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Die Wikinger aus der Holzhandlung

Die SZ trifft Menschen in Pirnas Altstadthäusern. In einem barocken Zweigeschosser wohnen Carolin und Ulf Lein. Sie lieben und leben das Mittelalter.

© Kristin Richter

Von Jörg Stock

Pirna. Ulf Ulrikson zieht sein Schwert und zerteilt damit die nasse Nachmittagsluft. Die Klinge ist ein Werk polnischer Schmiede. Sie hat schon viele Schlachten mitgemacht. Gern kämpft Ulf mit diesem Prachtstück nicht. Jede Scharte, die es abkriegt, tut ihm weh. In letzter Zeit hat das Schwert etwas Flugrost angesetzt. Ulf hat sich vom Kämpfen aufs Kochen verlegt. Seine Waffe ist jetzt der Suppenquirl, die zurechtgestutzte Spitze eines einstigen Weihnachtsbaums. Seine Gäste sind die Mitglieder der Hledjolf Sifjar, der Schildwolfsippe. Am östlichen Ende der Plangasse, dort wo ein dreieckiger Platz mit Sitzbank sich auftut, steht ein barocker Zweigeschosser mit hohem Mansardendach. Er sticht heraus aus der langen Zeile geduckter Vorstadthäuschen, in denen einst Pirnas Elbschiffer und Fischer lebten. Auch die Nummer 13 war 1770 noch ein Kleine-Leute-Haus, in dem der blinde Fischersmann Johann Christoph Stohn wohnte. Im 19. Jahrhundert gründete hier Ernst Moritz Kunze ein florierendes Holzgeschäft. Im ganzen Umkreis wuchsen die Bretterstapel empor. Auch heute ist die Holzhandlung Ernst Kunze präsent, grüßt in großen Lettern von der Fassade. Aber Holz gibt es keins mehr, abgesehen von dem, das Ulf Ulrikson zum Heizen seiner Wikingerküche braucht.

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So wohnen die Leins

Ulf Lein – so heißt Herr Ulrikson, wenn er nicht gerade einen kriegerischen Seefahrer Skandinaviens darstellt – zog 2011 mit seiner Frau Carolin in die Plangasse 13 ein. Die beiden hatten schon länger mit dem Objekt geliebäugelt. Sie suchten Wohneigentum. In ihrer Mietwohnung wurde der Platz knapp für das Wikingerhobby, für die Zelte, Truhen, Kochgerätschaften und Waffen. Kein neues Haus sollte es sein, sondern eines mit Seele. So kaufte das Paar schließlich eine Hälfte von „Ernst Kunze“. Eine glückliche Fügung war das, findet Carolin Lein. „Das Haus hat auf uns gewartet.“

Sehnsucht nach dem Mittelalter

Carolin, 35 Jahre, Heilerziehungspflegerin, stammt aus dem Leipziger Südraum. Als Kind musste sie dort weg, weil Braunkohlebagger das Familiengrundstück auffraßen. Ulf, 42, ist gebürtiger Dresdner und Bundespolizist. Als „fankundiger Beamter“ reist er mit Dynamo-Anhängern kreuz und quer durchs Land. Kennen gelernt haben sich Ulf und Carolin in der düsteren Musikszene des Dark Wave, des Gothic Rock und Black Metal. „Gruftis“ nannte man die Anhänger dieser Subkultur in den 1980er- und 1990er-Jahren. Als Gruftis fühlen sich Ulf und Carolin heute noch, auch wenn sie nicht mehr nur in Schwarz herumlaufen und Gedanken an Tod und Vergänglichkeit nachhängen. „Im Herzen sind wir immer noch die Schwarzen“, sagt Carolin.

