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Die vergessliche Stadt

Eine alte KZ-Baracke macht eine eigentümliche Geschichtsvergessenheit deutlich. Gedanken über ein Görlitzer Problem.

Von Frank Seibel

In der Nacht, bevor in der Görlitzer Altstadt der Gottfried-Kiesow-Platz eingeweiht wurde, starb Horst Kranich. Zur Feierstunde für den Kiesow-Platz waren alle gekommen, die Erinnern zu ihrer Aufgabe gemacht haben. Denkmalschützer und Politiker. Als ein Gast die Nachricht vom Tod des alten Horst Kranich raunend überbrachte, löste er damit – nichts aus. Einer von denen, die den Denkmalpapst und Ehrenbürger Kiesow würdigten, auch, weil er ihre Stadt immerzu als die Schönste von allen gepriesen hatte, hätte sagen können: Dass wir heute diesen schönen Platz in der schönsten aller Städte einweihen dürfen, verdanken wir nicht nur Gottfried Kiesow, sondern auch Horst Kranich. Denn der hatte seit den 1960er Jahren als städtischer Denkmalschützer um jedes Eckhaus gekämpft, wissend, dass ganze Zeilen fallen würden, wenn die Eckhäuser fielen. Ohne diesen alten Mann, der soeben verstorben war, hätte man an diesem Tag keinen hübschen Platz mehr einweihen können.

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Als Zugereister erinnere ich mich an die schmale Gestalt mit der großen Brille, ein Mensch von eindrucksvoller Ernsthaftigkeit; ich erinnere mich an Leserbriefe, die er schrieb, weil ihm die Pläne für einen Neubau am Heiligen Grab zuwider waren. Ich war nicht seiner Meinung, aber mir imponierte diese Leidenschaft, die zudem erkennbar mit großer Sachkenntnis verbunden war.

Doch es stellte sich heraus, dass sich schon zu Lebzeiten kaum noch jemand an den einsamen Kämpfer erinnerte. Irgendwann fiel ein irritierender Halbsatz, der entschuldigen sollte, dass die Stadtverwaltung nicht in der Lage war, im Amtsblatt eine Würdigung zu veröffentlichen. Es sei ja auch umstritten, welche Rolle der alte Herr während der DDR-Zeit gespielt habe.

Aber was ist mit den unbestreitbaren Verdiensten?

Dieser Vorgang macht ein besonderes Görlitzer Problem anschaulich. Die Stadtgesellschaft ist auf verstörende Weise vergesslich. Das Langzeitgedächtnis funktioniert noch und holt jahrhundertealte Geschichten hervor, die immer und immer wieder erzählt werden, wie in einer Endlosschleife. Doch was gestern war – weg! Es scheint manchmal so, als ende die Stadtgeschichte im Sinne einer allgemein akzeptierten und somit sinnstiftenden Erzählung mit der Errichtung des letzten Baudenkmals, in den 1920er Jahren also.

Diese These wird jetzt auch erkennbar an einem ganz anderen Beispiel: die alte Holzbaracke zwischen der Heilig-Kreuz-Kirche und der ehemaligen Synagoge. Durch ein paar Zufälle kommt die Vermutung auf, dass die baufällige Hütte einmal im Kriegsgefangenenlager und späteren KZ im Biesnitzer Grund gestanden haben könnte. Haben wir hier ein authentisches Zeugnis über ein Kapitel, das praktisch aus der Erinnerung gelöscht ist?

Die erste öffentliche Debatte überrascht. 100 Menschen finden sich ein, viele ältere. Wenige Politiker nur, aber viele Mitglieder der Kirchengemeinde, auf deren Terrain die alte Baracke seit 1948 steht. An diesem Abend wird eine eigentümlich ablehnende Haltung gegenüber der neuen Erkenntnis spürbar. Wer sagt denn, dass das wirklich eine KZ-Baracke war? So wurde es von Mitgliedern der Kirchengemeinde geäußert, die über Jahrzehnte in der Hütte Gemeindealltag lebten und Feste feierten. Dass sie die Baracke abreißen wollten, war nicht entscheidend. Entscheidend war offenbar die Befürchtung, dass ein wichtiger Baustein im Leben der Gemeinde gleichsam rückwirkend umgewidmet werden sollte. Die Identifizierung als KZ-Baracke könnte eine ideelle Enteignung mit sich bringen. Der Pfarrer der Gemeinde plädierte eindringlich für etwas ganz Kompliziertes: ein Sowohl-als-auch. Wenn die Baracke von 1939 bis 1945 im Lager im Biesnitzer Grund stand, war sie ein Ort und Gegenstand des Leids; sie war aber auch ein Ort der Freude, nämlich für Familien- und Gemeindefeste.

