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Meißen

Die Zersiedelung der Stadt

Auch in Meißen könnten Einfamilienhausgebiete die Problemzonen der Zukunft werden.

Der aktuelle Bedarf nach Eigenheimen ist in Meißen nicht nur an der alten Ziegelei zu sehen.
Der aktuelle Bedarf nach Eigenheimen ist in Meißen nicht nur an der alten Ziegelei zu sehen. ©  Claudia Hübschmann

Meißen. Als Zersiedelung der Landschaft bezeichnen Geografen ein „konzeptloses, flächenintensives Hinauswachsen von städtischen Siedlungen in den ländlichen Raum“. Meißen liefert dafür jetzt ein idealtypisches Beispiel. Soll doch am westlichen Stadtrand zwischen „Am hohen Gericht“ und der „Nossener Straße“ eine weitere Eigenheimsiedlung aus dem Boden gestampft werden – mitten auf dem Acker. 

Der geplante Name „Wohnpark Domblick“ ist der blanke Euphemismus. Also eine beschönigende, verhüllende, mildernde Umschreibung für etwas Anstößiges oder Unangenehmes, so wie etwa Irresein als geistige Umnachtung umschrieben wird.

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Und so, wie es die Art von Oberbürgermeister Olaf Raschke (parteilos) ist, wird das Ganze als Nacht- und Nebelaktion durchgepeitscht. Im Bauausschuss wurde die Aufstellung des Bebauungsplanes am vergangenen Mittwoch unter Ausschluss der Öffentlichkeit von vier Räten und dem Oberbürgermeister selbst beschlossen. Die beiden Räte der Grünen und der Linken stimmten dagegen. 

Nur eine Woche später, am kommenden Mittwoch, soll der (alte) Stadtrat folgen – und er wird auch dieses Projekt durchwinken. Dazu wird kurzerhand der gültige Flächennutzungsplan der Stadt punktuell geändert, denn derzeit ist das Areal, das der Bauunternehmer Uwe Riße aus dem Klipphausener Ortsteil Sora gekauft hat, ja noch als Landwirtschaftsfläche ausgewiesen. Als Bauland ist es natürlich sehr viel mehr wert.

Soweit, so unschön. Die Zersiedelung der Landschaft durch das geschilderte Ausufern der Städte ins Umland ist aber nur ein Prozess. Diesem entspricht die Zersiedelung der Stadt selbst. Auch das geschieht durch die fortlaufende Ausweisung von Eigenheimstandorten. 

Wenn es vollkommen planlos wie in Meißen gehandhabt wird, kann man es als Kannibalisierung von Eigenheimsiedlungen an der Fläche der Stadt bezeichnen. Jüngstes Beispiel hierfür: die Ausweisung der Schreberhöhe mit ihren derzeit 180 Kleingärten als Baugebiet für eine Eigenheimsiedlung.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Jeder, der es wünscht und der es sich vor allem leisten kann, soll die Möglichkeit haben, ein Eigenheim zu bauen. Allerdings hätte Meißen auch das Recht zu einer Stadtplanung, die diesen Namen verdient, um nicht Stückwerk an Stückwerk wie jetzt mit dem „Wohnpark Domblick“ aneinanderzukleben. 

Dazu würde erst einmal eine Bestandsaufnahme des vorhandenen Baulandes gehören. Es ist die Rede davon, dass es im Stadtgebiet noch mehr als 200 Bauplätze gibt – aber nichts Genaueres weiß man nicht. Die noch vorhandenen Bauplätze zu erfassen, das wäre der taktische Teil einer Stadtplanung. 

Der strategische müsste die Fragen beantworten, wie groß Meißen in welchem Zeitraum werden will – also, ob irgendwann die Grenze von 30 000 Einwohnern überschritten werden soll, was etwa zur Folge hätte, dass die Stadt die Kreis- und Staatsstraßen auf ihrem Territorium selbst unterhalten müsste. Das wäre die Grundlage für eine Ansiedlungsstrategie.

Dass zum strategischen Teil von Stadtplanung auch eine Vision der Stadt als urbaner verdichteter Raum gehört, sei hier nur der Form halber erwähnt.

