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Die verschwundenen Dörfer

Vor 75 Jahren verließen rund 1 700 Menschen ihre Heimat in der Heide. Sie wichen dem Militär. Eine Spurensuche.

Von Annett Kschieschan

Die Bohraer Straße führt nicht nach Bohra. Sie endet hinter dem Königsbrücker Stadtrand. Auch die Steinborner Straße hat kein Ziel. Die Krakauer Straße ebenso wenig. Das war früher anders. Damals konnte man ankommen in Bohra, Steinborn oder Krakau, drei Dörfern im Nordwesten von Königsbrück. Am 1. April 1938 hörten sie auf Grundlage des „Gesetzes zur Landbeschaffung für Zwecke der Wehrmacht“ auf zu existieren – wie Rohna, Sella und Zochau. Die sechs Dörfer wichen dem Truppenübungsplatz Königsbrück so wie 30 Jahre zuvor Otterschütz, Quosdorf und Zietsch. Kaum jemand von den Jungen kennt die Namen. Und die Älteren, die sie kennen, werden weniger. Das ist ein Problem. „Eigentlich sind wir zu spät dran“, sagt Ute Steckel, Stadtarchivarin in Königsbrück und Vorsitzende des Geschichtsvereins Truppenübungsplatz Königsbrück. Nicht, dass das ein Grund gewesen wäre, das Mammutprojekt gar nicht erst anzufangen. Im Gegenteil. Ute Steckel und ihre Mitstreiter wollen den verschwundenen Dörfern in der Heide ihr Gesicht zurückgeben. Seit 20 Jahren recherchieren sie zur Königsbrücker Militärgeschichte – ein weites, brisantes Feld. Ebenso lange sammeln sie alles, was es über Rohna und Bohra, Sella und Steinborn, Otterschütz und Quosdorf, Zochau und Naundorf, Krakau und Zietsch zu sammeln gibt. Jedes Dorf hat einen Ordner mit handgemalten Karten, Auflistungen, Namensverzeichnissen. Und Fotos. Vergilbte Aufnahmen von Gasthäusern und Bauernhöfen, von Straßen und Landschaftspanoramen. Auch ganz Privates liegt hier. Familienfotos, ein Trupp junger Männer auf Motorrädern, lachende Gesichter. Vieles stammt von älteren Leuten. „Mancher sagt, ’die Kinder schmeißen es später eh weg‘ und bringt die Fotos her“, sagt Ute Steckel. Die meisten der Umsiedler aus den Heidedörfern haben in der Region eine neue Heimat gefunden. Die alte war immer nah – und doch führte nie ein Weg zurück. Von vielen der Dörfer gibt es Spuren, Keller, Mauern, Wege. Aber Besuche sind tabu. Auch wenn der Truppenübungsplatz seit 20 Jahren Naturschutzgebiet ist, das Betreten der Dörfer ist streng verboten. Überall könnten Granaten liegen. Die Heide birgt Tonnen von Munition. Viele der Alten erinnern sich an die Schulzeit in Rohna oder den Gottesdienst in Krakau. Aber sich abfinden und vergessen sind verschiedene Dinge. „Jeder braucht ein Gefühl für seine Vergangenheit“, weiß Ute Steckel. Trotzdem war sie überrascht, als der Verein beim ersten von mehreren Vorträgen über die verschwundenen Dörfer überrannt wurde.