Typisch für die Szene ist ihre Affinität zu Mythen und Sagen und die Sehnsucht nach dem Mittelalter. Auch die Leins interessierten sich für diese Epoche, besuchten die einschlägigen Märkte, feierten sogar eine Mittelalterhochzeit. Irgendwann trafen sie „die richtigen Leute“ und fanden sich in einem Kreis Menschen wieder, die das Leben im Nordostseeraum zur Wikingerzeit nachzustellen suchten. Die Truppe nannte sich Hledjolf Sifjar – Schildwolfsippe.

Carolin erinnert sich sehr gut an den Tag der Namensgebung und an die Versuche, die originale Aussprache einzuüben. „Zum Schluss lagen wir vor Lachen fast unter dem Tisch.“ Wappentiere der Sippe sind die Wolfszwillinge Hati und Skalli. In der nordischen Mythologie jagen die beiden Sonne und Mond über das Himmelszelt und verursachen so den Wechsel von Tag und Nacht. Irgendwann werden sie ihre Jagdbeute verschlingen und die Welt wird untergehen, heißt es in der Sage. Trotz dieses düsteren Orakels erhofft sich die Sippe von ihren wölfischen Paten bei Tag und Nacht Schutz und Beistand.

Schildwölfe brauchen ihren Kaffee

Was die Schildwölfe betreiben, nennt man Reenactment oder auch Living History – lebendige Geschichte. In Freilichtmuseen und auf Märkten zeigen sie anderen Menschen, wie eine Gruppe aus Wikingern und Slawen gelebt haben könnte, die im 9. und 10. Jahrhundert mit Handel und Handwerk durch die nordischen Lande zog. Die Betonung liegt für Ulf und Carolin auf „könnte“. Die Erkenntnisse über diese Zeit seien mitunter sehr fragmentarisch, sagt Ulf. Das öffnet Spielraum für Interpretationen, den die beiden großzügig nutzen, auch wenn ihnen das immer mal dumme Kommentare einbringt. Sie sehen das mit der Authentizität eher praktisch. Nach einem zünftigen Gelage muss es morgens eben Kaffee geben, auch wenn die echten Wikinger von dessen Existenz nichts ahnten.

Verpflegung ist stets ein großes Thema, wenn die zehnköpfige Sippe auf Reisen geht – eine Herausforderung für Sippenkoch Ulf und für Carolin, die ihm als slawische Kräuterfrau zur Hand geht. Essen auf offenem Feuer zuzubereiten, braucht vor allem Geduld. Ist das Festmahl für sieben Uhr abends angesetzt, muss das Kochen allerspätestens um zwei anfangen. Bläst der Wind die Wärme unter den Kesseln weg, knurren die Mägen noch etwas länger.

Und was kommt auf den Tisch? Alles, was Kohl heißt zum Beispiel. Knollengemüse, Salat, Früchte, die auf Bäumen wachsen, dazu Wildfleisch und Fisch. Aus Getreide macht man Fladenbrot und Grütze, erlaubt sind auch Honig und Bier. Und wenn die Ideen ausgehen, kann ein Wikingerkochbuch helfen. Szenekundige Gourmets haben verschiedene Exemplare produziert.

Die Küche ist auch daheim in der Plangasse Lebensmittelpunkt der Leins. Maßgetischlerte Schränke aus Massivholz, ein italienischer Retroherd mit vorgebauter Messingstange, eine braungescheckte Katzendiva mit Namen Susi. Das umherstehende Tongeschirr und die baumelnden Kupferkessel werden tatsächlich benutzt. Desgleichen die schmiedeeiserne Pfanne. Ulf Lein schwört, es sei das beste Utensil, um Bratkartoffeln zuzubereiten.

Ja, das Haus hat Seele. Eine Seele, die manchmal durch die alten Mauern spukt. So kommt es den Leins jedenfalls vor. Seltsame Geräusche auf dem Dachboden, ein kalter Lufthauch aus dem Nichts. In letzter Zeit sind diese Vorfälle seltener. „Die Geister haben ihren Frieden mit uns gemacht“, sagt Ulf. „Trotzdem“, sagt Caro, „bin ich der Meinung, wir sind hier nicht allein.“

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