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„Die Welt ist nicht zu retten“

Reinhold Messner wünscht sich, dass Verzicht ein positiver Wert wird. Er handelte als Bergsteiger danach und hadert doch. Ein Interview.

Mit 75 konzentriert sich Reinhold Messner aufs Filmen. Zu den Sachsen hat er eine besondere Beziehung.
Mit 75 konzentriert sich Reinhold Messner aufs Filmen. Zu den Sachsen hat er eine besondere Beziehung. © Frank Rumpenhorst/dpa

In seinem siebenten Leben sieht sich Reinhold Messner. Nach Karrieren als Felskletterer, Höhenbergsteiger, Grenzgänger in Polarregionen und Wüsten, Forscher, Politiker sowie Museumsgründer sieht sich der 75-Jährige nun als „Storyteller und Bewahrer der letzten nicht urbanisierten Räume dieser Erde“. Welche Geschichten ihm dabei am Herzen liegen, warum er den Glauben an die Vernunft der Menschheit verlor, was sein neuer Vortrag auch in Dresden bieten wird – das erzählt der Südtiroler im Interview mit der Sächsische.de.

Herr Messner, tut es weh, wenn Sie sehen, was sich am Mount Everest abspielt, dass sich am Gipfel Warteschlangen bilden?

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Vom 30. Oktober bis 22. November wird's köstlich: Bei den Kulinarischen Wochen in der Sächsischen Schweiz stehen regionale Spezialitäten auf der Karte.

Nein, warum sollte mir das wehtun? Ich beklage das seit 30 Jahren. Da hieß es noch in den Medien: „Der Messner gönnt den anderen den Aufstieg nicht.“ Diese Einwicklung war vorauszusehen. Mit Alpinismus hat das nichts zu tun, das ist nicht meine Welt, mein Anliegen. Das ist Tourismus. Am Berg wird eine Piste gebaut und die Leute glauben, sie hätten den Everest bestiegen, wenn sie mit drei Sherpas, einem Arzt und Bergführer, der alles organisiert, auf den Gipfel gebracht werden. Das ist legitim, man kann es nicht verbieten. Aber niemand zwingt einen, so auf den Everest zu steigen.

Der Massenauflauf am Everest wirkt wie ein Sinnbild für vieles, was falsch läuft auf der Erde. Ist die Welt noch zu retten?

Nein. Die Welt ist nicht zu retten. Das hängt auch damit zusammen, dass alle davon reden, wie man sein sollte, wie man sich verhalten sollte. Aber kaum jemand ändert sein Leben. Es ändert sich nur etwas, wenn wir den Verzicht an die Stelle des Konsums stellen. Selbstverständlich dürfen alle konsumieren. Die Politik will das ja, so regen wir den Handel an, steigern das Bruttosozialprodukt. Keine Regierung möchte mit negativen Zahlen arbeiten, alle wollen Zuwächse, Gewinne. Aber es kann nicht automatisch so weitergehen. Wir sind zu viele auf dieser Welt, die Ressourcen sind begrenzt. Es ist logisch, dass dieses System ins Chaos führt.

Sind Sie nun ein Systemkritiker?

Ich sage nicht, dass der Kapitalismus schuld ist. Es ist eine Haltung des Einzelnen, der kann Kapitalist oder Kommunist sein, das ist völlig wurscht. Es geht darum, zu erkennen: Wir dürfen uns nur das Allernotwendigste selber nehmen, solange wir leben. Der Verzicht muss ein positiver Wert werden. Ich habe diesen Verzichts-Alpinismus erfunden und gesagt, dass sich das nur weiterentwickeln kann, wenn wir reduzieren – bei der Ausrüstung, weniger Hilfen, keine Sherpas, kein künstlicher Sauerstoff, keine Bohrhaken. Das predige ich völlig umsonst seit 50 Jahren. Genau das Gegenteil hat sich durchgesetzt. Dort, wo die beste Infrastruktur ist, da sind die meisten Leute. Da wird aber auch nicht vorbildlich mit der Natur umgegangen.

Ein Plädoyer für Verzicht setzt Vernunft voraus, die zur Einsicht führt.

Die fehlt. Das Klimabündnis von Paris ist wieder auseinandergefallen. Trump behauptet, es gibt keine Klimaerwärmung, wir sollen nur weiter alle möglichst viel konsumieren und von dieser Erde nehmen. Das ist Mainstream in der Politik, zumindest in Amerika. In Europa versucht man, ein Gegengewicht aufzubauen, aber konkrete Antworten habe ich bisher vermisst.

Fühlen Sie sich wie ein Rufer in der Wüste?

