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„Die Wörter Kanacke und Nazi sind bei uns tabu“

Der Meißner Bauunternehmer Ingolf Brumm beschäftigt zehn Ausländer – trotz viel Aufwands und skeptischer Kollegen.

Bauunternehmer Ingolf Brumm mit seinem Mitarbeiter Ardian Sopa auf der Baustelle der Kalkbergschule. Er darf nach der Ausbildung bei Brumm Bau noch zwei Jahre in Deutschland bleiben. Was danach kommt, ist ungewiss.
Bauunternehmer Ingolf Brumm mit seinem Mitarbeiter Ardian Sopa auf der Baustelle der Kalkbergschule. Er darf nach der Ausbildung bei Brumm Bau noch zwei Jahre in Deutschland bleiben. Was danach kommt, ist ungewiss. ©  Claudia Hübschmann

Meißen. Dass die Meißner Schule zur Lernförderung auf dem Kalkberg fristgerecht bis Schuljahresbeginn fertig wird, daran trägt auch Ardian Sopa seinen Anteil. Der 28-jährige Trockenbaumonteur ging drei Jahre lang bei Bauunternehmer Ingolf Brumm in die Lehre, bestand die Prüfungen danach mit Einsen und Zweien – und das, obwohl er anfangs kaum ein Wort Deutsch sprach. Sopa stammt aus dem Kosovo.

Er ist einer von zehn Mitarbeitern mit Migrationshintergrund, die Brumm beschäftigt, sie machen rund 13 Prozent seiner Belegschaft aus und kommen aus dem Kosovo, aus Griechenland, Slowenien und Afghanistan. Auch Mitarbeiter aus Pakistan, Ägypten und Syrien habe er schon gehabt, erzählt Brumm.

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 Bis auf einen Afghanen, der seine Lehre im September beginnt, haben alle feste Arbeitsverträge, erhalten Baumindestlohn und den gleichen Urlaub wie die anderen Bauarbeiter. Der Chef legt Wert darauf, sie so zu behandeln wie alle seine Leute, auch wenn man sie schon mal zum Einkaufen begleiten muss.

Für Brumm sind die neuen Mitarbeiter Bereicherung wie Zusatzaufwand gleichermaßen. Eine Bereicherung, weil man auf dem Arbeitsmarkt heute kaum noch Leute finde, die auf dem Bau arbeiten wollen; weil die neuen Mitarbeiter einsatzbereit seien, immer freundlich und ihr Krankenstand niedriger sei als bei den Deutschen. Gleichzeitig muss der Bauunternehmer eine Menge investieren – Zeit wie Geld.

Wilfried Röper, Prokurist bei Brumm-Bau, wendet zum Beispiel fast 80 Prozent seiner Arbeitszeit für sie auf, schätzt Brumm. Röper nennt sich deshalb selbst scherzhaft den „Ausländerbeauftragten“. 

Am Dienstag fährt er mit einem Mitarbeiter in die Botschaft nach Berlin, um dessen Pass abzuholen. Die ersten zwei Wochen, die ein Neuer da sei, habe man ständig Behördengänge, schätzt Brumm. Es gebe keinen zentralen Anlaufpunkt für Fragen, Deutschkurse habe die Firma kurzerhand selbst organisiert, und die Papiere der Migranten sähen auch immer anders aus. 

Von einem Tag auf den anderen könne sich ihr Status ändern. Ob die Menschen, die er heute ausbildet, auch noch in fünf oder zehn Jahren bei ihm arbeiten, weiß er nicht. Es ist ihm auch nicht so wichtig. Er sieht sein Engagement als „ein Stück Friedenspolitik“, denn er gehe davon aus, dass der Großteil früher oder später in ihre jeweiligen Herkunftsländer zurückkehre, ob freiwillig oder nicht. Dann nähmen sie immerhin Bildung mit, eine zweite Sprache, etwas Geld – und eine positive Einstellung den Deutschen gegenüber.

Brumms eigene Einstellung teilen jedoch nicht alle seine Mitarbeiter. Über zwei Drittel, schätzt er, betrachten die Ausländer mit Skepsis. Neulich gab es Streit auf dem Bau, einer beschimpfte den Migranten als „Kanaken“, der andere konterte mit „Nazi“. Brumm hat die beiden Begriffe zu Tabuwörtern erklärt. „Das ist ein Lernprozess, der längst nicht beendet ist“, sagt er.

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Ein Kommentar von Dominique Bielmeier über die Migranten bei Brumm-Bau.

Es helfe, mehr voneinander zu erfahren. Wie im Fall des Mannes, der nun in die Botschaft muss. Seit über zwei Jahren sei er schon in der Firma, habe einen sehr guten Stand, berichtet Röper. Als die Kollegen erfuhren, dass er nach Berlin muss, hätten sie besorgt gefragt: Er wird doch nicht abgeschoben? 

Einem anderen wurde der Spitzname „Erich“ verpasst. Vielleicht weil die Kollegen finden, dass er aussieht wie Honecker, mutmaßt Brumm. Das größte Problem für den Bauunternehmer? „Zu erklären, was ein Brückentag ist.“ 

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