merken
PLUS

Die verlorene Heimat

Zwei Bosnier flohen vor der Armut zu Hause – jetzt versinkt alles daheim in den Fluten.

Von Frank Seibel

Er wollte noch einmal in Deutschland sein Glück probieren – da brach über seine Heimat das große Unglück herein. Kasim Mehec saß im Asylbewerberheim in der Zittauer Sachsenstraße, als die Nachrichten über die Hochwasserkatastrophe auf dem Balkan durch die Medien gingen. In seiner kleinen Unterkunft hörte der 58-Jährige Nachrichten wie jene, die die Menschen in der Oberlausitz seit August 2010 fürchten: Aus kleinen Flüsschen werden reißende Ströme, ganze Landstriche werden überflutet durch die schwersten Unwetter, die der Balkan seit Beginn der Wetteraufzeichnungen vor 120 Jahren erlebt hat.

Anzeige
Kompetenz in der Vermögensbetreuung
Kompetenz in der Vermögensbetreuung

Geld sicher und gut anlegen? Das ist in Zeiten der Nullzinspolitik nicht einfach. Deshalb sollte man sich gerade jetzt gut beraten lassen.

Und mittendrin der Ort, der seine Heimat ist, und den er doch verlassen wollte: Banovic, 30 Kilometer nördlich der Industriestadt Tuzla im Nordosten von Bosnien und Herzegowina. Dort hat er mit seiner verstorbenen ersten Ehefrau zehn Kinder großgezogen, dort hat er aber selbst seit vielen Jahren kein wirkliches Auskommen, nachdem er 1991 im Balkankrieg verwundet wurde und später auch noch herzkrank wurde. Jetzt sah Kasim Mehec im Fernsehen Bilder aus seinem Dorf. Und er hatte diesen Brief von der Ausländerbehörde des Landratsamtes in der Hand: Weil er keine Aussicht habe, in Deutschland Asyl zu bekommen, müsse er Ende Mai wieder ausreisen. „Ich habe kein Problem damit, wieder in meine Heimat zu gehen“, sagt der Mann. „Aber ich habe kein Geld, um mein Haus zu reparieren.“ Das hatte er schon vor der Flut nicht, als es nur darum ging, das in die Jahre gekommene Haus instandzuhalten. Jetzt aber muss es von Grund auf saniert werden.

Wenn er ein junger, gesunder Mann wäre, würde er jetzt sofort ausreisen, um zu Hause anzupacken. Aber nach zwei Herzinfarkten sagt er: Das schaffe ich nicht. Also hat er den Landrat gebeten, länger bleiben zu dürfen, bis das Gröbste vorbei ist. Der Kreisrat der Linken Jens Thöricht hat ihm dabei geholfen. Nur wenige Stunden hat es gedauert, bis Kasim Mehec seine Verlängerung hatte. Vier Wochen – danach wird noch Chaos sein in Banovic. Aber das Wasser wird weg sein, die toten Tiere, die Seuchengefahr. Eine menschliche Geste des Landrats, freuen sich Kasim Mehec und seine Frau Sevala Dizdarvic. Ihr sieht man die traurige Zerrissenheit an. „Deutschland ist ein gutes Land“, sagt sie. „Aber Bosnien ist wunderbar.“ Nur: Wie soll sie da noch leben können?