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Die Weinlese beginnt

Trockenheit, Spätfröste und Hagel machen dieses Jahr den Radebeuler Winzern zu schaffen. Sie erwarten einen geringeren Ertrag als in den Vorjahren.

Stefanie Weichelt, Auszubildende zur Winzerin, erntet vor dem Gutsmarkt von Schloss Wackerbarth Weintrauben der frühreifen Rebsorte Solaris. Aus den Solaris-Trauben stellen die Kellermeister Federweißer her, der bereits am kommenden Wochenende zu den Ta
Stefanie Weichelt, Auszubildende zur Winzerin, erntet vor dem Gutsmarkt von Schloss Wackerbarth Weintrauben der frühreifen Rebsorte Solaris. Aus den Solaris-Trauben stellen die Kellermeister Federweißer her, der bereits am kommenden Wochenende zu den Ta © Arvid Müller

Radebeul. Als „herausfordernd“ charakterisieren Radebeuler Winzer das diesjährige Weinjahr. Damit meinen sie nicht nur die Corona-Krise, die es mit ihren wirtschaftlichen Folgen zu meistern gilt, sondern insbesondere das Wetter. Schaltjahre seien von der Witterung her schwierige Jahre. „Das besagt schon eine alte Bauernweisheit“, meint Till Neumeister, Weinbauleiter von Schloss Wackerbarth. Auf dieses Jahr treffe die Bauernregel besonders zu.

Am Montag hat auf dem Staatsweingut die Weinlese begonnen. Eine Woche später als im vorigen Jahr, jedoch immer noch eine Woche früher als im langjährigen Mittel, ernten die Winzer auf der barocken Anlage die frühe Sorte Solaris. Am Mittwoch geht es mit der Ernte dieser Trauben auf der Anbaufläche in Weinböhla weiter. 

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Es folgt in der kommenden Woche die Lese von Goldriesling und Frühburgunder. Insgesamt 15 Rebsorten baut das Weingut auf seiner 92 Hektar großen Rebfläche an, die sich auf Lagen zwischen der Lößnitzstadt und Diesbar-Seußlitz verteilt. Die letzten Trauben werden Ende Oktober geerntet. Es handelt sich um Riesling und Traminer für die Spät- beziehungsweise Ausleseeditionen der Toplagen Wackerbarthberg und Goldener Wagen.

„Schaltjahr ist Kaltjahr“ lautet die Bauernregel, die Neumeister meint. Ursprünglich hat das Weinjahr ganz gegensätzlich zu dem Spruch begonnen. „Der Winter war mild“, berichtet der Chefwinzer des Staatsweinguts. Das führte zu einen frühen Austrieb der Knospen Anfang April. Doch dann kamen Spätfröste noch im selben Monat sowie zu den Eisheiligen im Mai. „An sieben Nächten mussten wir kleine kontrollierte Feuer in den Weinbergen entfachen“, berichtet Neumeister, um größere Forstschäden zu verhindern. Es folgte wie bereits in den Vorjahren erneut ein sehr trockenes Frühjahr. Ende Juli und im August waren einige Anlagen von lokalen Unwettern mit Hagel und Starkniederschlägen betroffen.

„Auf diese Herausforderungen müssen wir mit einer gezielten, bedarfsorientierten Bewirtschaftung unserer Weinberge reagieren“, so Neumeister. Das macht zusätzliche Arbeitsgänge erforderlich. So bewässerten die Wackerbarth-Winzer Rebstöcke in den Steillagen und Junganlagen. Sie passten außerdem die Bodenbearbeitung individuell an. Zudem war eine aufwendigere Pflege der Laubwand erforderlich. Wie viele Blätter Neumeister und sein Team von den Trieben entfernten oder dranließen, machten sie abhängig vom Standort und dessen jeweiligem Mikroklima sowie der Rebsorte. „Dank dieser Maßnahmen präsentieren sich unsere Trauben Stand heute in einem guten, gesunden Zustand“, sagt Neumeister. Rund 40 Mitarbeiter stehen ihm bei Weinbergspflege sowie Weinernte zur Seite.

