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„Die von der Bahn sollten mal hier schlafen“

In Radebeul regt sich Widerstand gegen den Lärm der Güterzüge. Die Züge sollen zwar bald wieder weniger werden, sagt die Bahn. Doch das löst das Problem nicht.

Wie ein Erdbeben fühlen sich die vorbeidonnernden Güterzüge an, sagen Betroffene, die nah an den Schienen wohnen.
Wie ein Erdbeben fühlen sich die vorbeidonnernden Güterzüge an, sagen Betroffene, die nah an den Schienen wohnen. © Arvid Müller/Archiv

Radebeul/Coswig. Die ballern hier durch, als gebe es kein Morgen. Der ältere Herr bringt auf den Punkt, was viele in Radebeul aufregt. Beim ersten Bürgertreff zum Thema Bahnlärm müssen am Mittwochabend sogar noch zusätzliche Stühle in den Seminarraum im Familienzentrum getragen werden, so groß ist der Andrang. Junge Familien, genauso wie Rentner – sie alle sind geplagt vom Lärm der Güterzüge und wollen diesen Zustand nicht mehr hinnehmen.

Organisiert hat den Abend Yvonne Hennig, die selbst direkt an der Bahnstrecke Dresden-Meißen wohnt. Wie ein Erdbeben fühle es sich an, wenn dort die lauten Güterzüge vorbeifahren. An Schlaf bei offenem Fenster sei sowieso nicht zu denken. Endlich ein bisschen Ruhe bekommen – das wünscht sie sich und das wollen auch die vielen anderen, die gekommen sind. Hilfe erhoffen sie sich von Bürgerinitiative Bahnemission-Elbtal, die in Coswig schon seit Jahren sehr aktiv ist.

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„Wir sind nicht gegen die Bahn. Wir sind für eine leise Bahn“, stellt Michael Krebs von der BI klar. Der Verein werde auch nicht gegen die Bahn klagen. Zum einen weil so ein Rechtsstreit geschätzt mindestens 60 000 Euro kosten würde. Zum anderen sei er nicht erfolgversprechend. Auch wenn das viele gar nicht glauben mögen: „Die Bahn macht alles richtig im Rahmen der Gesetze“, sagt Krebs. Der einzig sinnvolle Weg sei also, Druck auf diejenigen auszuüben, die die Gesetze ändern können. Also die Politiker.

Rappelvoll ist der Raum bei der Bürgerveranstaltung gegen Bahnlärm. 
Rappelvoll ist der Raum bei der Bürgerveranstaltung gegen Bahnlärm.  © Nina Schirmer

Wie das gehen kann? „Nur wenn viele Bürger mitmachen, wird das von der Politik auch wahrgenommen“, sagt Marco Kunze, der sich ebenfalls in der Bürgerinitiative engagiert. Der Verein ist deshalb auf Unterstützer angewiesen. Sei es beim Verteilen von Flyern, bei Postkartenaktionen an Abgeordnete oder Petitionen an den Bundestag. Von radikalen Aktionen wie Schienenbesetzungen hält die BI hingegen nichts. „Welcher Politiker redet denn dann noch mit uns?“, gibt Kunze zu bedenken.

Das Problem an so vielen Stellen, darunter auch in Radebeul: Für Bestandsstrecken gibt es keine gesetzlichen Lärmvorschriften. Die gelten nur auf ganz neu gebauten oder wesentlich veränderten Routen, sagt Kunze. Und in das freiwillige Programm der Bahn zur Lärmreduzierung komme man mit mehr als hundert Meter Entfernung zu den Schienen sowieso nicht.

„Vielleicht sollten die von der Bahn mal hier schlafen“, schallt ein Ruf aus dem Podium. Auch die Luftverpestung beim Bremsen der Züge macht den Radebeulern Sorge. „Wie das stinkt nach Bremsabrieb, das kann nicht gesund sein“, sagt ein Mann. „Jeder Autofahrer muss Abgaswerte einhalten. Die Bahn scheinbar nicht.“

Auf Nachfrage der SZ teilt die Bahn mit, das derzeitige hohe Zugaufkommen auf der Strecke mitten durch die Stadt liege an Gleisbauarbeiten zwischen Cossebaude und Dresden-Friedrichstadt. „Um das Betriebsprogramm im Güterverkehr bewältigen zu können, müssen die Züge zu einem erheblichen Teil über Radebeul-Ost umgeleitet werden.

Außerdem gibt es im Schatten der Maßnahme weitere kleinere Arbeiten im Bereich Dresden-Friedrichstadt, die kurzzeitige Totalsperrungen erfordern, was das Zugvolumen über Radebeul-Ost temporär weiter ansteigen lässt beziehungsweise ließ“, sagt Bahnsprecher Jörg Bönisch. Nach Abschluss der Bauarbeiten am 30. September sei mit einem deutlichen Rückgang der Güterzugfahrten über Radebeul-Ost zu rechnen.

Zufriedenstellen kann das die Radebeuler nicht. Die Strecke werde immer wieder als Umleitung herhalten müssen, sagen die Männer von der Bürgerinitiative. Und tatsächlich kündigt die Bahn bereits die nächsten Vorhaben an. „Im Mai und Juni 2020 wird es nochmals wegen Bauarbeiten in Dresden-Friedrichstadt und im Bereich Coswig zu kurzzeitigen Umleitungen kommen“, so Bönisch. Allerdings maximal jeweils eine Woche.

Die Botschaft des Abends im Familienzentrum: „Nur wenn wir viele sind, können wir was erreichen“, sagt Kunze. Die Bahn schaue dorthin, wo sich die Leute am meisten beschweren. Den Radebeulern raten er und Krebs, sich an die Stadträte zu wenden, um das Thema auch ins Rathaus zu kriegen und Unterstützung durch die Stadt einzufordern.

www.bi-elbtal.de

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