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Die Vermessung der Braut

Frühjahr ist Hochsaison der Änderungsschneiderin. Sie näht Hochzeitskleider um.

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Von Anna Hoben

Mindestens fünf Bräute am Tag, von Dienstag bis Donnerstag. Das ist im Frühjahr der Alltag in den Räumen von Malgorzata Szymkowiak in Striesen. In Zeiten von Primark und anderen Billigmodeherstellern kann man sich ja schon mal fragen, was Änderungsschneiderinnen den ganzen Tag lang machen. Manche Menschen kaufen Kleider, um sie ein halbes Jahr später in die Tonne zu werfen. Wozu etwas ändern lassen? Die Kosten dafür stünden in keinem Verhältnis zum ursprünglichen Preis. Tatsächlich aber hat natürlich jeder Trend auch seinen Gegentrend. Viele Menschen achten heute viel mehr als früher darauf, hochwertige Kleider zu kaufen, die lange halten. Außerdem: Wer meint, Änderungsschneiderinnen hätten zu wenig zu tun, hat die Rechnung ohne das Frühjahr gemacht. Die Hochsaison fürs Heiraten ist auch die Hochsaison der Änderungsschneiderin.

Schon im Januar geht es langsam los. Wer im Frühjahr zum Altar oder ins Standesamt schreiten will, schaut sich zu Jahresbeginn nach einem Kleid um. Etwa sechs Wochen vor der Hochzeit findet der erste Termin bei der Schneiderin statt. Dieses Treffen sollte nicht zu spät sein – aber auch nicht zu früh. Denn in den Wochen vor dem Heiraten ändern sich viele Frauenkörper drastisch. „Manche essen viel, weil sie nervös sind“, sagt Malgorzata Szymkowiak. „Andere essen fast gar nichts mehr“, aus demselben Grund, oder um abzunehmen. Wieder andere sind schwanger und nehmen natürlicherweise zu. Die Gleichung ist einfach: Ändert sich die Frau, muss sich auch ihr Kleid ändern. Dafür gibt es Malgorzata Szymkowiak.

Die 32-Jährige ist eine kleine, flinke Person, die sich am liebsten nur Meggy nennt, und die man sich beim besten Willen nicht mit schlechter Laune vorstellen kann. Sie trägt Bluse und Bleistiftrock, ihre Absatzschuhe klackern auf dem Fußboden. „Geht nicht“, sagt sie mit einem charmanten polnischen Akzent, „das gibt’s nicht“. Ihr Motto: Alles lässt sich ändern, die Frage ist nur, wie schnell es gehen muss.

An diesem Tag ist es das Kleid von Franziska Weis, 28. In wenigen Tagen wird sie heiraten, und damit dann alles sitzt, steht sie jetzt hier in Meggys Umkleidekabine. Die Schneiderin hat die Länge zurechtgestutzt, auf den Wunsch der Kundin hin die Schleppe abgenommen und den Tüll zurechtgebügelt. Die blonde Braut in spe ist gehörig erkältet, aber als sie das Kleid für ihren großen Tag übergestreift hat, hellt sich ihre Miene auf. In drei Geschäften hatte sie gesucht, im vierten schließlich sofort gesehen: „Die haben mein Kleid.“ Ausgesucht hat sie es allein, zu den Anproben hat dann ihre Tante sie begleitet. Und weil kein Kleid perfekt ist, ließ sie von Meggy einige Kleinigkeiten ändern. „Was meint ihr?“, fragt sie mit verschnupfter Stimme das Kleiderkomitee, ihre Tante und ihre Großmutter. „Kann ich so gehen?“ Zustimmendes Nicken, Komplimente. „Ich gebe es gern so raus“, sagt Meggy.

Das Jahr in modischen Ereignissen

Dass sie sich einst als Schneiderin selbstständig machen würde, hätte sie früher nie gedacht. Physiotherapeutin hatte sie ursprünglich in ihrer Heimat Polen gelernt, drei Diplome gemacht. Als Hobby schneiderte sie nebenbei, doch in Polen, sagt sie, würde das Handwerk nicht so geschätzt. Sie besuchte eine Schule für Schneiderei, machte aber keinen Meister. 2004 verließ sie Katowice mit ihrem damaligen Partner, ging zunächst nach Berlin, dann für ein Jahr nach England und schließlich wieder zurück in die deutsche Hauptstadt. Sie lernte schnell Deutsch und bekam einen Job als Aushilfe in einer Schneiderei. Vom ersten Tag an übernahm Szymkowiak auch anspruchsvolle Aufgaben wie das Austauschen eines Jackenfutters. Bald arbeitete sie Vollzeit, und als sie ihrem Partner nach Dresden folgte, fand sie auch hier problemlos einen Job. Es dauerte dann nicht lange, bis Szymkowiak ihr erstes eigenes Geschäft aufmachte. „Eine große Schneiderei war nie mein Plan, es hat sich so entwickelt.“ Heute hat sie neben dem Laden in Striesen auch einen in Klotzsche und vier Mitarbeiterinnen. Sie nennt sie Frau Olga, Frau Sabine, Frau Monika und Frau Christine. Heute gliedert sich ihr Jahr nach den großen modischen Ereignissen im Dresdner Kalender: Semperopernball, Hutball, Jugendweihe und Erstkommunion. Im August, wenn viele im Urlaub sind, ist es auch in ihrem Geschäft etwas ruhiger. Dafür macht sie in den Wochen vor dem Semperopernball Überstunden. Und sonst: Hosen kürzen, Hosen kürzen, Hosen kürzen.

80 Prozent ihrer Kunden kennt sie mit Namen. Sie weiß, wer gerade Mutter oder Vater geworden ist, wer eine Operation hinter sich oder, klar, wer geheiratet hat. Ihre Kunden wissen umgekehrt aber auch einiges über sie: wo sie im Urlaub gewesen ist, dass sie gern Motorrad fährt und furchtbar ungern Kleider einkaufen geht. „Ich kaufe am liebsten Lebensmittel. Die sind schön bunt, riechen gut und ich muss sie nicht anziehen.“ Sie lacht.

Wenn Malgorzata Szymkowiak ihre Lebensphilosophie erklärt, dann fällt irgendwann ein Satz, bei dem man wegen der Formulierung erst stutzt und dann schmunzelt. Der Satz soll erklären, warum sie nie schlechte Laune hat, gern Überstunden macht und meckern nicht leiden kann. Er lautet: „Ich kann’s doch eh nicht ändern.“