Auf wirtschaftliche Aspekte von Eigenheimsiedlungen hat der Soziologe Andreas Blum in der SZ aufmerksam gemacht: „In einem Einfamilienhausgebiet haben sie etwa einen Quadratmeter Verkehrsfläche pro Quadratmeter Wohnfläche. 

Das braucht man, um das Gebiet zu erschließen – für Fußwege, Zufahrten und so weiter. In einem Mehrfamilienhausgebiet haben sie hingegen einen halben Quadratmeter Verkehrsfläche pro Quadratmeter Wohnfläche. Insgesamt kann man sagen, dass der Erschließungsaufwand für ein Einfamilienhauswohngebiet deutlich höher ist als für ein Gebiet mit Mehrfamilienhäusern.“

Dass die Städte in der Region seit 1989 Eigenheimsiedlungen ausweisen, ist verständlich. Geht es doch darum, dem Einwohnerschwund durch den starken Wegzug nach der Wende, die geringen Geburtenzahlen und die demgegenüber höhere Sterblichkeit etwas entgegenzusetzen. 

Schaut man sich die Kreditkosten und die gute wirtschaftliche Lage an, dann fördern sie ebenfalls den Eigenheimbau. Allerdings gehen nicht alle Kommunen dabei ins Umland. So lehnt die Stadt Nossen Neubebauungen auf der grünen Wiese generell ab.

Auch auf ein demografisches Problem mit der Ausweisung immer neuer Eigenheimsiedlungen, die ja in aller Regel aus Einfamilienhäusern bestehen, hat Andreas Blum in der SZ aufmerksam gemacht. 

Die Generation, die in den geburtenstarken Jahrgängen in den 1960er Jahren geboren wurde, komme nun nach und nach ins Seniorenalter. Wenn diese Menschen in altersgerechte Wohnungen ziehen würden oder versterben, würden eine Menge Immobilien frei, für die aber keine Nachfrage nachwachse. „Wir haben das Phänomen, dass die Bevölkerungs- und insbesondere Haushaltszahlen an vielen Stellen in Deutschland etwa bis 2030 noch zunehmen.

 Aber nach 2030 geht es wieder nach unten. Das heißt, die Eigenheime, die in den 1950er und 1960er Jahren entstanden sind, stehen dann leer. Es gibt zu wenige potenzielle Eigenheimkäufer, die nachwachsen.“ Würde weiter so gebaut wie jetzt, dann könnten sich seinen Berechnungen nach 2030 „lokal Leerstände im Eigenheim-Bereich von über zehn Prozent ergeben“. Und da bekomme die Stadt Probleme.

 Denn wenn in einem Mehrfamilienhaus jede zehnte Wohnung leer steht, fällt das nicht so sehr auf. „Wenn man sich eine Eigenheimsiedlung vorstellt und jedes zehnte Haus steht leer, dann hat das größere Folgen für das Straßenbild. Es droht eine Verwahrlosung.“

Welcher Bürgermeister legt nicht gern Grundsteine, feiert Richtfeste und schneidet Bänder durch? Neu zu bauen, geht immer schneller, als im Bestand zu sanieren und ihn zu pflegen. Auch diese Tatsache begünstigt die Ausweisung neuer Eigenheimgebiete – jedenfalls in Meißen. 

„Aber man muss sich mindestens mit dem gleichen Elan und Engagement um den Bestand kümmern“, fordert Soziologe Blum. Er verweist auf Kommunen, die Leerstandsbörsen haben, „bei denen die Stadt als Vermittler zwischen potenziellen Interessenten und den Bestandsimmobilien auftritt“. Auf Zuschüsse, die die Kommune jungen Familien beim Kauf einer Bestandsimmobilie gibt und andere Möglichkeiten.

Sein Fazit: Geht die Stadt nicht auf die demografische Entwicklung ein, dann werden „manche Einfamilienhausgebiete die Problemgebiete der Zukunft sein.“ Was Meißen betrifft, wird das auch der viel beschworene Zuzug nicht ausgleichen können.

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