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Die West-Tüte ist oben flacher

Ein Drittel mehr Zuckertüten als vor einem Jahr dürfte es heute in Görlitz geben. Denn die Zahl der ABC-Schützen ist deutlich gestiegen.

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Von Katja Krellund Frank Seibel

Für Liane Onderka ist der Schulstart ein wichtiges Datum. So wie Ostern vielleicht oder Weihnachten. Denn der Schulstart markiert immer einen Höhepunkt im Geschäftsjahr. Liane Onderka ist Spezialistin für Süßes mit einem Geschäft auf der Jakobstraße. Und somit auch für Zuckertüten.

Süßigkeiten sind nach wie vor der Grundstock der guten alten Zuckertüte. Ziemlich genau seit 200 Jahren. Damals entstand nämlich die Zucker- oder Schultüte; übrigens ein Brauch, der seine Wurzeln in Sachsen und Thüringen hat. Doch die zukünftigen Erstklässler finden in ihren Zuckertüten längst nicht mehr nur Süßes. Auch Spielzeug und Kuscheltiere sowie Textilien und natürlich erste wichtige Utensilien, wie Füller, Radiergummi, Lineal, Farbkasten und Buntstifte machen die Zuckertüte zu einem Traum für den Schulanfänger.

„Die meisten Eltern suchen nach etwas Sinnvollem“, sagt Karola Nagl, die ein Spielwarengeschäft in der Hospitalstraße hat. So gehören auch Lernspiele in das aktuelle Zuckertüten-Repertoire.

Damit es zum Start in den Ernst des Lebens auch ein bisschen bunt und spaßig zugeht, kommen aber doch auch ganz nette Dinge in viele Zuckertüten: Leuchtanhänger für den Ranzen, einem Wecker, Kassetten, CD‘s oder ein Namens-Stempel.

Und gerade in diesem Jahr, sagt Pralinen-Expertin Liane Onderka, kaufen die Eltern auf Grund der Hitze weniger Süßes, zumindest weniger Schokolade. Stattdessen sind es eher Gummibärchen, Bon-Bons, Kaugummi, Kekse. Und in einer Görlitzer Zuckertüte dürfen natürlich auch die Liebesperlen nicht fehlen, die ja seit Generationen hier hergestellt werden.

Seit zwei Jahren liegt auch die Zuckerwatte zum Selbermachen im Trend. Ansonsten ist der Inhalt der Zuckertüte in den letzten Jahren weitgehend gleichgeblieben. Und er unterscheidet sich auch bei den Mädchen und Jungen nicht. Ganz anders dagegen die Motive auf der Zuckertüte. Während es bei den Mädchen Barbie, Diddl, Märchenfiguren, Katzen oder Pferde sein müssen, stehen die Jungen eher auf Rennautos, Flugzeuge oder Motive von Comicfiguren.

Auf die Frage, ob denn eher eckige oder runde Zuckertüten gefragt sind, meinte eine Verkäuferin aus dem Schreibwarengeschäft McPaper, dass die Eltern meist die großen, eckigen nehmen. Die sind irgendwann zu DDR-Zeiten aufgekommen und erfreuen sich wachsender Beliebtheit. 80 Zentimeter hoch, bieten sie genügend Platz für viele kleine Geschenke. Die Großeltern greifen hingegen öfter zu den den etwas kleineren, runden Tüten.

Obwohl inzwischen schon einige Geschäfte gefüllte Zuckertüten anbieten, lassen es sich die meisten Eltern nicht nehmen, die Tüten selbst zu bestücken. „Das dauert schon ein paar Stunden. Schließlich muss ja möglichst viel hineinpassen, und schön soll es auch aussehen“, sagt Susan Hill aus der Görlitzer Südstadt.

Wenn die Theorie von Liane Onderka stimmt, müsste sie ihre Zuckertüte übrigens mit einer Beule oben versehen: Die Geschenke quillen sozusagen über den Rand. Die Beulen-Form ist nach Frau Onderkas Beobachtung eine Spezialität des Ostens.

Konrad Ufer aus der Innenstadt müsste demnach die Zuckertüte für seine Tochter Martha oben flach abschließen. Das machen die Leute aus den alten Bundesländern meist so, sagt Frau Onderka. Und Konrad Ufer kommt aus dem Nordwesten Deutschlands. Aber in einem sind sich Ost und West immerhin einig: Zuckertüte muss sein, wenn die ABC-Schützen an den Start gehen.

Das Geschäft mit den Zuckertüten und dem Inhalt dafür müsste in diesem Jahr übrigens deutlich besser gelaufen sein als im Jahr zuvor. Denn mit 375 Erstklässlern ist die Zahl der Abnehmer um 86 höher als vor einem Jahr. In die Nikolaischule kommen 70 statt 40 neue Schüler, in die Diesterwegschule 70 statt 55, und in der Grundschule Königshufen werden nach Auskunft der Stadtverwaltung 50 Jungen und Mädchen neu aufgenommen. Im vergangenen Jahr waren es dort 29. Bei den anderen Schulen liegt die Zahl etwa so hoch wie im Jahr zuvor.

Der Zuckertüten-Index zeigt für Görlitz also nach oben.