Nur, was das Bergsteigen angeht. So allgemein will ich mich da nicht einmischen. Ich finde andererseits auch Hysterie übertrieben, die Greta jetzt ausgelöst hat. Wir brauchen den sachlichen Verstand von Wissenschaftlern und Technikern. Dann müssen die Politiker Rahmenbedingungen schaffen. Aber vor allem muss der Einzelne kapieren, dass es an jedem hängt, weniger zu verbrauchen und von diesem „immer mehr, immer schneller, immer weiter“ wegzukommen.

Was wollen Sie in der Bergsteiger-Szene bewegen?

Für den Alpinismus sehe ich mich mitverantwortlich und erzähle in meinen Museen, Büchern und Vorträgen mehr oder weniger, was traditioneller Alpinismus ist. Der ist eine saubere Art des Umgangs mit der Natur. Der geht nur mit seinen Kräften ohne viel Technologie, ohne Hilfen dorthin, wo die anderen nicht sind. Da sind dann auch keine Massen. Er tut genau das Gegenteil von dem, was am Everest passiert.

Haben Sie mit Ihren Expeditionen nicht Nacheiferer herausgefordert?

Ich habe doch genau das Gegenteil gemacht und bin ganz alleine auf den Everest gestiegen, also beim zweiten Mal. Bei der ersten Besteigung ohne künstlichen Sauerstoff waren wir wenige Leute, haben alles selber gemacht. Da gab es keine von den Sherpas gebaute Piste, da ging keiner voraus. Dann habe ich es auch noch erklärt, warum ich so agiere. Wenn die Leute wirklich nachmachen würden, was ich getan habe, was ich in meinen Büchern schreibe und in Vorträgen erzähle, dann würde es solche Massenaufstiege nie geben. Dann wäre am Everest aller zehn Jahre jemand am Gipfel, die meisten würden es sich nicht trauen.

Der Drang in die Natur nimmt zu, und die Opferzahlen steigen. Allein in Österreichs Alpen gab es von Mai bis September 85 Tote beim Bergwandern, 15 Todesopfer beim Klettern.

Die Leute fallen inzwischen nicht mehr so häufig von den Wänden runter, sondern beim Wandern. Es sind weniger Alpinisten in den Alpen, die wirklich Bergsteigen. Aber es sind viel, viel mehr Wanderer unterwegs als früher. Und das ist gut, denn die gehen ja nur dorthin, wo sie eigentlich nichts kaputt machen können. Aber sie sind häufig der Sache nicht gewachsen, überschätzen sich, es gibt Herzinfarkte, Stolperer. Das sind inzwischen die Haupt-Unfallursachen.

Sehen Sie eine Chance, diese Opferzahlen zu senken?

Die meisten retten Hubschrauber. Wenn die nicht fliegen würden, gäbe es noch mehr Opfer, dann würde das ganze vielleicht auch verboten. Sie müssen den Leuten auch die Freiheit geben, sich umzubringen. Ich weiß, das klingt zynisch. Bergsteigen und Wandern ist mit Gefahren verbunden. Es kann Wetterstürze geben, Blitze, jeder Mensch ist fehlerhaft. Wenn man älter wird, sollte man sich zurücknehmen. Deshalb steige ich auch nicht mehr auf die höchsten Berge.

Sie waren im Sommer in der Nanga-Parbat-Region. Hat sich Ihr Verhältnis zum Berg verändert?

Ich war dort, um Filmarbeiten zu machen und habe nach den Schulen geschaut. Die hatte ich dort bauen lassen aus Dankbarkeit an die Rettung 1970. Diese Geschichte wird nächstes Jahr in meinem Vortrag wieder auftauchen.

Haben Sie inzwischen Ihren Frieden gemacht mit dem Nanga Parbat?

Ich hatte mit dem Berg nie einen Zwist. Der Berg ist absichtslos, der kann nichts dafür, der hat mir nichts Böses gewollt. Damals passierte ein Unfall, mein Bruder ist gestorben, ich beinahe. Und dann wurde die Geschichte – weil ich keine Erlaubnis hatte sie so zu erzählen, wie sie war – von Dritten, vom Expeditionsleiter, völlig verfälscht. Warum, weiß ich bis heute nicht. Es wurde ein Skandal daraus gemacht. Mit dem Fund der Leiche meines Bruders wurde ja alles aufgeklärt. Trotzdem kam keine Entschuldigung von den großen Zeitungen, die vorher versucht hatten, mir Absicht beim Tod meines Bruders nachzusagen. Das war eine schlimme Rufmordkampagne. Ich habe mit dem Umstand meinen Frieden gefunden, mit dem Nanga Parbat war ich nie im Clinch. Der Berg ist nur da. Ich habe kein Problem, die Fehler, die wir damals gemacht haben, auch zuzugeben.

