merken
PLUS

Die unglaubliche Geschichte von Ex-Dynamo Justin Eilers

Der Aufstiegsheld hat Dresden im Mai 2016 verlassen und seitdem kaum gespielt. Jetzt erzählt er, was ihm passiert ist.

Wo alles begann: Justin Eilers auf dem Bolzplatz im Braunschweiger Stadtteil Kanzlerfeld. Hier hat er schon als Vierjähriger mit den Kumpels gekickt.
Wo alles begann: Justin Eilers auf dem Bolzplatz im Braunschweiger Stadtteil Kanzlerfeld. Hier hat er schon als Vierjähriger mit den Kumpels gekickt. © kairospress/Thomas Kretschel

Er kommt mit dem Taxi, nicht etwa, weil er seinen Führerschein eingebüßt hätte, sondern weil er sich erst wieder ein Auto besorgen muss. Am letzten Tag des alten Jahres ist Justin Eilers nach Hause zurückgekehrt: zu seinen Eltern in Braunschweig. Mit Freunden hat er beim Raclette Silvester gefeiert und um Mitternacht eine Rakete gezündet, „um die bösen Geister zu verscheuchen“, wie er sagt.

Eigentlich glaubt er nicht an Verschwörungstheorien, aber bei seiner Geschichte kann man schon mal denken, dass höhere Mächte im Spiel sind, keine guten allerdings. Eilers war ein Star in Dresden, einer von Dynamos Aufstiegshelden 2016, wegen seiner Tore sowieso für die Fans ein Fußballgott. Dann erhielt er die Chance, auf die er in seiner wechselvollen Karriere so lange gewartet hatte. Das Angebot von Werder Bremen konnte er nicht ausschlagen, obwohl ihn seine Mutter gewarnt hat. „Das muss ich mir heute noch öfter anhören, von wegen: Ich hab‘s gewusst! Dynamo war dein Verein, dort warst du glücklich, du hättest nicht weggehen dürfen.“

Anzeige
Open-Air Kino am Elbufer – Programm
Open-Air Kino am Elbufer – Programm

Für alle Filmbegeisterte hält das Programm wieder tolle Highlights - das aktuelle Kinoprogramm für die Woche vom 19.07. bis 25.07.2021 finden Sie hier.

Mütter haben sicher ein besonderes Gespür dafür, was gut für ihre Kinder ist, aber was ihrem Justin passieren sollte, konnte sich selbst Frau Eilers kaum ausmalen. Im Sommer 2016 plagte er sich mit Leistenbeschwerden, musste schließlich operiert werden. Als er sich davon erholt und in zehn Spielen für die zweite Mannschaft von Werder in der 3. Liga drei Tore erzielt hatte, riss sich der Stürmer im Mai 2017 beim Training das Kreuz- und das Innenband im linken Knie. Erst im Frühjahr vorigen Jahres gab er sein Comeback. Von den 24 Monaten in Bremen war er 20 verletzt.

„Ich habe als kleines Kind davon geträumt und all die Jahre darauf hingearbeitet, in der Bundesliga zu spielen. Diese Chance hatte ich mir auch durch meine Leistungen in Dresden verdient“, sagt Eilers. „Dann so zurückgeworfen zu werden und nicht zu wissen, ob man auf dem Niveau hätte mithalten können, ist einfach bitter.“ Er wollte das Pech irgendwie abschütteln, woanders unbeschwert neu anfangen. „Mein Ziel war es, nach langer Zeit wieder Fuß zu fassen, meine Leistung zu zeigen und mich wieder zu empfehlen.“

Er entschied sich, ins Ausland zu gehen, auch, „um mal vom Radar und aus dem Fokus zu verschwinden“, meint Eilers. Beim griechischen Erstligisten Apollon Smyrnis war Valérien Ismael neu als Trainer. Mit ihm hatte er vor dem Wechsel zu Dynamo beim VfL Wolfsburg II gut zusammengearbeitet. Natürlich hatte Eilers auch einiges gehört über die spezielle Mentalität und ungewöhnlichen Gepflogenheiten in Griechenland. „Durch Ismael hat es für mich einfach gepasst, ich fühlte mich bereit, diesen Schritt zu wagen.“ Das Problem: Ismael war schnell weg. Was Eilers in einem halben Jahr in Athen erlebt hat, klingt unglaublich, ist aber wahr.

