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Die vernachlässigte Mitte

Der neue Bürgerrat in der Innenstadt West kümmert sich um ein städtisches Sorgenkind. Das Viertel droht, abzurutschen.

Von Sebastian Beutler

Dietmar Siebeneich hatte fast die Geduld verloren. Schon vor einem Jahr rechnete er damit, dass die Bürgerräte in den Görlitzer Stadtvierteln gewählt werden. Doch die Vorbereitungen im Stadtrat brauchten seine Zeit. Siebeneich nutzte sie und mischte sich schon mal in städtische Belange ein. Der 70-jährige Rentner und langjährige Produktionsleiter bei Kondensatorenwerken in Görlitz und Berlin war einer der engagiertesten Brückengegner vor einem Jahr, als es um die Neißebrücke am Schützenweg ging. Zusammen mit anderen sammelte er Tausende Unterschriften und initiierte so erfolgreich ein Bürgerbegehren. Siebeneich wohnt am Lutherplatz, hält Görlitz für eine „fantastische Stadt“ und will nun als Mitglied des neuen Bürgerrates in der Innenstadt West mittun. Da vertraue er auf den Rat seiner weisen Großmutter: „Ziegen, die meckern, geben keine Milch“.

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Wie Dietmar Siebeneich wurden am Dienstagabend in der Stadtbibliothek weitere sechs Bürgerräte für das Viertel gewählt. 39 von rund 6 500 Einwohnern beteiligten sich an der Wahl. Die geringe Quote macht auch schon auf die Probleme im Stadtquartier aufmerksam: eine große Resignation, nachdem das Gebiet in den vergangenen Jahren von der Stadt stiefmütterlich behandelt worden war. Zwar sind die großen Straßen wie Brautwiesenstraße oder Rauschwalder Straße saniert worden. Mit der Landeskronstraße hat das Viertel sogar die vermutlich bestbeleuchteste Straße der Stadt. Nur das Leben versiegte in den Wohnvierteln. Stadtplaner Friedemann Dressler spricht von einer „sozialen Entmischung“, die „uns Sorgen bereitet“. Dagegen setzt die Stadt nun das Projekt „Brautwiesenbogen“, versucht öffentliche und private Investitionen wie das sozio-kulturelle Zentrum, die Polizeidirektion, womöglich ein neues Feuerwehrdepot für die Innenstadt in das Viertel zu lenken. Die konkreten Vorhaben sind freilich noch klein an der Zahl. Als Tiefbauamtsleiter Torsten Tschage die großen Straßenbauvorhaben in der Innenstadt West für die nächsten Jahre erläutern sollte, da war es lediglich die Sanierung der Bahnhofstraße zwischen Krölstraße und Brautwiesenplatz im Jahr 2018. In der Innenstadt Ost konnte Tschage eine Woche zuvor dagegen auf gleich mehrere Vorhaben verweisen.

Weil die Innenstadt West weniger attraktiv für Görlitzer und Zuzügler ist, ist hier andererseits der Anteil der Ur-Görlitzer besonders groß. Auch im Bürgerrat. Der Linkspolitiker Michael Schmidt von der Rauschwalder Straße wohnt schon seit jeher in dem Stadtgebiet, Dietmar Siebeneich bezeichnet sich gar als „Ur-Görlitzer“, und selbst die deutlich Jüngeren Adrian Rosenthal und Enrico Merker sind Görlitzer, wenn sie auch – wie Merker – ursprünglich aus der Südstadt stammen. Wie Siebeneich haben Rosenthal und Merker Erfahrung in der ehrenamtlichen Tätigkeit. Der 32-jährige Merker steht wie kaum ein Zweiter für das geplante soziokulturelle Zentrum im früheren Waggonbaugelände, Rosenthal gehörte der Jury „Mir stinkt’s“ an, die Kinder-Ideen für Aufkleber gegen Hundehaufen und Unordnung auswählte.

In diese Gruppe von gebürtigen Görlitzern bricht nun Wolfgang Smolarek ein. Er lebt seit ein paar Jahren auf der Mittelstraße, weil er sich in die Stadt verliebt habe, Ursprünglich aber kommt er aus Nordrhein-Westfalen, zuletzt aus Schiefbahn, einem Ort zwischen Mönchengladbach und Düsseldorf. In Görlitz hat er versucht, sich schnell einzuleben. Er stellte selbstgemalte Bilder im Café Kugel aus, arbeitet im Senior-Kompetenzteam mit, in der Arbeitsgemeinschaft IG Verkehr, geht einmal in der Woche in die Kita auf der Mittelstraße und initiierte beim ADFC eine Fahrradaktion an der Grundschule in Weinhübel. Der zweite nicht-gebürtige Görlitzer in dem Bürgerrat ist Bernd Koall, Jahrgang 1960 aus Bad Muskau. Seit einem Jahr wohnt er auf der Löbauer Straße, arbeitete in mehreren Abfallunternehmen und bereitet sich nun auf seine Selbstständigkeit vor. Er will Firmen, Verbände und Unternehmen dabei beraten, sorgsam mit Rohstoffen, Energie und Abfällen umzugehen.

Koall hatte wie alle anderen Kandidaten keine Probleme, ausreichend Stimmen für die Wahl in den Bürgerrat zu bekommen. Die meisten aber erhielt der Jüngste. Lukas Warnatsch ist gerade mal über die 16-Jahre-Grenze gerutscht, wer jünger ist, darf weder im Bürgerrat mitmachen noch gewählt werden. Der Zehntklässler vom Joliot-Curie-Gymnasium dürfte auch das jüngste Mitglied aller bislang gewählten Bürgerräte sein. Doch hat er klare Vorstellungen von der Arbeit des Gremiums: Es sei eine tolle Idee, dass sich die Bürger direkt einbringen und gute Ideen fördern können. In der Evangelischen Jugendarbeit sammelt er bereits Erfahrungen im Einsatz für andere. Nun kann er das auch im Bürgerrat unter Beweis stellen. Auch wenn dieser Bürgerrat ohne Frau auskommen muss, so wollen die sieben nun anpacken. Wie sagte Dietmar Siebeneich: „Es gibt noch viel zu tun in der Innenstadt West.“