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Die Wölfe sind da, die Bären nicht

Das Riesengebirge wird wilder. An den Rändern jagen erste Wölfe, der Luchs schleicht umher, Otter machen sich breit.

© Irmela Hennig

Von Irmela Hennig und Maria Marciniak

Drei Wölfe. Artur Palucki hat das Foto auf seinem Smartphone. Östlich des Riesengebirges auf dem Landeshuter Kamm bei Kamienna Góra (Landeshut) gibt es ein Wolfsrudel. Und es ist wiederholt in eine Fotofalle getappt. Dieses und voriges Jahr hatte das Elternpaar jeweils drei Welpen. Auf ihren Streifzügen kommen die Tiere auch immer wieder ins Riesengebirge. Im Isergebirge lebt inzwischen ebenfalls eine Wolfsfamilie. Vergangenes Jahr waren es insgesamt wohl drei Tiere. Aktuell ist nicht sicher, ob es Nachwuchs gibt. Vielleicht zwei Junge, sagt Artur Palucki. Auch dieses Rudel macht gelegentlich Jagd im Riesengebirge.

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Der hütet in einer lebenden Gendatenbank seltene Pflanzen wie die Allium sibiricum (Alpenschnittlauch).
Der hütet in einer lebenden Gendatenbank seltene Pflanzen wie die Allium sibiricum (Alpenschnittlauch). © Irmela Hennig
Wie auf diesem Foto aus einem Gehege in Neuhaus streift der Wolf inzwischen auch durch den polnischen Teil des Riesengebirges.
Wie auf diesem Foto aus einem Gehege in Neuhaus streift der Wolf inzwischen auch durch den polnischen Teil des Riesengebirges. © Lino Mirgeler/dpa

Aber wirklich heimisch sind die Räuber noch nicht zwischen Schneekoppe und Kesselkoppe. Weder auf polnischer noch auf tschechischer Seite, weiß Zoologe Palucki. Er ist seit 21 Jahren im polnischen Nationalpark Riesengebirge tätig, inzwischen im wissenschaftlichen Bereich. Und er ist Experte für die seltenen Tierarten, vor allem für Vögel. Aber auch für Luchs, Wolf und Co. – im „wilden“ Gebirge, im staatlich geschützten Gebiet, das 6 000 Hektar umfasst. Das ist etwa ein Drittel des polnischen Teils. Das Übrige wird forstwirtschaftlich genutzt. In Tschechien unterstehen die ganzen etwa 39000 Hektar Fläche der Naturparkverwaltung. Trotzdem gibt es hier bislang nur einzelne Wölfe, die durchwandern. Ein junges Weibchen, das dieses Jahr in einem Schafstall entdeckt und eingefangen wurde, entpuppte sich als krank und wurde eingeschläfert.

Genug Rehe, Hirsche, Wildschweine und andere Nahrungsquellen gibt es für die Wölfe im Riesengebirge sicher. Warum sie trotzdem bislang nur vereinzelt hier auftauchen, ist nicht wirklich klar. Allerdings fehle Polen auch eine so intensive wissenschaftliche Beobachtung der Tiere, wie sie Sachsen hat. Artur Palucki verfolgt genau, was sich westlich der Grenze in Sachen Wolf so tut. Nutztiere haben die Isergebirgswölfe bislang übrigens nicht gerissen. Die vom Landeshuter Kamm haben sich 2018 sieben Ziegen und Schafe geholt.

Beeren und Pilze sammeln verboten

Vielleicht ist es der Mensch, der den scheuen Jäger davon abhält, sich in den Bergen zwischen Karpacz (Krummhübel) und Szklarska Poreba (Schreiberhau) anzusiedeln. Denn die Region ist einer der Touristenmagneten in Niederschlesien. 2,5 Millionen Gäste besuchten zuletzt jährlich das polnische Gebiet, auf tschechischer Seite waren es drei bis vier Millionen. „Und die Zahl wächst“, sagt Artur Palucki. Allein Polen bietet hier 140 Wanderrouten, bei den Tschechen seien es mehr. „Dass sich bei diesen Massen alle gut verhalten, ist unmöglich“, bedauert der Fachmann.

