sind. Ein ähnliches Projekt haben wir im Konzertbereich. Wir sind in das Bundesförderprogramm „Exzellente Orchesterlandschaft“ gekommen. Vor fünfeinhalb Jahren haben wir mit den Jungen Konzerten angefangen, die immer erfolgreicher werden. Sie sprechen Besucher von zwei oder drei bis elf oder zwölf Jahren an, dann kommt aber der Moment, in dem die jungen Menschen aus dem Format herauswachsen. Es fehlte uns daher ein spezifisches Angebot für die nachfolgende Altersgruppe. Da genau setzt das neue Programm an. Wir werden etwa eine App gestalten und die Arbeit des Orchesters von Jugendlichen aus der trinationalen Region interaktiv begleiten lassen. Dass dabei die neuen Medien eine große Rolle spielen werden, liegt auf der Hand.

Wann entscheidet sich endgültig, ob das Theater von einer Insolvenz verschont bleibt?

Die nächste Verhandlungsrunde mit den Gewerkschaften ist im April. Dann muss eine Entscheidung fallen.