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Die Unterwäsche-Sammlerin

Was Menschen in vergangenen Jahrzehnten „drunter“ trugen und heute meist nur zu erotischen Zwecken hervorblitzen lassen, fasziniert Rosi Golchert nun schon seit einigen Jahren. „Ich hab eben mal so einen alten Baumwollschlüpfer gesehen und dann hat mich die Sammelleidenschaft gepackt“, sagt sie.

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Was Menschen in vergangenen Jahrzehnten „drunter“ trugen und heute meist nur zu erotischen Zwecken hervorblitzen lassen, fasziniert Rosi Golchert nun schon seit einigen Jahren.

„Ich hab eben mal so einen alten Baumwollschlüpfer gesehen und dann hat mich die Sammelleidenschaft gepackt“, sagt sie. Die gelernte Maßschneiderin und studierte Diplom-Ingenieurin für Bekleidungstechnologie sammelt „alles von Unterhemden über Bademoden bis zu Dessous.“ Die begehrten Objekte findet sie auf Trödelmärkten und im Internet.

Erinnerungen werden wach

Ein Stück, dass vielen Bürgern aus DDR-Zeiten noch ein Begriff sein dürfte, hat sie bisher jedoch vergeblich gesucht. „Seit Jahren suche ich nach einer originalen Dreiecksbadehose“, sagt die 48-Jährige, „die sind einfach nicht zu finden.“ Das knappe Höschen für Männer war in den 60-er Jahren ein beliebtes Kleidungsstück am Strand.

Der Clou: Mit zwei Knöpfen und einem Band wurde das leichte Stöffchen seitlich verschlossen. So konnten man(n) es problemlos unter einer Turnhose ausziehen. „Erotisch war das trotzdem nicht“, sagt die Sammlerin.

Frauen trugen damals überwiegend Badeanzüge aus Malimo. Das in der DDR kreierte Wollgemisch saugte sich bei Wasserkontakt voll und wurde „immer weiter wenn man es anhatte.“ Ein denkbar ungeeigneter Stoff für Bademode, aber in den 50-er Jahren schwer angesagt.

Das älteste Stück in Rosi Golcherts Sammlung stammt aus der Zeit um 1900. Unterhosen waren damals meist lang und im Schritt offen. Die typischen Taghemden findet man heute relativ häufig bei Händlern. Unterwäsche wurde zu Anfang hauptsächlich aus naturbelassenen Stoffen wie Baumwolle und Leinen angefertigt.

Die Expertin erzählt: „Diese Ganzkörperunterwäsche ist im amerikanischen Raum unter dem Namen Longjohn bekannt.“ Unabhängig vom ästhetischen Faktor sind die Herrennachthemden heute kaum noch tragbar. „Die Männer waren früher schmaler“, erklärt sie. Rosi Golchert breitet einige Mieder und Leibchen aus der Zeit von 1900 bis 1920 auf ihrem Ladentisch aus. „Diese Stücke wurden oft in Heimarbeit angefertigt und mit Zierborten versehen.“

Eingezwängte Frauenkörper

In vielen Familien mussten sogar Teile der Bettwäsche zur Weiterverarbeitung herhalten. Fischgrat und Roßhaareinlagen formten in Corsagen eingenäht die Körper der Damen aus der feinen Gesellschaft.

„Damals war man noch sehr eingehüllt“, sagt Golchert, „es war sicher grausam, so etwas zu tragen.“ Schönheitsideale ändern sich oder kommen zurück, wie die Vorliebe für Corsagen der Gothic- und Fetischbewegung zeigt. Rosi Golchert hat auch ein Lieblings-Modejahrzehnt: „Die 50-er Jahre waren modisch eine sehr schöne Zeit.“

Damit die interessanten Kleidungsstücke nicht in Vergessenheit geraten, würde Golchert in der Zukunft gern eine eigene Ausstellung vorbereiten. Bisher hat sie ihre raren Fundstücke zwei Mal bei historischen Bademodenschauen präsentiert.Claudia Birkigt