Sie verlassen die Wege, sammeln – obwohl es verboten ist – Beeren und Pilze. Sie missachten Sperrzonen, die im Frühling angelegt werden, um Birkhuhn, Auerhuhn und Falken beim Brüten die nötige Ruhe zu gönnen. Oder sie düsen im Winter mit Schneescootern durch geschütztes Gelände. Vom Weg abweichen – gerade bei Schnee – kann lebensgefährlich werden. Denn das Riesengebirge ist ein Lawinengebiet. Immer wieder werden Menschen verschüttet und kommen sogar um, weil sie unvorsichtig seien.

Trotz der Gäste bietet das Riesengebirge ein großes Spektrum an Flora und Fauna. Der Luchs ist hier wieder heimisch. 2006 gab es wohl drei bis vier Tiere. Inzwischen seien es noch ein bis zwei – der Luchs mache wohl den Wölfen Platz. Der Uhu, die erwähnten Birk- und Auerhühner, 60 Exemplare des Rotsternigen Blaukehlchens sind hier zu finden. Dazu Spechte. In den Torfgebieten fliegen seltene Libellenarten und Schmetterlinge. „Sie konnten hier überleben, weil der Mensch sie nicht vernichtet hat“, sagt Palucki. Denn die höheren Lagen des Riesengebirges sind kaum besiedelt. Zwar drängen sich im Tal zu Füßen der Berge die Städte und Dörfer, doch weiter oben hat die Natur Platz. Außerdem bietet sich den Tieren und Pflanzen ein natürlicher Korridor, der vom Lausitzer Bergland übers Zittauer Gebirge, die Iserregion und das Riesengebirge bis in die Beskiden reicht.

Ob Wildkatzen über diese Passagen aus Deutschland hier eingewandert sind, lässt sich noch nicht sagen. Es gebe Fotofallenbilder. Ob die wirklich das kleine Katzentier zeigen, sei jedoch nicht bestätigt. Aber der Biber macht sich im Tal breit und die Otter kommen von dort auch in die höheren Gebiete.

Die Gerüchte von einer Bärenmama mit drei Jungen, die im Frühsommer die Runde machten, haben sich allerdings als unhaltbar erwiesen. Bei einem Massensportereignis Ende Juni meinte eine Teilnehmerin, die Braunbärenfamilie in der Region Karpacz entdeckt zu haben. „Aber so etwas bleibt nicht unbemerkt. Vier Bären hinterlassen Spuren. Doch weder Parkmitarbeiter, noch Jäger, noch Wanderer haben die Bären gesehen“, so der Biologe. Auch die Spur eines mittelgroßen Bären, die ein Jäger entdeckt haben will, ist kalt. Es wäre zudem ein weiter Weg für Meister Petz. 350 Kilometer sind es von den Beskiden, wo die nächsten Braunbären vorkommen, bis ins Riesengebirge.

Gendatenbank und Baumschule

Von dieser Art Gerüchte hält Artur Palucki nichts. Er macht lieber aufmerksam auf die vielen seltenen Pflanzen, die im Gebirge wachsen. Einige davon findet man nur hier, zum Beispiel Campanula bohemica, die Böhmische Glockenblume. Sie bildet zusammen mit einer Hyazinthe das Logo des Riesengebirges. Auf etwa 2000 Hektar Fläche, in den subalpinen Gebieten, gedeihen die wertvollsten Arten. Da wo auch im Sommer noch Schnee liegenbleibt.

In Jagniatków (Agnetendorf) bei Jelenia Góra (Hirschberg) hüten die etwa 70 polnischen Nationalparkmitarbeiter einen besonderen Schatz – eine lebendige Gendatenbank. In Gewächshäusern und auf angelegten Bepflanzungsflächen ziehen sie seltene Arten, die nicht verloren gehen sollen. Außerdem werden Schmetterlingsraupen gezüchtet. In einer Art Baumschule lassen die Experten kleine Tannen wachsen. Die waren aus dem Riesengebirge für 500 Jahre fast völlig verschwunden. Abgeholzt, durch schnell wachsende, gewinnbringende Fichten ersetzt. Jetzt wird die Tanne wieder angepflanzt, damit die Region ihrem Ruf vom „dunklen Tannenwald“ gerecht wird.