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Die Welt der bunten Garne

Heidi Schäfer liebt ihre Nähmaschine, Sonja Schulz begeistert sich für Stricknadeln. Zusammen sind die Schwestern richtige Trendsetter.

© Uwe Soeder

Von Miriam Schönbach

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Im Universum der bunten Garne drehen sich die Uhren etwas langsamer. Ohne Hast fädelt Heidi Schäfer den dunkelblauen Faden in die Mini-Öse im Nähfuß. Geduldig lässt ihre Schwester Sonja Schulz währenddessen die Stricknadeln klappern. Aus kunterbunter Wolle entstehen Kuschelsocken. Nur eine fehlt heute Abend aufgrund des Winterwetters. Die Dreier-Handarbeits-Runde unterm Dach in Sdier komplettiert ansonsten noch die Cousine mit ihren Häkelnadeln. Die drei Omas, so nennen sie sich wirklich, sind mit ihren Kreationen im Freizeitglück – und ein bisschen auch Trendsetter.

Denn Handarbeiten erleben derzeit eine regelrechte Renaissance. Es gibt Häkelkurse auf dem Video-Kanal Youtube, die Nachfrage nach Nähkursen steigt. Freundinnen treffen sich zum Kaffee wieder mit ihren Stricknadeln. In Amerika nennt man Stricken auch das neue Yoga. Das rhythmische Klappern der Nadeln wirke beruhigend und senke den Blutdruck, stellten Mediziner in den USA in einer Studie fest. Selbst Hollywood-Größen wie Julia Roberts, Madonna oder Catherine Zeta-Jones frönen in den Drehpausen dieser Leidenschaft. Der Glamour ist hier aber weit weg. Heidi Schäfer flucht erst einmal.

Füchse sind die neuen Eulen

Sie hat allen Grund. Bei den ersten Stichen mit der Nähmaschine ist der Faden gerissen. Die 52-Jährige schiebt ihre rote Brille tiefer auf die Nase und wiederholt das Einfädelprozedere. Dann rattert die Nähmaschine über den weißen Stoff mit den roten Füchsen. Eine Babydecke in Fuchsform entsteht hier für den nächsten Kreativmarkt. „Die Füchse sind in diesem Jahr die neuen Eulen, bei den Mode- genauso wie bei den Einrichtungstrends“, sagt die leidenschaftliche Näherin. Von einem Mützenständer holt sie jeweils eine Kopfbedeckung in Form des Waldkauzes sowie des listigen Meisters Reinecke.

Dann wendet sich Heidi Schäfer plaudernd wieder ihrer Babydecke zu. Sonja Schulz dreht schweigend ihre Strick-Runde. Ab und zu huscht ein Lächeln über das Gesicht. Sobald die Nähmaschine ihren wohligen Klang von sich gibt, setzt ihre Schwester mit den „Weißt-du-noch-Erzählungen“ an. Mit vier weiteren Geschwistern sind die zwei in Briesing auf einem kleinen Bauernhof groß geworden. Die Mutter kümmert sich um Hof, Haus und Garten. Schon vor dem Aufstehen ihrer Kinder geht sie früh in den Stall. Trotzdem vergisst sie keinen Morgen, ihren Liebsten neben die Mehlsuppe eine winzige, süße Überraschung zu legen. Das ist eine solche „Weißt-du-noch-Geschichte“.

Gestreift, geblümelt, gepunktet

Bei den Ohren der Fuchsdecke muss sich Heidi Schäfer konzentrieren und schweigt einen Augenblick. Das Klappern der Nadeln sucht sich nun seinen Platz auf den gut 30 Quadratmetern. An den Wänden stehen Regale mit bunt gestreiften, bunt geblümten, bunt gepunkteten Stoffen. Die vielen Farben vertreiben ganz schnell den Trübsinn. In den Schubladen finden sich Knöpfe in allen Größen, Farben und Materialien. Das Bügeleisen auf dem Bügelbrett wartet auf seinen Einsatz. Mindestens 100 Nähgarne in unterschiedlichsten Schattierungen zwischen hellgelb, orange, rosa, rot, grün und blau stecken übersichtlich auf kleinen Stäbchen an der Wand. Nähzeitschriften liegen griffbereit.

