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Die unsichtbaren Helfer

Zwei Menschen engagieren sich in Riesa für Flüchtlinge. In der Zeitung reden sie darüber nur anonym. Sie haben Angst.

© Matthias Seifert

Von Britta Veltzke

Riesa. Es gibt Sprichwörter, die gelten nicht für jeden: Der Riesaer Manfred Schweitzer und die Nünchritzerin Christine Kreiß unterlassen es zum Beispiel tunlichst dieser Weisheit zu folgen: „Tue Gutes und rede darüber.“ Sie beschäftigen sich mit Flüchtlingen – doch offen darüber zu sprechen, macht ihnen Angst. Daher treten sie in diesem Artikel nicht mit ihren echten Namen auf. Und auch einige biografische Daten sind so verändert, dass keine Rückschlüsse auf ihre Personen möglich sind.

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Christine Kreiß war früher Lehrerin für Russisch und Englisch. Eigentlich ist sie längst pensioniert, nun unterrichtet sie wieder: Deutsch als Fremdsprache.
Christine Kreiß war früher Lehrerin für Russisch und Englisch. Eigentlich ist sie längst pensioniert, nun unterrichtet sie wieder: Deutsch als Fremdsprache. © Lutz Weidler

Es ist ein grauer Wintertag, als Manfred Schweitzer mit seiner Klasse vor dem Riesaer Rathaus steht. Die Gruppe setzt sich zusammen aus Frauen und Männern, die vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen sind. Statt Frontalunterricht im Schulungszimmer bietet Schweitzer einen Rundgang durch die Innenstadt an: Wo sitzen die wichtigsten Behörden? Wo kommt man an ärztliche Hilfe? Wo gibt es günstige Lebensmittel? Der Riesaer versucht, den Neuankömmlingen einen Überblick in der Sportstadt zu verschaffen. Der soll ihnen ermöglicht den Alltag in Deutschland zu bewältigen.

Schwimmend ans griechische Ufer

Auch Christine Kreiß hat einen solchen Rundgang schon gemacht. Sie gibt ebenfalls einen Deutschkurs für Flüchtlinge. Bei ihrer letzten Stadtführung hatte sie versprochen. „Das nächste Mal zeige ich euch die Schwimmhalle.“ Noch Tage später macht sie die Reaktion eines Schülers auf ihr Angebot fassungslos: „Er wurde plötzlich ganz still. Ich fragte ihn, was los ist. Er hat dann erzählt, dass er das griechische Ufer schwimmend erreicht hat. Er konnte sich den Schleuser nicht leisten.“ Die Traumata ihrer Schüler machen die Nünchritzerin traurig. „Das könnten meine Kinder sein“, sagt die zierliche Frau. „Ich bin nicht gläubig, aber wenn ich die Flüchtlinge in den Nachrichten sehe, denke ich mir: Lieber Gott, lass uns keinen Krieg mehr erleben.“ Christine Kreiß ist jetzt 70 Jahre alt. „Ich würde keine Flucht mehr schaffen“, sagt sie. „Und da wundern sich die Leute immer noch, dass so viele Männer bei uns ankommen.“

Die Nünchritzerin hat früher als Lehrerin gearbeitet, Russisch zu DDR-Zeiten und Englisch nach der Wende. Sie hatte es eigentlich nicht darauf angelegt, wieder zu unterrichten. „Ich wollte irgendwas tun für die Leute – jemanden zum Arzt begleiten oder mal eine Frau zum Kuchenbacken einladen.“ Aber für solch einfache Angebote sei Deutschland einfach zu bürokratisch. Als eine Sprachschule dann nach Lehrern suchte, meldete sich Christine Kreiß einfach dort. Der Unterricht sei zwar anstrengend, gebe ihr aber viel zurück. „Die meisten Schüler sind sehr wissbegierig und unglaublich dankbar.“ Und auch das Zubrot zur Rente nimmt Christine Kreiß dankbar entgegen. Obwohl sie den Unterricht auch ohne Lohn geben würde.

Auf Neuankömmlinge zugegangen

Christine Kreiß und Manfred Schweitzer machen keine Bambule um ihr Engagement. „Die Freunde von meiner Frau und mir stehen dem Thema Asyl doch sehr kritisch gegenüber“, sagt Manfred Schweitzer. Ein Bekannter habe sogar versucht, ihn zu überzeugen, montags mal mit nach Dresden zu kommen. „Zu Pegida!“ Niemals würde er sich der Bewegung anschließen. „Die haben Angst, dass sie von ihrem West-Kaffee wieder etwas abgeben müssen.“ Ob er auf solche Freunde nicht auch verzichten könnte? Die Auswahl möglicher neuer Bekannter ist in Riesa eben beschränkter als in Dresden oder Leipzig. „Hier kann man nicht so gut abtauchen wie in einer Großstadt“, erklärt er. Schweitzer war einer der ersten Riesaer, die nach der Eröffnung des Heims an der Nickritzer Straße auf die Neuankömmlinge zugegangen sind. Während er vor allem fürchtet, als Außenseiter zu enden, hat Christine Kreiß tatsächlich Angst um Leib und Leben ihrer Familie. Aber sie versucht stärker zu sein, als das böse Gefühl. Sie habe selbst Hilfe empfangen, als sie drei Jahre lang im Ausland lebte.

Eines wollen die beiden „unsichtbaren Helfer“ aber explizit nicht sein: Gutmenschen. Jüngst wurde der Begriff zum Unwort des Jahres 2015 gewählt. „Da schwingt der Vorwurf mit, dumm und naiv zu sein und die Realität zu verkennen“, sagt Christine Kreiß. „Solche Gutmenschen wollen wir nicht sein, sondern einfach nur gute Menschen.“ Manfred Schweitzer pflichtet ihr bei. Dabei sehen beide auch die Schattenseiten der Migration – die „schwarzen Schafe“, die Ärger in den Asyleinrichtungen machen, und auch die Menschenmassen, die jetzt noch auf der Flucht sind. „Ich weiß nicht, wie wir all diese Menschen noch in Deutschland unterbringen sollen“, sagt Kreiß. „Das macht uns auch Sorgen, aber Angst machen mir am Ende nicht die Flüchtlinge, sondern nur die Ohnmacht der Politiker.“