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Die Viren-Detektive

Jens Heimann ist Chef des Dresdner Gesundheitsamtes. Wie seine Mitarbeiter Infektionsketten nachverfolgen.

Jens Heimann an seinem Arbeitsplatz.
Jens Heimann an seinem Arbeitsplatz. © Gesundheitsamt/Michael Tischendo

Der Gebäudekomplex gegenüber des Zwingers ist eher unscheinbar. Hinter seinen Mauern residiert das Dresdner Gesundheitsamt, eine Art Hauptquartier in der Corona-Krise. Amtsleiter Jens Heimann ist auch Chef von rund 70 Viren-Ermittlern. Wie Kriminalisten verfolgen sie Infektionsketten. Aber was heißt das eigentlich?

Heimanns Büro ist schlicht. Auf dem Schreibtisch zwei Monitore, zwei Smartphones und ein Kalender. An der Wand hängt ein Bild des vitruvianischen Menschen von Leonardo da Vinci. Besucher dürfen nicht mehr ins Haus. „Wir sind noch nicht am Gipfel der Pandemie angelangt“ sagt der 48-Jährige. „Die Zuwachsraten steigen aber nicht mehr exponentiell an.“ Wie seine Mitarbeiter macht Heimann derzeit viele Überstunden, selbst am Osterwochenende hat er zwei Tage im Büro verbracht.

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491 Infizierte gibt es mit Stand Ostermontag in Dresden, 60 davon werden im Krankenhaus behandelt. Die Zahl der Todesfälle liegt seit 1. April konstant bei vier. Zwei Frauen über 80 und zwei Männer zwischen 60 und 79 sind bisher an Covid-19 gestorben. In ganz Sachsen sind es 3.802 Corona-Infizierte und 69 Tote.

Getrennt voneinander arbeiten die Ermittlerteams über die Stadt verteilt, damit bei einer Infektion nicht alle ausfallen. Sie haben Erfahrung. Ist es nicht das Coronavirus, suchen sie nach Masern oder Tuberkulosefällen. Nur, dass jetzt manchmal so viele Meldungen kommen, dass es einen Tag dauern kann, bis die Ermittler anrufen.

Die schwierige Spurensuche

Die meisten Menschen, die Symptome von Covid-19 zeigten oder Kontakte mit Infizierten hatten, melden sich selbst, sagt Heimann. Wenn nicht, fahren seine Kollegen zur Wohnadresse, oft bei Senioren. Andere Fälle kommen von Ärzten oder Kliniken und der Corona-Ambulanz am Uni-Klinikum.

Dann beginnt die Spurensuche. Seit wann gibt es Symptome. Wo arbeiten die Betroffenen? Mit wem hatten sie persönlichen Kontakt, wo sind diese Menschen erreichbar? Wie nah waren sich die Gesprächspartner? Gab es mindestens einen 15-minütigen Gesicht-zu-Gesicht-Kontakt? Auf die Liste müssen alle Namen mit dem Gesicht-zu-Gesicht-Kontakt aus den letzten zwei Tagen, bevor sich die Symptome gezeigt haben. Im Schnitt sind das meist um die 20 Namen. All das ist wichtig für die erste Risikoanalyse nach Kriterien des Robert Koch-Instituts.

Heimann spricht ruhig und konzentriert in den Telefonhörer. „Dass der Anstieg der Fallzahlen bei uns bisher nicht so steil ist, hat damit zu tun, dass wir zeitig Maßnahmen ergriffen haben.“ Ausgangsbeschränkungen, Kontaktverbote, die Abschaltung fast des gesamten öffentlichen Lebens. „Wir wissen, dass wir von den Leuten ein sehr großes Opfer verlangen, aber das hilft uns allen.“ Es sei nicht selbstverständlich, dass Menschen so kooperativ mitmachen. „Eine sensationelle Leistung.“

Heimann, früher Arzt bei der Bundeswehr, war schon während der Schweinegrippe 2009/2010 im Einsatz. Auch damals infizierten sich täglich immer mehr, es gab Tote, aber es ähnelte mehr einer saisonalen Grippe.

Die Ermittler klopfen alles ab. Gab es eine Reise in ein Risikogebiet oder gibt es konkurrierende Krankheiten mit ähnlichen Symptomen? Muss jemand direkt ins Krankenhaus eingewiesen werden? Noch ist auch Grippesaison. Richtung Sommer würden solche Symptome vielleicht nicht mehr als Grippe oder Erkältung abgetan wie im Februar. Aber noch ist es nicht so weit. Für den größten Teil der Corona-Infektionen in Dresden seien Reiserückkehrer wie Skiurlauber verantwortlich.

Betroffene sollen sich isolieren und füllen Fragebögen aus, meist per E-Mail oder per Post. Jetzt müssen Reiserückkehrer sich selbst 14 Tage in Quarantäne zu Hause begeben..

Notsituationen sind nun mal nicht gerecht

Ansonsten gilt: Wer wirklich krank ist oder Corona-positiv getestet, bekommt einen Bescheid des Amtes als offizielle Anordnung. Auch mobile Teams des Gesundheitsamtes nehmen Abstriche bei jenen, die in engem Kontakt zu einem Erkrankten standen und nicht aus dem Haus können.

Wer sich weigert, bekommt Besuch von der Polizei. Hilft das nicht, droht auf richterlichen Beschluss die zwangsweise Absonderung von anderen, parallel können Bußgelder verhängt und Strafverfahren eingeleitet werden. Wer wirklich krank ist und sich nicht an die Anordnungen hält, kann gegen seinen Willen untergebracht werden in einem gesicherten Teil des Krankenhauses.

Was, wenn sich mögliche Betroffene nicht von sich aus melden? Da helfen notfalls auch andere Behörden, das Meldeamt mit Anschriften, Ordnungsamt oder Polizei beim Besuch, sagt Heimann. „Die Polizei hatten wir bisher aber noch nicht nötig.“

Schwierig seien Ermittlungen in Gemeinschaftseinrichtungen wie Schulen, Kitas und Pflegeheimen, weil nicht immer klar ist, wer wann anwesend war. Längst geht es nicht mehr darum, den einen am Anfang der Infektionskette zu finden, sondern um die, die sich neu infiziert haben könnten. Einen der größten Fälle verzeichnete das Gesundheitsamt am Dresdner St.-Benno-Gymnasium. Ein Schüler war positiv auf das Coronavirus getestet worden, tags darauf war die Schule geschlossen - weil die Wege und Kontakte von Schülern und Lehrern nicht genau nachvollzogen werden konnten. Ergebnis: 810 Schüler und Lehrer müssen für 14 Tage in häusliche Isolation.

„Wir sind in einer Zeit, in der Solidarität wichtig ist und sich jeder ein Stück zurücknimmt“, sagt Heimann. Er wisse, dass es keine Gerechtigkeit in der Notsituation geben kann, wenn einer nur eine kleine Wohnung, der andere aber ein Grundstück zur freien Bewegung hat. „Dafür haben wir nicht wirklich eine Lösung, da wird man nie echte Gleichheit herstellen können.“

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