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erstmals erwähnt 1378 als Steinborn (Siedlung am Steinbrunnen), zuletzt 402 Einwohner, verlassen 1938. An Steinborn erinnert eine Straße in Königsbrück.
erstmals erwähnt 1378 als Steinborn (Siedlung am Steinbrunnen), zuletzt 402 Einwohner, verlassen 1938. An Steinborn erinnert eine Straße in Königsbrück.
erstmals erwähnt 1353 als Sellende/Sella (Ort eines Sell) gehörte „zum Gute Hayn“ unweit von Krakau, zuletzt 120 Einwohner, verlassen 1938
erstmals erwähnt 1353 als Sellende/Sella (Ort eines Sell) gehörte „zum Gute Hayn“ unweit von Krakau, zuletzt 120 Einwohner, verlassen 1938
erstmals erwähnt 1392 als Ranow/Rohna (ebener Ort), nach Ponickau eingepfarrt, im Ort gab es eine eigene Schule, zuletzt 302 Einwohner, verlassen 1938
erstmals erwähnt 1392 als Ranow/Rohna (ebener Ort), nach Ponickau eingepfarrt, im Ort gab es eine eigene Schule, zuletzt 302 Einwohner, verlassen 1938
erstmals erwähnt 1353 als Borow Ort im Kiefernwald), gehörte zum Rittergut Glauschnitz, zuletzt 215 Einwohner, verlassen 1938. An Bohra erinnert eine Straße in Königsbrück.
erstmals erwähnt 1353 als Borow Ort im Kiefernwald), gehörte zum Rittergut Glauschnitz, zuletzt 215 Einwohner, verlassen 1938. An Bohra erinnert eine Straße in Königsbrück.
ist ein Sonderfall. Das Dorf wurde 1938 geräumt, später von schlesischen Kriegsflüchtlingen bewohnt. Sie gründeten hier die erste LPG der Region – und durften bleiben. Das Dorf blieb.
ist ein Sonderfall. Das Dorf wurde 1938 geräumt, später von schlesischen Kriegsflüchtlingen bewohnt. Sie gründeten hier die erste LPG der Region – und durften bleiben. Das Dorf blieb.
erstmals erwähnt 1350 als Zcoch/Zochau (Siedlung durch Pfahlzäune geschützt), zuletzt 143 Einwohner, verlassen 1938. Ein Turm und ein Pfad im NSG erinnern an Zochau.
erstmals erwähnt 1350 als Zcoch/Zochau (Siedlung durch Pfahlzäune geschützt), zuletzt 143 Einwohner, verlassen 1938. Ein Turm und ein Pfad im NSG erinnern an Zochau.
erstmals erwähnt 1363 als Zeisch beziehungsweise Zietsch (Rodungssiedlung auf dem Waldschlag), zuletzt 116 Einwohner, verlassen 1907
erstmals erwähnt 1363 als Zeisch beziehungsweise Zietsch (Rodungssiedlung auf dem Waldschlag), zuletzt 116 Einwohner, verlassen 1907
erstmals erwähnt 1493 als Otter Buicz/Otterschütz (eine Ansiedlung am Brombeerbach), hatte zuletzt 198 Einwohner, verlassen 1907
erstmals erwähnt 1493 als Otter Buicz/Otterschütz (eine Ansiedlung am Brombeerbach), hatte zuletzt 198 Einwohner, verlassen 1907
erstmals erwähnt 1447 als Quoßdorff/Quosdorf (Dorf eines Kaz), zuletzt 63 Einwohner, verlassen 1907 Quelle: Stadtarchiv Königsbrück
erstmals erwähnt 1447 als Quoßdorff/Quosdorf (Dorf eines Kaz), zuletzt 63 Einwohner, verlassen 1907 Quelle: Stadtarchiv Königsbrück
erstmals erwähnt 1248 (Ort einer Krähe), hatte eine Kirche sowie eine Postsäule, zuletzt 478 Einwohner, verlassen 1938. An Krakau erinnert eine Straße in Röhrsdorf.
erstmals erwähnt 1248 (Ort einer Krähe), hatte eine Kirche sowie eine Postsäule, zuletzt 478 Einwohner, verlassen 1938. An Krakau erinnert eine Straße in Röhrsdorf.

Und: es kamen viele Junge. „Das Interesse der Enkelgeneration wächst “, so die Stadtarchivarin. Das lässt hoffen. Darauf, dass die letzten weißen Flecken in den Dorfgeschichten sich auch noch füllen – zum Beispiel, wenn Fotos aus dem Nachlass der Großeltern ihren Weg zum Geschichtsverein finden. Jedes Dorf soll virtuell neu entstehen – mit möglichst jedem Haus und jeder Straße. Eben ein Mammutprojekt. Ute Steckel lächelt, nickt und erzählt von den Gesichtern, in die sie beim ersten Vortragsabend geschaut hat. „Da weiß man, warum man das macht“, sagt sie. Es wird weitere Vorträge geben – einen für jedes Dorf. Und irgendwann vielleicht ein Buch. Es ist noch viel zu tun, damit man wieder ankommen kann in Bohra, Steinborn und Krakau – wenigstens virtuell.

Hinweise und Dokumente zu den Heide-Dörfern an

035795 47467, [email protected]