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Die Wahrheit über die 25.000 Grippe-Toten

Das Robert-Koch-Institut hat 2018 viel mehr Tote dem Influenza-Virus zugeordnet, als aktuell Corona. Ist also Corona gar nicht so gefährlich?

Derzeit werden so viele Tests auf Viren gemacht, wie nie zuvor. Doch was sagen die ermittelten Zahlen von Infizierten und Toten aus?
Derzeit werden so viele Tests auf Viren gemacht, wie nie zuvor. Doch was sagen die ermittelten Zahlen von Infizierten und Toten aus? © Britta Pedersen/dpa (Symbolbild)

Wie ein Mantra tragen viele Kritiker der Corona-Maßnahmen diese Aussage vor: In der Grippesaison 2017/18 sind mit 25.100 Menschen viel mehr mit Influenza gestorben als jetzt mit Corona! Das sorgt für Zündstoff in Diskussionen. Waren all die Einschränkungen überzogen? Oder werden den Menschen gar Märchen aufgetischt, was eine Pandemie angeht? Die Wahrheit über eine vermeintliche Corona-Lüge.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat aktuell auf ihrer Homepage in Deutschland rund 8.000 Todesfälle im Zusammenhang mit Corona aufgelistet. Das ist viel weniger als die 25.100 Grippe-Toten, die ebenfalls das Robert-Koch-Institut dem Influenza-Virus der Saison 2017/18 zugerechnet hat. 

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Die rund 25.100 Grippe-Toten sind „von Wissenschaftlern des RKI geschätzt worden“, teilt das Institut auf Nachfrage von Sächsische.de mit. 

Wurde dieses Jahr mehr getestet?

Zur Ermittlung der Zahl stützt sich das Institut auf die allgemeine Zahl der Sterbefälle in einem bestimmten Zeitraum. In jahrelangen Analysen haben Wissenschaftler daraus eine erwartbare Mortalität ermittelt, auf den Monat genau. Das wird mit der Zahl der tatsächlichen Todesfälle verglichen. Wenn also in einer Grippe-Periode allgemein mehr Menschen sterben, Übersterblichkeit genannt, gehen die Wissenschaftler davon aus, dass darunter viele Menschen an Grippe gestorben sind. Eine Toleranz wird noch abgezogen. So erhielt das RKI für den Zeitraum Oktober 2017 bis Ende März 2018 die geschätzte Zahl von 25.100 Grippe-Toten. Das sei noch "konservativ" gerechnet, heißt es von dem Institut. Also es könnten eher noch mehr sein als weniger.

Diese Zahl ist also wissenschaftlich begründet. Trotzdem kann man sie nicht mit den Todeszahlen der aktuellen Corona-Statistik vergleichen. Denn diese Zahlen werden ganz anders erhoben. Die rund 8.000 Todesfälle sind jene, die auf Grundlage des Infektionsschutzgesetzes von den Gesundheitsämtern dem RKI übermittelt werden, weil sie dazu verpflichtet sind. Die Ämter orientieren sich an den Angaben auf dem Totenschein. Das ist im Übrigen bei Corona genauso wie bei der meldepflichtigen Influenza. Mit anderen Worten: Jeder der 8.000 registrierten Fälle ist von einem Labor bestätigt. Um eine ähnliche Schätzung für Corona wie bei den 25.000 Influenza-Toten zu bekommen, müsste also auch da hochgerechnet werden. Dafür ist es aber noch zu früh.

In der Grippe-Saison 2017/18 wurden dem RKI übrigens 1.674 Todesfälle mit Influenza gemeldet, die von einem Labor bestätigt wurden. Doch selbst das ist nicht zwangsläufig mit den rund 8.000 Corona-Toten vergleichbar, weist höchstens auf eine besondere Gefährlichkeit hin. Jetzt wurde mehr getestet als damals. Hinzu kommt, dass sich 2020 Influenza und Corona überlagert haben.

Wie wirken Kontaktbeschränkungen auf die Grippewelle?

Interessant ist für Virologen dabei, dass sich die diesjährige Grippewelle ab März, als der Lockdown begann, überproportional zurückgegangen ist. Das RKI erklärte, dass das die Wirksamkeit der verhängten Kontaktbeschränkungen abbildet. Aktuell werden 476 laborbestätigte Grippe-Tote in der Statistik für 2019/20 geführt.

Dass sich nun ausgerechnet jene Menschen auf die 25.000er-Zahl stützen, die spazierend und die Auflagen ignorierend gegen die Corona-Zwangsmaßnahmen protestieren, könnte ein Stück weit mit am RKI liegen.  

Fast täglich erklärt Professor Lothar Wieler, der Präsident des Robert-Koch-Instituts, die Statistiken seines Instituts. Damit ist aber noch lange nicht alles über das Corona-Virus Sars-Cov-2 gesagt.
Fast täglich erklärt Professor Lothar Wieler, der Präsident des Robert-Koch-Instituts, die Statistiken seines Instituts. Damit ist aber noch lange nicht alles über das Corona-Virus Sars-Cov-2 gesagt. © Pool AP

Denn im Herbst 2019 ging es darum, auf die Bedeutung von Grippe-Schutzimpfungen hinzuweisen. Um das zu untermauern, wurde die höchste, jemals ermittelte Zahl der 25.100 Todesfälle in einer Saison genannt. RKI-Präsident Professor Lothar Wieler hat selbst diese herausgehobene Zahl ins Feld geführt. 

Mit dem Fakt, dass es etliche Jahre keinen einzigen Influenza-Toten gab, wie etwa 2009/10 oder 2005/06, wäre sicherlich niemand hinterm Ofen vorzulocken. Allerdings nahmen es Journalisten nicht immer so genau, die Zahl als Schätzung zu bezeichnen oder auf die Berechnungsgrundlagen hinzuweisen.

Spannend dürfte für viele Beobachter sein, ob es für 2020 eine Übersterblichkeit in Deutschland gibt und wie hoch sie ausfällt. Die Zahlen dazu liefert das Statistische Bundesamt normalerweise erst im Herbst 2021. Klarer sehen wird man also erst nächstes Jahr. 

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Wie die geschätzte Mortalität vom RKI ermittelt wird, ist hier oder hier nachzulesen:

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Vom RKI erfasste Todesfälle mit Influenza gemäß IfSG in Deutschland 2017/18

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