Dieser Gedanke ist eine Zumutung und zugleich ein Schlüssel zum Verständnis für die Erinnerungslücken des Stadtgeistes. Steckt in der Zurückweisung der neuen Idee die Angst, erneut das ganz persönliche Erinnern einem Empfindungs- und Denkverbot unterwerfen zu müssen?

Es gibt nichts Persönlicheres als Erinnerung, könnte man meinen. Was ich gesehen, gehört, gefühlt habe, das habe ich gesehen, gehört, gefühlt. Nur ich – und wer sonst außer mir könnte das bezeugen? Das ist einerseits so wahr wie banal. Andererseits ist es ziemlich kompliziert. Denn Erinnerung ist kein objektives Abbild dessen, was geschah. Erinnerung ist eine Konstruktion im Gehirn, und da kommt Dichtung zur Wahrheit, oft unbewusst. Das zeigt sich bei Zeugenaussagen, wenn es darum geht, wie sich etwa ein Unfall oder ein Überfall zugetragen haben. Wir müssen uns sehr anstrengen, um wirklich objektiv zu sein – und sind es doch nicht. Denn obwohl unser Gehirn jeden Computer in punkto Datenverarbeitung toppt, hinterlassen unsere Sinne Wahrnehmungslücken – die vom Gehirn geschlossen werden, indem es hinzudichtet, wie es nach unserer Logik gewesen sein müsste.

Darin steckt eine Wertung: Das Gehirn bildet aus Fragmenten ein Bild, das unseren Vorstellungen entspricht. So wie wir es gelernt haben, in der Schule, von unseren Eltern, Freunden, von der Welt um uns herum.

Das bedeutet, dass unsere Erinnerung zwar unser ganz persönlicher Schatz – oder unsere eigene Hölle – ist; dass sie aber doch selten losgelöst von dem existiert, was uns umgibt. Viele Görlitzer waren natürlich in den 1930er und 1940er Jahren Nazis wie überall in Deutschland. Nach 1945 gab es aber nicht nur Verdrängung dieser bösen Vergangenheit. Die offizielle Geschichtsschreibung der DDR deutete den Nationalsozialismus als ein von außen gekommenes Unheil, das dann mit der Befreiung durch die Rote Armee gleichsam verschwunden ist. Dass dieselben Menschen, die Jahre zuvor noch Hitler folgten, nun über Nacht vorbildliche Sozialisten und Humanisten sein sollten, konnte kaum wahr sein. Wenn es hier keine wirklichen Nazis gegeben hatte, dann ja wohl auch nicht wirklich ein Konzentrationslager, und die Görlitzer Handwerker und Fabrikbesitzer konnten auch kaum von den Tausenden von Kriegsgefangenen aus dem Stalag VIIIa mit seinen Außenstellen – unter anderem in Biesnitz – profitiert haben. Also wurden die Lager im kollektiven Bewusstsein ausgeblendet.

In Görlitz kommt noch das Trauma der Teilung hinzu. Mit Kriegsende fehlte auf einmal die östliche Hälfte der Stadt, und dies durfte nicht einmal als schmerzlicher Verlust empfunden werden. Tausendfaches Leid kam zudem mit den Vertriebenen in die Stadt, doch für ihr Leid war in der neuen Lesart der Zeitgeschichte kein Platz. Die Görlitzer waren gleichsam zum Vergessen und Verdrängen verdammt, und nicht nur damals.