Der Trainer ist nach dem ersten Spiel weg

Anfangs habe er noch gedacht, hier könne man etwas aufbauen. Doch die erste Unruhe kam schon in der Vorbereitung für die neue Saison auf, weil Apollon nur ein Testspiel gewonnen hat. „Sofort wurde diskutiert, ob die Mannschaft überhaupt tauglich wäre, in der Liga zu bestehen, zumal wir auch gegen einen Aufsteiger verloren hatten“, erzählt Eilers. Immerhin erzielte der Angreifer zwei Tore für seinen neuen Klub, es waren die einzigen überhaupt. „Ich denke, deswegen konnten sie mich nicht gleich aussortieren.“ Wie erst den sportlichen Leiter und dann den Trainer – und damit Eilers’ Bezugsperson.

Im Gespräch mit SZ-Sportredakteur Sven Geisler erzählt Justin Eilers seine unglaubliche Geschichte von Verletzungen und einem Abenteuer in Griechenland. Die Frage, ob er zurück zu Dynamo kommt, lässt er dabei jedoch geschickt unbeantwortet. Foto: Kairospress/Thomas Kretschel
Im Gespräch mit SZ-Sportredakteur Sven Geisler erzählt Justin Eilers seine unglaubliche Geschichte von Verletzungen und einem Abenteuer in Griechenland. Die Frage, ob er zurück zu Dynamo kommt, lässt er dabei jedoch geschickt unbeantwortet. Foto: Kairospress/Thomas Kretschel
Dort, wo für ihn alles begann, trafen wir Justin Eilers. Sozusagen hinter diesen „Gittern“ und auf Beton hat er im Braunschweiger Stadtteil Kanzlerfeld bereits mit vier Jahren gekickt.  „Ich habe dann zwar in der Jugend bei Eintracht Braunschweig gespielt, aber immer die Zeit gefunden, nach der Schule trotzdem auf den Bolzplatz zu gehen“, erzählt er. Foto: Kairospress/Thomas Kretschel
Dort, wo für ihn alles begann, trafen wir Justin Eilers. Sozusagen hinter diesen „Gittern“ und auf Beton hat er im Braunschweiger Stadtteil Kanzlerfeld bereits mit vier Jahren gekickt. „Ich habe dann zwar in der Jugend bei Eintracht Braunschweig gespielt, aber immer die Zeit gefunden, nach der Schule trotzdem auf den Bolzplatz zu gehen“, erzählt er. Foto: Kairospress/Thomas Kretschel
"Hier war immer etwas los", erzählt Justin Eilers. „Es war die Zeit, in der es noch kein Handy gab. Wir mussten also noch beim Kumpel zu Hause anrufen und die Eltern fragen, ob er mit runter kommen darf zum Bolzen. Manchmal bin ich auch einfach so hierhergekommen, weil ich wusste, irgendwer ist schon da – bei jedem Wetter. Wir haben so lange gespielt, bis die ersten Eltern kamen, um die Jungs wegzuziehen und zum Abendessen zu holen. Ich habe immer noch Freunde von damals." Foto: Kairospress/Thomas Kretschel
"Hier war immer etwas los", erzählt Justin Eilers. „Es war die Zeit, in der es noch kein Handy gab. Wir mussten also noch beim Kumpel zu Hause anrufen und die Eltern fragen, ob er mit runter kommen darf zum Bolzen. Manchmal bin ich auch einfach so hierhergekommen, weil ich wusste, irgendwer ist schon da – bei jedem Wetter. Wir haben so lange gespielt, bis die ersten Eltern kamen, um die Jungs wegzuziehen und zum Abendessen zu holen. Ich habe immer noch Freunde von damals." Foto: Kairospress/Thomas Kretschel
Zum Shooting mit Fotograf Thomas Kretschel präsentiert sich Justin Eilers dort, wo alles begann: Im Braunschweiger Stadtteil Kanzlerfeld. Foto: Sven Geisler
