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Die Vergangenheit ist ein Fingerabdruck

Diter Pelz wurde 1944 in Klotzsche geboren – in einem Entbindungsheim für Zwangsarbeiterinnen.

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Von Doreen Hübler

Was bleibt, sind die Fingerabdrücke seiner Mutter. Zwei tintenschwarze Kreise auf einem Stück Papier, das Diter Pelz sorgfältig in Klarsichtfolie verpackt hat. Es ist eine Kennkarte, eingetragen auf den Namen Janine Wroblewska, ausgestellt 1943 in Warschau – einer der wenigen Gegenstände, die in die Vergangenheit führen. Die Diter Pelz dabei helfen, seine eigene und die Geschichte seiner Familie zu verstehen. Ein Kapitel, das er erst viele Jahre nach dem Tod seiner Eltern öffnete.

Kahlgeschoren und zahnlos

Wo bin ich geboren? Auf diese Frage bekam er als kleiner Junge einsilbige Antworten, ein paar Worte mussten reichen: „Im Lager.“ Er gab sich zufrieden, eine lange Zeit, bis er Mitte der neunziger Jahre zufällig seine Geburtsurkunde in die Hände bekam. Der Freitaler begann, Nachforschungen anzustellen, Kontakt mit verschiedenen Archiven aufzunehmen, ein historisches Gerüst zu bauen. Das besteht bis heute aus vielen vagen Vermutungen und einigen wenigen Fakten. Einer davon ist: Diter Pelz wurde am 18.August 1944 im Entbindungsheim für Zwangsarbeiter in Dresden-Klotzsche geboren. Zwei Jahre, nachdem sich seine Eltern in Warschau kennengelernt hatten.

Dort war sein Vater, ein gebürtiger Dresdner, als Soldat stationiert. Er verliebte sich in Janine Wroblewska, eine Polin, die damals wahrscheinlich im Ghetto der Stadt lebte. „Ob sie Jüdin war, weiß ich nicht mit Sicherheit“, sagt Pelz. „Aber einige meiner Verwandten haben es aufgrund ihres Aussehens vermutet.“ Wenig später wurde die damals 21-Jährige nach Dresden deportiert und zur Zwangsarbeit verpflichtet. Es gibt keine Angaben zu ihren Aufgaben, aber zu ihrem Zustand. „Sie hatte einen kahl geschorenen Kopf und ausgeschlagene Zähne“, erzählt er.

Janine Wroblewska wurde schwanger und zur Niederkunft in das Entbindungsheim auf der heutigen Radeburger Straße in Klotzsche gebracht. Eine Einrichtung, über die Ortschronist Siegfried Bannack lange recherchiert hat. „Sogenannte Ostarbeiterinnen haben dort ingesamt 497Kinder zur Welt gebracht“, sagt er. Das Heim wurde im Juni1943 im Staatsforstrevier eingerichtet. Zur selben Zeit erließ Adolf Hitler eine Anordnung zur „rassischen Überprüfung“ neugeborener Kinder von Polinnen und Ostarbeiterinnen. „Rassisch minderwertige“ Kinder sollten in „Ausländerkinderpflegestätten einfachster Art“ gebracht werden. Das Entbindungsheim in Klotzsche bestand aus vier Baracken, die Eigentum der Zeiss-Ikon AG waren.

Bannack geht davon aus, dass Pelz der einzige verbliebene Zeitzeuge ist, zumindest in Sachsen. Dieser hat sein Überleben wiederum einem Zufall zu verdanken. Kurz nach der Entbindung, erzählt Pelz, wollte man seine Mutter nach Sachsenhausen deportieren. Sein Großvater, Saxofonist in einem SS-Musik-Korps, schmuggelt die Mutter und den Säugling in die Wohnung des Vaters nach Friedrichstadt. Ein Versteckspiel begann. „Bei Durchsuchungen haben sie mich hinter die Kohlen gelegt, damit mich keiner findet“, sagt Pelz.

Wenige Monate später war der Krieg beendet. Die Eltern schwiegen über das Erlebte, die Baracken in Klotzsche wurden abgerissen, heute sind nur noch Mauerreste erhalten. Und es bildeten sich Narben, auch auf dem Unterarm von Janine Wroblewska, die nun mit Nachnamen Pelz hieß. Ein großes weißes Stück Haut, dünn und sensibel. Welches Stück Vergangenheit an dieser Stelle gelöscht wurde, weiß ihr Sohn Diter nicht. Aber er hat eine Ahnung, einen vagen Eindruck vom Schicksal seiner Familie.