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Die Verpackungsweltmeister

Ob Bautzn’er Senf oder Pesto aus Italien – Jokey Plastik aus Sohland sorgt in ganz Europa fürs richtige Drumherum.

© Miriam Schönbach

Von Miriam Schönbach

Bautzen. Im Sekundentakt fallen die Eimer mit der Aufschrift „Waterkant Käsewürfel“ von der Molkerei Rücker aus der Spritzgussmaschine. Ihr Takt gibt den Arbeitsrhythmus im Werk Sohland der Jokey-Gruppe vor. Marcus Blumenschein beobachtet das Prozedere. „Das Granulat für unsere Produkte wird automatisch durch Rohrleitungen zugeführt, auf 220 Grad aufgeheizt und vermischt“, sagt der Geschäftsführer. Wieder ist einer Eimer fertig. 18 Millionen Stück davon verlassen pro Jahr das Werk.

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Auch Dosen, Deckel, Boxen und Schalen werden in Sohland hergestellt.
Auch Dosen, Deckel, Boxen und Schalen werden in Sohland hergestellt. © Miriam Schönbach

Marcus Blumenschein geht weiter. Die nächste Spritzgussmaschine stellt Ein-Kilo- Eimer mit dem Aufdruck „Bautz’ner Senf“ her, daneben entsteht der Behälter für Ketchup der „Werder Feinkost GmbH“. 40 Maschinen laufen in dieser Werkhalle rund um die Uhr. „Wir merken, dass Grillzeit ist. Unsere Produkte finden Sie in jedem Discounter und in jedem Imbiss“, sagt der 53-Jährige. Seit sechs Jahren leitet er die Niederlassung fast an der Grenze zu Tschechien des Verpackungsspezialisten aus Wipperfürth. Gleichzeitig ist er für das Jokey-Werk im französischen Labourse hinter der belgischen Grenze zuständig.

Marcus Blumenschein ist mehr als ein permanenter Grenzgänger zwischen Ost und West. Er sei ein Jokey-Kind, sagt er und hält an der nächsten Maschine. Seine Kindheit verbringt er in Wipperfürth. Im benachbarten Fähnrichstütte beginnt 1968 Josef Kemmerich in einer Werkhalle mit zwei gebrauchten Spritzgießmaschinen und neun Mitarbeitern Kunststoffeimer für die Abfüll-Industrie herzustellen. Heute würde man Start-up sagen. Die Kunststoffverpackungen erweisen sich schnell als bruchsichere und preiswerte Alternative zu herkömmlichen Verpackungen.

Jockey Plast Sohland

Die Jokey Group gehört international zu den Marktführern in der Verpackungsindustrie.

Mit 2000 Mitarbeitern produziert das Familienunternehmen aus Wipperfürth in 15 Werken Eimer, Dosen, Boxen und Schalen im Kunststoffspritzgussverfahren.

Die Kunden kommen aus rund 80 Ländern aus dem Bereich Food und Non-Food.

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Bei dem Familienunternehmen heuert Marcus Blumenschein nach der Schule an, lernt den Beruf des Werkzeugmachers und absolviert die Maschinenbau-Techniker-Schule. Danach arbeitet er innerhalb des Betriebs in der Forschung und Entwicklung. In dieser Zeit – Anfang der 1990er-Jahre – macht er seinen ersten Abstecher nach Sohland. „Ich kam ohne Vorurteile“, sagt der Geschäftsführer. Aus der Spritzgießmaschine purzeln Deckel für Dr. Doerrs fruchtigen Käsesalat.

Für den Feinkosthersteller aus Dresden machen die Sohländer Jokey-Mitarbeiter alle Rechteck-Schalen. Auch der Dresdner Back- und Süßwarenhersteller „Vadossi“ verlässt sich auf ihre Qualität. Neben den Verpackungen für Lebensmittel werden Plastik-Behälter für Tierfutter, Wandfarben oder Chemikalien produziert – von rund über oval bis eckig. Bis zur Wende liefen in den alten Werkhallen Federbälle, Etuis für Sonnenbrillen und Spiegelschränke vom Band. Die Herstellung von Badmöbeln ist bis heute ein Alleinstellungsmerkmal der Sohländer in der Jokey-Gruppe.

600 Arbeiter beschäftigt der ehemalige VEB Formaplast Sohland. Knapp 30 Jahre später arbeiten 145 Mitarbeiter für die Jokey Plastik Sohland. 80 Prozent kommen aus direkter Nachbarschaft. Seinerzeit trifft der Neue auf „extrem gut ausgebildete“ Mitarbeiter und vor allem auf motivierte Macher. „Wenn im Westen ein Gerät kaputt ist, wird es ausgetauscht. Hier bekommen es die Leute oft wieder hin“, sagt Marcus Blumenschein. Mit der Übertragung der technischen Betreuung des Werks in Sohland lernt er die Oberlausitzer immer besser kennen – und spürt die Verantwortung für seine hiesige Jokey-Familie.

Eimer für ganz Europa

„Pesto Genovese“ erscheint auf den Eimern, die die nächste Maschine ausspuckt. „Schauen Sie, der Bügel für den Behälter wird direkt mit angespritzt“, freut sich Marcus Blumenschein. Dieser Eimer wird nach Italien ausgeliefert, auch in Großbritannien, Spanien, Niederlande und Frankreich wollen Abfüller recycelbare Jokey-Produkte. „Wir halten bei allen unseren Erzeugnissen die Hygienevoraussetzungen der Lebensmittelindustrie ein – egal, ob später Senf oder Farbe in den Behälter kommt“, sagt der Geschäftsführer. Früher wollte er Fußball-Profi werden. Als Stürmer machte er die Tore und „erkannte rechtzeitig, dass das Talent nicht reicht“. Montagabend läuft er zuweilen bei den „Alten Herren“ in Windeck an der Sieg auf. Am Morgen danach geht es meist aller zwei Wochen im Wechsel nach Sohland oder Labourse westlich von Lille. Hier wie da dreht sich alles darum, die spritzgegossenen Kunststoffverpackungen noch leichter und trotzdem stabil, nachhaltig und kostengünstig zu produzieren. Schon jetzt wird Ausschuss geschreddert und wiederverarbeitet. Getüftelt wird an neuen Beschichtungen für die Behälter. „Weil mit der Zeit Sauerstoff durch das Plastik eindringt, ist bis jetzt die Haltbarkeit der Produkte kürzer als in Gläsern und Blechdosen“, sagt Marcus Blumenschein.

Jetzt ist erst mal Schichtwechsel. Die Spritzgießmaschine packt automatisch einen fertiggegossenen Bohrmaschinenkoffer in den Speicher. Der nächste Mitarbeiter steht bereits für seinen Dienst bereit. „Auch für uns wird es immer schwerer, gutes Fachpersonal zu finden“, sagt Marcus Blumenschein. Gesucht werden derzeit für das Werk in Sohland Mechatroniker, Kunststoffformgeber, Verfahrenstechniker und Werkzeugmacher. Vier bis fünf Auszubildende stellt das Werk in jedem Jahr ein. „Mit Engagement und Leidenschaft kann man in unserem Unternehmen ziemlich schnell nach oben kommen“, sagt der Chef. Der Grenzgänger ist selbst das beste Beispiel dafür.