Zum Shooting mit Fotograf Thomas Kretschel präsentiert sich Justin Eilers dort, wo alles begann: Im Braunschweiger Stadtteil Kanzlerfeld. Foto: Sven Geisler
Tore sind seine Leidenschaft. Eilers erzielte in zwei Jahren für Dynamo insgesamt 46 Treffer, davon 23 in der Aufstiegssaison 2015/16 in der 3. Liga – wie das 2:1 beim Sieg gegen den VfL Osnabrück am 19. September 2015. Danach jubelt er mit Pascal Testroet (l./inzwischen in Aue) und Jim-Patrick Müller (Unterhaching). Foto: Robert Michael 
Tore sind seine Leidenschaft. Eilers erzielte in zwei Jahren für Dynamo insgesamt 46 Treffer, davon 23 in der Aufstiegssaison 2015/16 in der 3. Liga – wie das 2:1 beim Sieg gegen den VfL Osnabrück am 19. September 2015. Danach jubelt er mit Pascal Testroet (l./inzwischen in Aue) und Jim-Patrick Müller (Unterhaching). Foto: Robert Michael 
Manchmal tat es ihmtrotzdem auch in Dresden weh wie hier im Juli 2015, als er sich im Spiel gegen die zweite Mannschaft des VfB Stuttgart mit Schmerzen am Boden krümmt. Doch schwerer verletzt war Eilers in den zwei Jahren bei Dynamo nie, selbst ein Hexenschuss konnte ihn nicht bremsen: Im DFB-Pokal gegen den VfL Bochum traf er trotzdem zweimal. Foto: Robert Michael
Manchmal tat es ihmtrotzdem auch in Dresden weh wie hier im Juli 2015, als er sich im Spiel gegen die zweite Mannschaft des VfB Stuttgart mit Schmerzen am Boden krümmt. Doch schwerer verletzt war Eilers in den zwei Jahren bei Dynamo nie, selbst ein Hexenschuss konnte ihn nicht bremsen: Im DFB-Pokal gegen den VfL Bochum traf er trotzdem zweimal. Foto: Robert Michael
Sie hatten gemeinsam viel Spaß – und vor allem Erfolg: Justin Eilers (M.)  genoss bei Trainer Uwe Neuhaus (r.) und dessen Assistenten Peter Nemeth in Dresden uneingeschränktes Vertrauen. Dabei gibt der Angreifer selbst zu, nicht immer der Fleißigste im Training gewesen zu sein. Foto: Robert Michael
Sie hatten gemeinsam viel Spaß – und vor allem Erfolg: Justin Eilers (M.) genoss bei Trainer Uwe Neuhaus (r.) und dessen Assistenten Peter Nemeth in Dresden uneingeschränktes Vertrauen. Dabei gibt der Angreifer selbst zu, nicht immer der Fleißigste im Training gewesen zu sein. Foto: Robert Michael
Siege im Ost-Derby sind für die Fans besonders wertvoll, Justin Eilers aber sowieso für sie ein Fußballgott. Nach dem 3:2 gegen den 1. FC Magdeburg im Oktober 2015 klatscht der Stürmer mit ihnen ab. Foto: Robert Michael
Siege im Ost-Derby sind für die Fans besonders wertvoll, Justin Eilers aber sowieso für sie ein Fußballgott. Nach dem 3:2 gegen den 1. FC Magdeburg im Oktober 2015 klatscht der Stürmer mit ihnen ab. Foto: Robert Michael
Es war ein emotionaler Abschied am 14. Mai 2016. Vor dem letzten Saisonspiel in der 3. Liga gegen die SG Sonnenhof Großaspach sagt Justin Eilers bei Dynamo tschüss. Leicht fällt ihm der Abschied nicht, er hat Tränen in den Augen, aber die Bundesliga lockt. Der Stürmer wechselt zu Werder Bremen. Foto: Robert Michael
Es war ein emotionaler Abschied am 14. Mai 2016. Vor dem letzten Saisonspiel in der 3. Liga gegen die SG Sonnenhof Großaspach sagt Justin Eilers bei Dynamo tschüss. Leicht fällt ihm der Abschied nicht, er hat Tränen in den Augen, aber die Bundesliga lockt. Der Stürmer wechselt zu Werder Bremen. Foto: Robert Michael

