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Die Wasseruhr läuft rückwärts

Es sind im wahrsten Sinne des Wortes Geschichten, die das Leben schreibt, die Kontrolleure des Eigenbetriebs Wasser/Abwasser bei ihren Hausbesuchen zu hören bekommen. Besonders dann, wenn die Plombe an der Uhr schon fehlt.

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Von Torsten Oelsner

Die ganze Anlage war ausgefeilt und raffiniert wie eine liebevoll gestaltete Modelleisenbahn. Vor der Wasseruhr zweigte ein separater Hahn ab. Die Verbindung mit dem übrigen Wassernetz sicherte ein Schlauch, der im Bedarfsfall schnell und ohne Spuren zu entfernen war. Womit die kreativen Wassersparer allerdings nicht gerechnet hatten, war der menschliche Faktor. „Es gab da eine Havarie und die Frau des Hauseigentümers rief uns zu Hilfe“, erinnert sich Jörg Morgenstern, der Leiter des Coswiger Betriebes für Wasser und Abwasser (Ewac), an seinen bisher „interessantesten Fall“, der allerdings schon einige Jahre zurückliege.

Als seine Leute damals der Dame zu Hilfe eilten, staunten sie nicht schlecht über das klempnerische Meisterstück. „Da waren eindeutig Profis am Werk“, sagen Morgenstern und sein Kollege Ralf Baar noch heute anerkennend. „Ihr Pech war, dass sie die Frau nicht eingeweiht hatten.“ Bei der turnusmäßigen Ablesung der Wasseruhren im September wäre die Sparvorrichtung einfach entfernt worden, die Ableser hätten nie etwas gemerkt. „Das Ganze endete vor Gericht mit einer Geldstrafe um die tausend Mark“, erinnert sich Morgenstern.

Einen Verlust von über 15 000 Euro bescheren dem Coswiger Eigenbetrieb Wasserbetrüger jährlich. Bei den rund 3 400 Kunden versuche etwa knapp ein Prozent, an der Wasseruhr zu manipulieren.

„Wie hoch die Dunkelziffer ist können wir schwer schätzen“, sagt Morgenstern. Eine größere Abschreckung erhoffen sich die Wasserwirtschaftler jetzt mit den jüngst im Stadtrat verschärften Geldbußen im Falle des Betruges. Mit dem fünffachen Entgelt des Jahresverbrauches wollen die Coswiger künftig den bestrafen, dem eine Manipulation an der Wasseruhr nachgewiesen werden kann.

Im Einzelfall ist das schwierig. „Prinzipiell ist es erstmal gar keiner gewesen“, sagt Ralf Baar, der in seiner Praxis aus Netztechniker beim Eigenbetrieb inzwischen ein Gefühl dafür entwickelt hat, ob ihm jetzt eine Ausrede aufgetischt wird oder es wirklich nur ein Versehen war, wenn etwa die Plombe an der Uhr ab ist. „Das kann schon mal passieren, aber dann rufen die Leute uns gleich an“, sagt Baar. Generell seien der Phantasie offenbar keine Grenzen gesetzt, wenn es darum gehe, illegal Wasser abzuzweigen. „An den Gaszähler traut sich keiner ran, da könnte ja was passieren, beim Wasser riskiert man höchsten einen nassen Keller“, sagt Baar. Es sind die unglaublichsten Geschichten, die erzählt werden, wenn er jemanden ertappt hat. So erst unlängst bei einem Coswiger, dessen Zählwerk in der Uhr völlig verformt war. „Ihr habt heißes Wasser durchgeschickt“, hätte der Besitzer Baar vorgehalten. Es handelte sich um den Hausanschluss, der vom Hochbehälter in Weinböhla gespeist wird. Das Wasser ist selbst im Hochsommer selten über zehn Grad warm. „Der hat wahrscheinlich im Winter versucht, die eingefrorene Uhr mit einem Schweißgerät aufzutauen und dabei zu viel Strom angelegt“, vermutet Baar. Obwohl Morgenstern und er noch heute darüber lachen können, ärgert sie die „Dummdreistheit“, mit der manche vorgehen würden. Der simpelste Trick sei noch, die Uhr auszubauen und herumzudrehen. Das mechanische Zählwerk läuft dann rückwärts. Mit jedem abgenommenen Kubikmeter minimiert sich also die Rechnung.

Man muss dabei allerdings aufpassen, dass am Jahresende nicht ein Plus-Betrag herauskommt, der vom Eigenbetrieb an den Wasserkunden zu überweisen wäre. „Aber da passen die schon auf“, sagt Morgenstern. Stutzig werden seine Leute auch, wenn die Verbräuche plötzlich dramatisch nach unten gehen. Mit entsprechend offensivem Auftreten werden die Verdächtigen mit diesen Fakten konfrontiert.

Wer allerdings abgebrüht ist und die Nerven bewahrt, bei dem müssen die Kontrolleure im Verdachtsfall ein umständliches Gerichtsverfahren in Gang setzen. Keine Angst braucht aber zu haben, wer wirklich aus Versehen mal an die Uhr gekommen ist und dabei etwa die Plombenschnur beschädigt hat, so Morgenstern. „So etwas wieder zu reparieren, bleibt im 50-Euro-Bereich und erspart wirklich viele Scherereien.“