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In Deutschland könnten bald viel mehr Wölfe leben

Biologen haben bundesweit 105 Rudel gezählt. Sie könnten fast überall in Deutschland sesshaft werden und mehr werden, als gedacht.

Biologen davon aus, dass es deutschlandweit 700 bis 1.400 Reviere gibt, in denen Wölfe leben könnte.
Biologen davon aus, dass es deutschlandweit 700 bis 1.400 Reviere gibt, in denen Wölfe leben könnte. © Symbolbild: dpa

Von Hanna Gersmann

Der Wolf als Nachbar? Es ist nur 20 Jahre her, da galt Canis Lupus in Deutschland als ausgerottet. Doch im Jahr 2000 wurden erstmals wieder Wolfswelpen geboren, in Sachsen. Mittlerweile leben in Deutschland – Wolfsland Nummer 1 ist Brandenburg – insgesamt 105 Wolfsrudel, 29 Wolfspaare und elf einzelne Wölfe. Und es können in den kommenden Jahren mehr werden als gedacht.

Bislang gingen Biologen davon aus, dass es deutschlandweit 440 Gebiete gibt, in denen Wölfe sesshaft werden könnten. Doch sind es viel mehr: 700 bis 1.400 Reviere. Leben könnten dort jeweils ein einzelner Wolf, ein Paar oder ein ganzes Rudel, zu dem meist drei bis elf Tiere gehören – die Eltern und ihre Nachkommen der letzten zwei Jahre. Das zeigt eine Studie, die das Bundesamt für Naturschutz am Mittwoch veröffentlicht hat.

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Wissenschaftler haben für die Studie die Daten von Wölfen ausgewertet, die mit Sendern versehen wurden. Sie konnten so nachvollziehen, welche Wege die Tiere zurücklegen. Ihre Erkenntnis: Wölfe können anders als lange Zeit angenommen nicht nur Wälder besiedeln, sondern „auch reine Agrarlandschaften“. Es muss dort nur Rückzugsgebiete geben, „in denen sie ungestört den Tag verbringen können“. So müsse, folgern die Experten, „überall mit durchwandernden Wölfen gerechnet werden“, vor allem könnten sie „fast überall in Deutschland sesshaft werden.“

Vor Kurzem verirrte sich ein Wolf in ein Wohnhaus in Görlitz. Er wurde betäubt und im Wald wieder freigelassen.
Vor Kurzem verirrte sich ein Wolf in ein Wohnhaus in Görlitz. Er wurde betäubt und im Wald wieder freigelassen. © Nikolai Schmidt

Ballungsräume ungeeignet

Nicht mitten in Berlin, in Hamburg, anderen dicht besiedelten Regionen wie Halle-Leipzig oder in den Ballungsräumen Nordrhein-Westfalens. Doch etwa in den bayerischen Alpen, entlang der tschechischen Grenze, in den Mittelgebirgen oder verstreut in Nordostdeutschland. Das Problem: Noch hat sich der Mensch nicht an den Wolf gewöhnt. Er macht es ihm auch nicht immer leicht.

So sorgte zuletzt etwa GW924m im Norden Deutschlands für Schlagzeilen – GW wie grauer Wolf, 924 für den genetischen Code, m für männlich. Manche nannten ihn Dani. Anfang diesen Jahres fuhr ihn ein Fahrzeug an, Dani starb. Zuvor waren Jäger monatelang auf der Pirsch nach ihm. Er soll in anderthalb Jahren vor allem in Schleswig-Holstein mehr als 60- mal Schafe gerissen haben. Nicht nur Problemwölfe wie er wecken Ängste bei Schäfern und Bauern. Was sich tun lässt?

Zum Abschuss dürfen Wölfe nur freigegeben werden, wenn sie wie GW924m auffällig werden. Sie sind durch viele Vorgaben geschützt, etwa die europäische Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie und das Bundesnaturschutzgesetz. Doch es gibt ein Problem, das Experten so beschreiben: Gelegenheit macht auch aus Wölfen Diebe.

Ein Wolf, gesichtet und fotografiert nahe Klitten am Schulenburgkanal.
Ein Wolf, gesichtet und fotografiert nahe Klitten am Schulenburgkanal. © André Schulze

Sie ernähren sich zwar zu mehr als 90 Prozent von Rehen, Hirschen, Wildschweinen. Doch lässt sich ein Schaf, eine Ziege, ein Rind leicht erwischen, dann jagen und töten sie diese. Darum empfehlen die Wissenschaftler in ihrer Studie, sich schon jetzt bundesweit auf den Wolf einzustellen und „effektive Herdenschutzmaßnahmen“ zu ergreifen. Das sind für sie elektrifizierte bodenabschließende Zäune, mindestens 120 Zentimeter hoch, auch Herdenschutzhunde.

Für Landwirte und Schäfer bedeutet das in jedem Fall mehr Aufwand. Zwar fördern viele Bundesländer den Herdenschutz schon heute, die einen mehr, die anderen weniger. Der Präsident des Umweltverbandes Nabu, Jörg-Andreas-Krüger, hat bereits alle Bundesländer aufgefordert, „100 Prozent der Anschaffungs- sowie Unterhaltskosten für Zaunmaterial und Herdenschutzhunde zu fördern und Standards für guten Herdenschutz zu kommunizieren.“

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