Entscheidend für die Qualität und Quantität des Jahrgangs 2020 werden die kommenden Wochen sein. Denn während die Trauben ihre Aromareife entwickeln, kann in den Weinbergen noch viel passieren. Ein nasser September mit langanhaltendem Regen oder Nachtfrösten wäre katastrophal. „Sollte die Natur uns jedoch gewogen sein und mit einem goldenen Herbst beschenken, dann gehen wir von einem qualitativ guten Jahrgang aus“, sagt der Weinbauleiter. Wegen der Witterungsextreme im bisherigen Jahresverlauf rechnet Neumeister jedoch mit einem geringeren Ertrag als in den Vorjahren.

Eine Prognose, um wie viel die Erntemenge gegenüber 2019 geringer ausfallen wird, möchte Neumeister noch nicht wagen. Im vorigen Jahr haben die Winzer von Schloss Wackerbarth rund 700 Tonnen Trauben gelesen. „Das war ein sehr gutes Ergebnis“, informiert Wackerbarth-Sprecher Martin Junge. Im rund 500 Hektar großen Weinanbaugebiet Sachsen landeten 2019 insgesamt rund 25.609 Hektoliter (2018: 25.519) in den Fässern der 37 Weingüter im Haupterwerb, 41 im Nebenerwerb sowie 1.784 Kleinwinzer. Das entsprach laut Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie einem Ertrag von rund 51 Hektoliter je Hektar.

Zwischen 15 bis 30 Prozent schätzt Felix Hößelbarth, Weinbauleiter und Kellermeister der Hoflößnitz, den Ertragsverlust für das gesamte sächsische Anbaugebiet in diesem Jahr im Vergleich zum langjährigen Mittel. Von dem heftigen Gewitterguss am 10. August, der zu Geröll- und Schlammlawinen im Stadtgebiet führte, waren auch Rebflächen des städtischen Weingutes betroffen, so zum Beispiel der Weinberg Friedensburg. Doch schwerer als Hagelschäden wirkt sich in diesem Weinjahr die anhaltende Dürre auf den Ernteertrag aus. „Es ist das dritte Jahr in Folge mit zu wenig Regen“, sagt Hößelbarth. Die Böden sind weit in die Tiefe ausgetrocknet. Und diese Trockenheit können die jüngsten Niederschläge im August nicht ausgleichen. Zudem haben die Spätfröste zu Verlusten geführt.

„2020 ist ein spezielles Jahr“, meint Hößelbarth. Denn in einem Weinberg muss der Winzer dieses Mal mehrmals lesen. Bei den Nächten mit Minusgraden im Frühjahr waren an einigen Stöcken die ersten Triebspitzen erfroren, an anderen nicht. Die Weinstöcke mit Frostschäden bildeten zwar neue Triebe aus, jedoch hängen die Trauben daran nun einige Wochen bezüglich der Reife hinterher. Die Winzer der Hoflößnitz beginnen kommende Woche mit der Ernte. Auch sie schneiden zuerst die Trauben der pilzwiderstandsfähigen Sorte Solaris vom Rebstock.

In der ersten Septemberwoche startet auch Winzer Karl Friedrich Aust mit der Lese. Der heftige Hagelschauer von vor zwei Wochen sorgt für rund fünf Prozent Ernteausfall bei ihm. Weitere 20 Prozent seiner Anlagen haben unter den Spätfrösten gelitten. Dies wiederum führt auf diesen Flächen zu 20 Prozent Ernteausfall im Vergleich zum Vorjahr.

Auch Aust macht die nun schon über Jahre andauernde Trockenheit zu schaffen. „Die Böden sind ausgezehrt“, sagt der Weinbauer vom gleichnamigen Weingut. Zudem ließ die Corona-Pandemie den Weinabsatz zurückgehen. Weil Restaurants während des Lockdowns von Mitte März bis Mitte Mai geschlossen bleiben mussten, haben sie weniger Flaschen abgenommen. Zudem war kein Ausschank im eigenen Gut möglich.

Aust entschloss sich für einige Umstrukturierungen. Speisen und Getränke lässt er seit der Aufhebung der Ausgangsbeschränkungen auf der Hofwiese, die sonst nur den Hoffesten vorbehalten ist, servieren. Des Weiteren rodete er rund einen halben Hektar seiner insgesamt 6,5 Hektar großen Anbaufläche. Im nächsten Frühjahr rebt er sie neu auf und pflanzt unter anderem Scheurebe. Diese Rebsorte eigne sich gut zur Sektherstellung, so Aust.

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