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Die Welt spiegelt sich im Auge

August-Bebel-Straße. Heute hat Augenärztin Hella Kretschmar ihre letzte Sprechstunde.

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Von Christoph Scharf

„Ich komme mir vor wie im Blumenladen.“ Gerührt betrachtet Hella Kretschmar ihr Behandlungszimmer. Überall stehen Blumensträuße, auf Schreibtisch, Schrankwand und Fensterbrett. Selbst der Fußboden ist mit Vasen bedeckt. Rot, gelb und weiß leuchten Rosen, Margeriten und Orchideen, im Regal stapeln sich Geschenke der Patienten. Die Augenärztin ist wehmütig. Denn heute ist für die 63-Jährige der letzte Arbeitstag. „Ach, der Ruhestand wird ganz komisch für mich. Ich hab immer so viel gearbeitet.“ Doch mittlerweile lässt die Kraft ein wenig nach. „Aber es war eine wunderschöne Zeit.“ Sowohl an den Dienst in der Poliklinik als auch an die 13 Jahre in der eigenen Praxis auf der August-Bebel-Straße denkt die Ärztin gern zurück. „Ich hatte immer ein enges Verhältnis zu den Patienten.“ Von einem Ehepaar hat sie zum Abschied eine „Ehrenurkunde“ gebastelt bekommen - weil sie vier Generationen der Familie behandelte. Manche brachten gar Hund und Katze mit zur Frau Doktor, damit sie in deren Augen schaut.

„Das schönste Erlebnis für mich ist, wenn ein Patient nach einer Operation wieder ordentlich sehen kann. Weil die Menschen vorher die Welt nur verschwommen wahrnehmen konnten, sind sie danach so dankbar.“ Tausende Patienten hat Frau Doktor in ihrer Kartei. „Die Arbeitsbelastung in meinem Traumberuf war immer am äußersten Rand.“ Für die Familie war das oft nicht einfach. Aber ihr Mann, Ingenieur in Rente, hat viel geholfen. Und die drei Kinder sind alle Mediziner geworden, „gedrängt habe ich sie nicht dazu“, lächelt Frau Kretschmar. Sie ist überglücklich, dass ihr Sohn Stephan die Praxis übernimmt. Denn einen Nachfolger zu finden, ist für niedergelassene Mediziner fast aussichtslos.

Auch wenn die Augenärztin ihren Ruhestand auf Usedom im Campingwagen beginnen möchte, bleibt sie eine begeisterte Bautzenerin. Bei ihrer Heimatstadt gerät die Doktorin ins Schwärmen: „Bautzen hat ein solches Fluidum, meine Besucher habe ich immer gnadenlos durch die Altstadt geschleppt!“ Ähnlich faszinierend findet Hella Kretschmar nur das Objekt ihrer langjährigen Arbeit: „Augen sind so schön: Die glänzende Regenbogenhaut, die spielende Pupille und auch die Trübungen. Die tollsten Sachen kann man im Sehorgan entdecken. Die ganze Welt spiegelt sich im Auge.“ Zehn Jahre schaute sie auch nach Erna Pannachs Sehkraft. Die 91-Jährige war gern bei ihr: „Ich wurde hier immer sehr gut bereut. Zwar ist es traurig, dass Frau Doktor aufhört, den Ruhestand hat sie sich aber verdient.“