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Die verlorene Generation

Freiwillig zieht der Oberlausitzer Gustav Wolf 1914 in den Ersten Weltkrieg. Dem Hurra folgt schnell die Ernüchterung, wie eine neue Ausstellung im Museum Bautzen zeigt.

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© Winfried Wolf, Bautzen

Von Miriam Schönbach

Bautzen. Lächelnd, fast siegessicher, schaut Gustav Wolf in die Kamera. Lässig hält der Kleinste der Kameraden mit runder Brille die Zigarette in der Hand. Fotografiert wurde das Bild der fünf Soldaten des 4. Infanterie-Regiments im Schützengraben in Frankreich ein Jahr nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Doch beim gebürtigen Oberlausitzer Lehrer und Heimatschriftsteller schwindet die Illusion vom heldenhaften Kampf fürs Vaterland in den blutgetränkten Schlachten. Eine neue Sonderausstellung im Museum Bautzen widmet sich ihm und der verlorenen Generation.

Die Zeichnung „Partie am Kloster“ Warneton, 6. September 1917, von Gustav Wolf (1896-1942) zeigt einen Kriegsschauplatz.
Die Zeichnung „Partie am Kloster“ Warneton, 6. September 1917, von Gustav Wolf (1896-1942) zeigt einen Kriegsschauplatz. © Annette Nötzoldt, Mühlhausen.

Wie so viele andere meldet sich auch Gustav Wolf (1896-1942) „mit heißer Vaterlandsliebe im Herzen, die Brust geschwellt von Hoffnungen für den Sieg ...“ nach Ausbruch des Kriegs am 28. Juli 1914 als Kriegsfreiwilliger. Der junge Mann aus Weifa ist gerade 18 Jahre alt. Er steckt mitten in seiner Ausbildung am Oberlausitzer Landständischen Lehrerseminar. Seinen ersten Einsatzbefehl erhält er für die Westfront in Frankreich. In Feldpostbriefen schildert er den Verwandten in der Heimat eindrücklich die Erlebnisse mit Tod und Zerstörung. Dem Hurra folgt die Ernüchterung.

Mit einem solchen Dokument steht vor zwei Jahren Winfried Wolf, der Sohn von Gustav Wolf, im Bautzener Museum. In diesem Gespräch stellt sich heraus, dass sich auch noch zwei Skizzenbücher aus den Jahren 1915, 1916 und 1917 im Familienbesitz befinden. „Gustav Wolf gehörte zu den Soldaten, die zum Bleistift, aber auch zu Feder und Pinsel, Tusche und Wasserfarbe griffen, um ihren Kriegsalltag festzuhalten“, sagt Ausstellungskurator Hagen Schulz. 47 Motive sind überliefert. Die Skizzenbücher sind kaum größer als ein Oktavheft und passten so in einen Soldatentornister. Seine Bilder zeigen Stadtansichten, Landschaften, vor allem aber porträtiert er immer wieder Kameraden.

In verheerenden Schlachten gekämpft

Viele dieser treuen Begleiter werden aber nie wieder ihre Heimat sehen. Wolf kämpft in den verheerenden Schlachten an der Aisne und der Somme. Auf der Totenrolle des 103. Regiments finden sich über 2 000 Namen. Auch der Bautzener überlebt nur knapp einen Gasangriff der Engländer. Die Minuten der Todesangst hat er aufgeschrieben: „Gas, Gas! ... Ich begreife blitzschnell. Das angenehme Brodeln ... Explosionen ... Gasminen. Atem fest! Nur Atem fest! ... und da walzt sich auch schon die Gaswolke die Treppe hinunter und über mich hinweg ... Maske über! ... Und das hier war Phosgen ... In alle Löcher kroch das Gift ...“ Es ist die Nacht vom 5. auf den 6. April 1918. Mit schweren Vergiftungen kommt Gustav Wolf ins Lazarett. Sieben Monate später ist der Krieg vorbei. Der Soldat kehrt in die Oberlausitz zurück. Zuerst arbeitet er als Lehrer an der Volksschule in Weifa und an der Knabenbürgerschule in Bautzen. Ab 1920 studiert er an der Leipziger Universität Pädagogik, Philosophie, Germanistik und Sprachen. Er promoviert zu englischer Literatur. Überhaupt wird das Schreiben zu seiner Leidenschaft. Seine Kriegserlebnisse verarbeitet er literarisch, er verfasst Gedichte auf Deutsch und in seiner Oberlausitzer Mundart. Zehn Jahre nach Kriegsende reist er auch nochmals an die Kriegsschauplätze seines Regiments. Zusammengetragen hat er diese Reiseberichte im Buch „Wiedersehen im Westen“, das nicht veröffentlicht wurde.

Zusammenarbeit mit Nazis verweigert

Seine Werke über Mutterliebe und Heimatland erscheinen in allen Tageszeitungen seinerzeit und Almanachen. 1937 vertritt er sogar die Oberlausitz beim ersten Reichswettbewerb deutscher Mundartdichter, dem „Goldenen Spatz von Wuppertal“. „Er gehört zu den wichtigsten Heimatdichtern und Schriftstellern der Oberlausitz“, sagt Hagen Schulz. Auch die Nationalsozialisten finden Gefallen an seinen Werken, weil sie gar nicht erkennen, dass er in seinen Schriften die furchtbare Seite des Krieges zeigt, statt Kanonenfutter ein Denkmal zu setzen.

Doch für Kriegsgegner hat die neue Zeit keinen Platz mehr. Gustav Wolf verweigert die Zusammenarbeit mit den Nazis genauso wie den Eintritt in die NSDAP. Mit dieser Entscheidung endet 1939 auch seine Arbeit als Lehrer an der Landständischen Oberschule in Bautzen. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs erhält der zweifache Vater seine Einberufung nach Nordfrankreich. Seine Tochter bekommt von ihm den letzten Brief, datiert auf den 19. April 1942. Wenige Tage später folgt ein offizielles Schreiben mit der Todesnachricht. Unter bisher ungeklärten Umständen nimmt sich der psychisch und physisch angeschlagene Gustav Wolf das Leben. Auch diese beiden Erinnerungen zeigt die neue Ausstellung im Museum Bautzen.

Gustav Wolf – Mit kritischem Blick, Eröffnung am 28. Januar um 15 Uhr im Museum Bautzen, Kornmarkt 1. Begleitprogramm unter www.museum-bautzen.de