SZ +
Merken

Die Wahrheitssucherin

Eine Neustädter Kalligrafin schreibt lebhaft durcheinander. Zuletzt hat sie die Ausstellung „Frühling im Palais“ mitgestaltet.

Teilen
Folgen

Von Ulrike Kirsten

Es ist nicht die Eleganz der perfekt geschriebenen Buchstaben, die Marí Emily Bohley beim Schreiben antreibt. „Mich interessiert die Qualität einer Linie. Das ist wie im Leben, in dem nicht nur schöne, sondern auch traurige und unschöne Sachen passieren“, sagt die Kalligrafin, die Nichte der Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley. Die Künstlerin schreckt nicht davor zurück, mit Feder und Tinte Worte lebhaft auf Papier zu abstrahieren. „Bei der Kunst zählt für mich in erster Linie nicht die oberflächliche Schönheit“, sagt die 41-Jährige und zitiert Augustinus. „Das Schöne ist der Glanz des Wahren. Echt ist, was authentisch ist.“ Einige ihrer Werke sind noch bis Sonntag in der Ausstellung „Dresdner Frühling im Palais“ zu sehen. Die gebürtige Hallenserin hat die bedeutende Frühlingsblumenschau mitgestaltet, die sich dem Kreislauf des Lebens widmet. Kuratorin Bea Berthold wollte dabei Schrift, Dichtkunst und Blumen zusammenzubringen. Marí Emily Bohley hat dazu Gedichte auf meterlange Schriftbahnen gebracht, über das Wachsen, Erblühen und Vergehen. Wie buntes Herbstlaub auf der Erde wirbelt, kullern die Buchstaben aus Nussbaumtinte über das Papier und formieren sich zu einem Gedicht des chilenischen Dichters Pablo Neruda. „Leben die Blätter im Winter heimlich bei den Wurzeln?“ fragt das Banner die Ausstellungsgäste. Es hängt im Eingangsbereich der Ausstellung. Bohley, die in der Kunsthofpassage ein Atelier hat, will mit ihrer Schriftkunst nicht nur an der Oberfläche kratzen. „Manchmal muss man alles loslassen, um zu etwas neuem zu gelangen.“ In Dresden ist Marí Emily Bohley die einzige studierte Kalligrafin. „Mich fasziniert an der Schriftkunst vor allem auch ihre lange zurückreichende Geschichte“, sagt Bohley, die demnächst gemeinsam mit anderen Schriftkünstlern auf Wanderschaft für ein Projekt durch Italien geht. „Es gibt nur wenige Leute weltweit, die beruflich als Kalligrafen arbeiten. Sich zu vernetzen, ist deshalb besonders wichtig.“

Regelmäßig bietet Marí Emily Bohley Schrift- und Buchbindekurse an. Ihre Besucher kommen dafür sogar aus Nord- und Süddeutschland. „Viele verbinden damit Erinnerungen an die eigene Vergangenheit oder wollten Kalligrafie schon immer ausprobieren“, sagt Bohley über ihre Kunden. Ihr selbst geht es nicht darum zu beeindrucken. „Das Schönste ist, wenn es mir gelingt, die Leute zu berühren.“

„Frühling im Palais“ im Großen Garten noch bis Sonntag, täglich von 9 bis 20 Uhr, Eintritt acht, ermäßigt sechs Euro. www.mari-emily-bohley.de