Die neuen Trends müssen jetzt erst einmal warten. Die versierte „Do-it-your-self“-Oma hockt sich auf den Fußboden und streicht ein paar Unebenheiten aus dem Fuchsstoff. „Das muss alles glatt sein, sonst sind ja später Falten in der Decke“, sagt sie. In ihren Kindertagen wären ihr diese Handgriffe fremd gewesen. Viel lieber stromert sie durch die Wälder und Wiesen rund um den Bauernhof. Ihre Schwester dagegen beginnt schon früh mit Handarbeiten. Die Mutter bringt ihr das Einmaleins der Wolle bei. Mit einem Schal und ein paar Puppensachen startet die Zehnjährige ihre ersten Versuche.

Für die Enkeltochter

Die 57-Jährige holt die zweite, schon fertige Socke hervor und legt beide Exemplare prüfend übereinander. „Das wird die Größe 37 für meine Enkeltochter“, sagt sie. Mit verschiedenen Handarbeiten verdient die gelernte Zerspanerin in der DDR zeitweise ihr Geld. Im Heimarbeit näht sie in den 1970er-Jahren im Auftrag der VEB „Konfektion“ Großröhrsdorf die bekannten kurzen Turnhosen, später steckt sie für den VEB „Kunstblume“ in Sebnitz Mainelken zusammen. Nach der Wende absolviert die begeisterte Strickerin eine Ausbildung zur Bankkauffrau.

Heidi Schäfer hat den Fuchsstoff gezähmt und lässt die Nähmaschine rattern. Ihre Leidenschaft für das Nähen entflammt mit einem Berufswechsel. Vor elf Jahren entschließt sich die ausgebildete Zahnarzthelferin, sich als Tagesmutter selbstständig zu machen. „Damals vergaßen die Kleinen manchmal Mütze oder Schal, da habe ich ihnen die Sachen genäht“, sagt sie schmunzelnd. Zuerst zweifelt sie sogar selbst an dieser Aktion. Aber die Eltern finden die kunterbunte Garderobe nur cool. Bald spricht sich herum, dass Oma Heidi mehr kann, als Steppkes wunderbar zu betreuen.

Ansteckender Virus

Die Zeit ist damals günstig. Die Selbstmachwelle ergreift gerade von den USA aus Europa und auch Sdier. Stricken, Nähen, Handarbeiten ist nun nicht mehr nur für Omas. Oder eben doch. Oma Heidi und Oma Sonja sind ja der beste Beweis dafür. Ganz langsam erweitert Heidi Schäfer ihr Handarbeitsprogramm, beliest sich, schafft sich Nähmaschinen an und steckt Schwester und Cousine mit dem Virus an. Auch Nähkurse bieten sie an. Seit zwei Jahren gehen sie außerdem mit eigenen Kreationen auf Märkte der Region. Apropos Markt: Wie der Branchenverband „Initiative Handarbeit“ mitteilt, geben die Deutschen jährlich gut eine Milliarde Euro für Strickgarn, Stoffe und Zubehör aus.

Die erste Fuchsdecke ist fertig. Den Socken fehlt nur noch die Spitze. „Jetzt muss ich abnehmen“, sagt Sonja Schulz. Ihre Schwester hockt dagegen schon wieder auf dem Fußboden und befestigt mit langen gelbköpfigen Stecknadeln den warmen Vliesstoff an der zweiten Babydecke. Ihre Handgriffe spickt sie mit einer „Weißt-du-noch-Geschichte“ von anno dazumal. Im Universum der bunten Garne drehen sich die Uhren nämlich nicht nur langsamer, sondern eben zuweilen auch zurück.

Anmeldungen für die Nähkurse unter 035934 66044,

Weitere Infos unter www.omaheidiskreativecke.de

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