Ihr neuer Vortrag trägt den Titel Schicksalsberg. Was werden Sie neu erzählen?

Diese Geschichte vor gut 50 Jahren ist immer noch die schwierigste, die ich erlebt und überlebt habe. Erst durch den Fund der Leiche, durch die Feuerbestattung, durch den Besuch der Familie am Nanga Parbat wurde vielen klar, was das ganze bedeutet hat. Ich hatte nach dem Tod meines Bruders noch sieben Geschwister, hatte Eltern, als die Tragödie als Skandal in die Öffentlichkeit kam. Auch in diesem Zusammenhang war diese Kampagne, die vor allem in Alpenvereinskreisen geschürt wurde, unverantwortlich. Ich bin mir sicher, dass jeder andere daran zerbrochen wäre. Aber ich wusste, was passiert war, dass früher oder später mein Bruder gefunden wird und die anderen der Kolportage oder Lüge überführt sind. Aber das ist nicht das Thema meines Vortrages.

Was dann?

Ich erzähle die Fakten, wie es war. Das ist eine irre Geschichte, wie wir die höchste Wand der Welt durchsteigen, dann kommt mir mein Bruder nachgeklettert, wir steigen trotzdem bis zum Gipfel, kommen in eine Notlage, steigen über die Gegenseite ab, um überhaupt runterzukommen, sonst wäre ich immer noch da oben mit meinem Bruder als zu Eis gefrorene Leiche. Es gab für uns nur diesen einen Weg zurück. Wenn wir es nicht gewagt hätten, wären wir gestorben. Es war eine Frage von Stunden.

Sie kommen nicht das erste Mal nach Dresden. Haben Sie ein besonderes Verhältnis zu den Sachsen?

Meine Sachsen sind vom Alpinismus nicht wegzudenken. Ich bin in jungen Jahren nicht nur wegen der Sachsenklemme mit ihnen in Kontakt gekommen, dem historischen Ereignis aus der Napoleonzeit, das ist vergessen und verziehen. Aber die ganze Klettergeschichte ist geprägt von Sachsen, vom Elbsandsteingebirge. Vor dem 1. Weltkrieg bestieg Oscar Schuster im Kaukasus zum Beispiel den Uschba, der mal als schwierigster Berg der Welt galt. Was sächsische Bergsteiger schon damals geleistet haben, das ist großartig, auch in den Jahrzehnten danach. Die Sachsen hatten weltweit wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung des Felskletterns.

Sie sind jetzt 75 und sprechen von Ihrem siebenten Leben, das Sie führen.

Ja, mich beschäftigt zur Zeit die Filmerei. Ich habe noch ein paar Ideen. Aber allzu lange werde ich das nicht mehr machen, werde vielleicht noch ein achtes Leben versuchen. Die Filmerei ist eine komplexe Angelegenheit, gegen die ich nichts habe. Aber im Hintergrund wird da sehr viel gemauschelt. Das ist nicht meine Art. Ich bin gewohnt, meine Sachen zu machen, sie nicht verfälschen zu lassen von Außenstehenden und an die Öffentlichkeit zu bringen.

Wie gehen Sie mit dem Alter um?

Noch entscheide ich über alles: Wo wohne ich? Mit wem wohne ich? Was tue ich? Ich bin gesund, mir geht es sehr gut – für mein Alter und für das, was meine Knie, meine Zehen, die zum Teil weg sind, mein Herz, meine Lungen ausgehalten haben. Die Möglichkeit, dass ich krank werde, ist gegeben. Demenz trifft inzwischen sehr viele, wenn wir sehr alt werden. Ich hoffe, dass es mich nicht trifft. Ich werde so lange, wie es geht, ein selbstbestimmtes Leben führen, auch wirtschaftlich.

Aber nicht alles hat man in der Hand. Ein Magazin meldete, dass sich Ihre Frau in diesem Sommer von Ihnen getrennt habe. Stimmt das?

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Das war schon vor bald zwei Jahren, wurde aber erst im Zusammenhang mit meinem 75. Geburtstag bekannt. Es ist eine Tatsache, auch damit habe ich gelernt, umzugehen. Wenn ich das nicht kann, wer dann? Es trifft Millionen von Männern oder Frauen, die auseinandergehen. Meine Frau hat sich entschieden, sie will das nicht mehr. Unter dieser Konstellation habe ich die Konsequenzen gezogen und bin ausgezogen, habe mir eine neue Bleibe gesucht, bin jetzt wieder völlig zufrieden und im Gleichgewicht.

Messner-Auftritte 2020: Dresden 15./16. Januar (ausverkauft/Restkarten an der Abendkasse), Leipzig 20.11., Chemnitz 24.11., Cottbus 25.11. Internet: messner-live.de

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