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Die Wirren des Weltverbands

Im Bobsport läuft einiges schief, findet der Bundestrainer. Aufgeregt hat er sich schon oft, geändert hat sich nichts.

© Robert Michael

Von Tino Meyer

Die peinliche Nummer mit den Viererbobs hätte es nicht mehr gebraucht, der Bundestrainer ist sowieso außer sich. Doch aufgeregt hat sich Christoph Langen über die seltsamen Entscheidungen des Weltverbandes IBSF schon oft genug und auch andere, seiner Ansicht nach gute Alternativvorschläge gemacht; mal intern bei diversen Gremiensitzungen, gerne auch in der Öffentlichkeit. Mal laut bayrisch-polternd, mal eher leise. Die Wirkung ist immer die gleiche: null Komma null.

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Für leidenschaftliche Sportler gilt: Es gibt kein schlechtes Wetter und auch nicht zu wenig Licht, nur falsche Kleidung.

Dass beim Weltcup am Wochenende in Whistler zwei Zweierrennen statt wie üblich je eines im kleinen und großen Schlitten ausgetragen werden, lässt den früheren Weltklassepiloten nur noch ratlos reagieren. „Ich bin ja gespannt. In Whistler sollen 2019 die Weltmeisterschaften ausgetragen werden. Wenn jetzt hier keine Viererbobs starten dürfen, wie soll das dann bei der WM werden?“

Eine wirkliche Antwort vom Verband gibt es nicht, die Funktionäre spielen auf Zeit. „Gemeinsam mit dem Sportausschuss haben wir uns darauf verständigt, dass nur Viererbobs als Spurschlitten fahren dürfen. Nach Auswertung der Fahrlinien mit den Mannschaftsverantwortlichen werden wir dann eine Entscheidung für die Zukunft treffen“, sagte IBSF-Generalsekretärin Heike Grösswang der Deutschen Presse-Agentur. Und was sagt Langen? Er schüttelt lediglich den Kopf.

Die beim Weltcup-Standort Whistler immer wieder aufkommende Sicherheitsdebatte kann er verstehen, der Tod des georgischen Rodlers Nodar Kumaritaschwili bei den Olympischen Winterspielen 2010 wirkt nach. Dass der erforderliche Umbau der Bahn aber immer wieder hinausgezögert wird, nervt ihn gewaltig. Der Weltverband sieht tatenlos zu – und kümmert sich stattdessen um Probleme, die zumindest für Langen und seine Trainerkollegen in Europa keine sind.

Zum Beispiel, dass es künftig auch den Frauen-Vierer geben soll. „Mein Lieblingsthema“, sagt er sarkastisch. Langen bezeichnet das nicht als den richtigen Weg. „Die internationale Entwicklung ist eine andere. Wir kriegen ja nicht mal im Zweier ein ordentliches Starterfeld zusammen“, betont der 53-Jährige. In dieser Saison fahren oft nur neun oder zehn Frauenteams um den Weltcup-Sieg.

Nur noch eine deutsche Pilotin

Und selbst die Deutschen stellen derzeit lediglich zwei Mannschaften, nachdem die Pilotinnen Cathleen Martini und Sandra Kiriasis die Karriere beendet haben. Nachwuchs ist da, aber noch nicht weltcuptauglich – was zu einem Novum führen könnte. Weil sich Anja Schneiderheinze und ihr Team zu Hause gezielt auf die WM in drei Wochen in Innsbruck vorbereiten sollen, ist die Oberhoferin Mariama Jamanka in Whistler die einzige deutsche Pilotin.

Auf der schnellen Olympiabahn, in der regelmäßig selbst Weltklassepiloten stürzen, ist sie noch nie zuvor gefahren. Erst nach den Trainingseindrücken will Langen deshalb entscheiden, ob Jamanka auch im Rennen dabei ist. Dabei würden den großen Bob-Nationen wie Deutschland sogar drei Startplätze zustehen, noch jedenfalls. Denn auch diesbezüglich hat der Weltverband Änderungen beschlossen. Ab kommender Saison darf jede Nation nur noch mit zwei Teams an den Start. „Die Gründe kann ich nicht nachvollziehen. Das ist der erste große Rückschritt“, meint der Bundestrainer. Seine Logik ist einleuchtend: Auf lange Sicht wird dann nur noch für zwei Teams geplant und jedes weitere Engagement zurückgefahren.

Das dürfte auch Auswirkungen auf den Nachwuchs haben. Wie sollen Talente gefunden und vor allem entwickelt werden, wenn zum Beispiel wie in Deutschland möglich, die beiden Sachsen Francesco Friedrich und Nico Walther in den nächsten fünf, sechs Jahren diese zwei Plätze dauerhaft besetzen. Es ist diese Perspektivlosigkeit, die Langen umtreibt. Zumal Bob an einem Wintersportwochenende wie diesem im Fernsehen wieder bestenfalls Nischenprogramm ist.

Die Rennen in Nordamerika finden nach mitteleuropäischer Zeit mitten in der Nacht statt, gezeigt im TV wird tags darauf eine kurze Zusammenfassung. „Ich sage es ganz deutlich: Der Weltcup-Kalender ist beschissen“, formuliert es Langen drastisch. Bob lebe nun mal in Europa, nicht in Übersee. Die Weltcups auf den deutschen Bahnen fanden aber bereits im November und Anfang Dezember statt – als hierzulande Winter noch Fremdwort gewesen ist. „Gerade jetzt bräuchten wir die Rennen in Altenberg, Winterberg oder am Königssee, jetzt würden auch viel mehr Leute an die Bahn kommen“, sagt Langen.

Stattdessen macht der Bob-Tross halt in Kanada – und muss die Zeche zahlen. „Unsere Kosten explodieren, denn hier ist gerade Hochsaison, und wir haben nur Schwierigkeiten“, erklärt der Bundestrainer. Für ein Town House, in dem drei bis vier Athleten unterkommen, hat er vergangenes Wochenende in Park City satte 380 Dollar bezahlt. Im Dezember, als die Rodler da waren, kostete dieselbe Unterkunft 120 Dollar. Macht unterm Strich für die drei Weltcups in den USA und Kanada rund 350 000 Euro an Reisekosten und damit dreimal so viel wie in vergangenen Jahren.

Dass dann in Whistler nicht mal mehr die Vierer starten dürfen ... Langen hat sich genug aufgeregt, jetzt mag er sich lieber um seine Sportler kümmern.