„Valérien Ismael war schon vor dem ersten Punktspiel klar, dass er weg ist, wir hätten auch 3:0 gewinnen können“, sagt Eilers. „Die Verantwortlichen im Verein wollten ihm vorgeben, wer zu spielen hat. Er hat aber wohl zwei, drei griechische Spieler nicht aufgestellt. Darüber gab es schon am Tag vorher im Hotel Diskussionen und Streitereien.“

Auch Eilers hatte beim 0:1 gegen Larisa am 25. August 2018 seinen ersten und letztlich letzten Einsatz für die Griechen. „Plötzlich kamen acht, neun neue Spieler aus Südamerika, in der Kabine wurde nicht mehr englisch, sondern spanisch gesprochen. Die Mannschaft war eine einzige Sammelkiste.“ In drei Monaten hatte er fünf Trainer. „Das ist einfach Wahnsinn.“ Als Eilers wegen einer Hüftverletzung länger ausfiel, drängten ihn die Bosse, seinen Vertrag aufzulösen. Er lehnte ab. „Ab dem Zeitpunkt war es die Hölle.“

Er musste separat trainieren. „Das durfte ich mal früh um sieben, mal abends nach der Mannschaft. Zudem waren die Trainingsbedingungen in einem alten Stadion katastrophal, die Fitnessgeräte fielen fast auseinander“, berichtet er. Sein Gehalt wurde nicht mehr überwiesen, drei Monate lang bekam Eilers kein Geld, nach wie vor ist eine Summe X offen, die er einklagt. Das Leben in Athen und das sonnige Wetter machten es noch erträglich, letztlich kam er jedoch an den Punkt, zu sagen: „Es geht nicht mehr, ich halte das nicht mehr aus. Du bist allein im fremden Land und aussortiert – da drohst du ja durchzudrehen.“ Eilers wollte sich die Schikanen nicht länger antun und wieder frei sein. Jetzt wartet er auf ein passendes Angebot, arbeitet ab Dienstag in Düsseldorf mit einem Personal-Trainer, den er privat bezahlt.

Bei der Arbeitsagentur gemeldet

Bei der Agentur für Arbeit hat er sich als vereinslos gemeldet, hofft aber, bald einen neuen Verein zu finden. Erst einmal schließt er nichts aus, na ja: „Griechenland wäre jetzt vielleicht nicht mehr meine erste Wahl“, meint er und lacht, andererseits: „Es ist zwar eine negative Erfahrung, aber auch aus der nehme ich etwas mit fürs Leben.“ Zum Beispiel konnte er sein Englisch erheblich verbessern.

Natürlich hat er mitbekommen, dass sich viele Dynamo-Fans wünschen, er würde wieder Schwarz und Gelb tragen. „Das ist ein schönes Gefühl, dass mich viele Leute in Dresden positiv in Erinnerung behalten haben“, sagt er. Umgekehrt ist es genauso: „Es war einfach eine wunderbare Zeit.“ Natürlich hält er die Verbindung zu ehemaligen Mitspielern und Betreuern aufrecht, auch zu Sportgeschäftsführer Ralf Minge. Der Austausch erfolge bisher aber „auf einer privaten Ebene“, betont Eilers. „Man wünscht sich frohe Weihnachten und ein gutes Jahr, aber was meine Zukunft betrifft, gab es noch keinen Kontakt.“ Ralf Minge hält sich ebenfalls bedeckt. Er wolle nichts ausschließen, die Wahrscheinlichkeit sei aber eher gering, sagte der Sportgeschäftsführer auf Nachfrage der SZ.

Weiterführende Artikel

Minge und Eilers in Halle wieder vereint

Minge und Eilers in Halle wieder vereint

Zu den ersten Neuen, die der Ex-Dynamo-Sportchef beim HFC präsentiert, gehört der Aufstiegsheld von 2016. Und es nicht die einzige Personalie mit SGD-Vergangenheit.

Dynamo-Held Eilers: "Ich hatte mich komplett verloren"

Dynamo-Held Eilers: "Ich hatte mich komplett verloren"

Nach seiner erfolgreichen Zeit in Dresden ist der Stürmer oft verletzt. Das setzt ihm nicht nur körperlich zu, wie er jetzt erzählt. Aber er hat sich zurück gekämpft.

Ex-Dynamo Eilers: Es war ein wahnsinniges Gefühl

Ex-Dynamo Eilers: Es war ein wahnsinniges Gefühl

Emotional ist seine Rückkehr nach Dresden, aber nicht erfolgreich. Trotz der Niederlage mit Verl sagt Justin Eilers: So wie wir spielen in der Liga nicht viele.

Dynamos Aufstiegsheld kehrt zurück nach Dresden

Dynamos Aufstiegsheld kehrt zurück nach Dresden

Justin Eilers war der Top-Torjäger, danach erlebte er eine lange Leidenszeit. Am Dienstag ist er mit dem SC Verl zu Gast im Harbig-Stadion - und bereit zu spielen.

Eines aber schließt Eilers für sich aus: seine Karriere zu beenden. „Ich bin 30, keine 35!“, weist er einen solchen Gedanken entschieden von sich und nennt Claudio Pizarro als Beispiel, zugegeben ein außergewöhnliches. Der Peruaner spielt mit 40 in Bremen immer noch Bundesliga. „Ich weiß, was ich kann“, erklärt Eilers selbstbewusst. „Das hat weder etwas mit dem Alter noch damit zu tun, dass ich lange keinen Spielrhythmus hatte. Ich habe immer noch zwei Beine, mit denen ich laufen und schießen kann, und ich weiß immer noch, wo das Tor steht. Das habe ich nicht verlernt.“

Sein Wunsch für 2019 liegt nahe: „Endlich wieder mit anderen Jungs kicken.“