Ähnlich schwierig ist es seit 1989 mit der kollektiven Erinnerung. Die Deutungshoheit über die DDR-Zeit und über die Umwälzungen seit dem Herbst 1989 übernahmen weitgehend Meinungsmacher aus dem anderen Teil Deutschlands. Der öffentliche Diskurs entwertete die Lebenswege, die nicht mit dem Signum „Widerstand“ geadelt waren. Dabei beschreiben auch Menschen, die unter der SED-Diktatur gelitten haben, ein ganz normales Leben in der DDR, ein Leben auch mit Liebe, Lachen, Herzlichkeit. Diese Erinnerungen wurden gleichsam enteignet – oder viele mögen das so empfunden haben.

Die Furcht vor einer ideellen Enteignung äußert sich jetzt in der Diskussion um die (tatsächliche oder vermeintliche) KZ-Baracke aus dem Biesnitzer Grund. Die Warnung vor einer politischen Instrumentalisierung der Baracke ist richtig und wichtig. Und sie ist es nicht nur mit Blick auf diese Baracke und die Erinnerung an den Nationalsozialismus. Sie ist wichtig, weil die Erinnerungskultur in Görlitz per se berührt ist. Wenn es gelingt, persönliche Erinnerungen und aktenkundige Informationen vorurteilsfrei und respektvoll aufzunehmen und zu diskutieren, kann das befreiend wirken für eine Stadtgesellschaft, die das Erinnern verlernt hat, die es nicht vermag, eine weitgehend einende Geschichte der Stadt im 20. Jahrhundert zu erzählen. Der 9. November, die Erinnerung an die Pogromnacht von 1938, hat immerhin Politiker verschiedener Parteien und Christen verschiedener Konfession so weit geeint, dass sie gemeinsam Rituale des Gedenkens einüben. Der 6. Oktober als Gedenktag für die friedliche Revolution hingegen ist vom Stadtrat beschlossen worden, wird aber kaum mit Leben erfüllt.

Das 20. Jahrhundert war für Görlitz wie für das Gebiet der DDR insgesamt von zwei Diktaturen geprägt, die allzu oft allzu gleichgesetzt wurden. Das führt fast zwangsläufig zu Erinnerungslücken, zu Verklärungen und Lügen. Wenn aber individuelle Lebenswege vom Zeitgeist verklärt oder verteufelt werden, ist die Gefahr groß, dass Biografien, weil sie oft sperrig und widersprüchlich sind, nicht eingeordnet sondern weggeworfen oder gelöscht werden. Das wiederum ist nicht weniger als die Entwertung von gelebtem Leben. Lebenswege werden Ausschussware.

Die Wirkung ist fatal. Das Dilemma im Großen wirkt ins ganz Konkrete und Individuelle hinein. 1989 wurden Lebenswege und Lebensvollzüge für ungültig und unwürdig erklärt; weggeworfen, gleichsam. Das kann sich verselbstständigen, hat es vermutlich schon. Die traditionsreiche Stadt hat ihre Traditionen und ihren Halt verloren. Verloren im Entweder-oder, das die Wirklichkeit niemals so angemessen spiegeln kann wie das Sowohl-als-auch. Wenn wir auf die vergangenen 20 Jahre zurückblicken: Worauf können wir aufbauen, wessen Lebensleistung erscheint uns würdig, fortgeführt zu werden? Was ist die Basis, auf der man ein gutes Gemeinwesen aufbauen könnte? Sogar die alles in allem doch sehr produktive, einende und ermutigende Phase der Kulturhauptstadtbewerbung wurde nach einem Politikwechsel jahrelang für nichtig und schlecht erklärt, anstatt darauf aufzubauen. Die Leistungen vieler wurden einfach weggeworfen – ein Irrsinn in einer Stadt, die über den Verlust an Menschen klagt, die wegziehen. Deswegen ist die Episode vom vergessenen Denkmalschützer so verstörend und traurig.

Die Baracke zwischen Kirche und Synagoge kann uns helfen, das Sowohl-als-auch zu lernen und endlich eine Erzählung über die Geschichte der Stadt und ihrer Menschen zu finden, die angemessen und wahr ist – und verbindlich im doppelten Wortsinn. Das ist die Voraussetzung dafür, dass wir Menschen und ihre Leistungen wahrnehmen, achten und schätzen. Die Voraussetzung für ein menschliches Miteinander.